Geblogge, Neuerscheinung

Kleine Vorschau auf „List und Liebe“

Endlich ist es soweit. ­čÖé Shirleys Band ist korrigiert, testgelesen, hat ein Cover und sogar einen Namen. Den habe ich gestern nach einer Last Minute-Facebook-Umfrage festgelegt. ├ťber manche Dinge sollte man nicht zu lange nachgr├╝beln.Vielen Dank an alle, die mitgeholfen haben!

Nun ist das E-Book auf Amazon vorbestellbar. Eine gro├če Bekanntmachung gibt es am Ersten, wenn es richtig erscheint. Weil es bis dahin auch keine Leseprobe auf Amazon gibt, poste ich hier mal zwei Kapitel f├╝r alle Unentschlossenen. Eins vom Anfang und ein etwas sp├Ąteres, in dem s├Ąmtliche Winter-Geschwister eine gesittete Unterhaltung f├╝hren. Oder das, was sie daf├╝r halten.

1. Shirley

Gwendolyn Ophelia Luise von Rieke-Rothaus hielt ein Referat. Leider.
┬╗Na ja, und dann sind sie nach ÔÇŽ┬ź Sie sah auf die Notizen in ihren perfekt manik├╝rten H├Ąnden. Ihr s├╝├čes Gesicht verzog sich, als sie versuchte, die eigene Handschrift zu entziffern. ┬╗Dann sind sie nach Teneriffa gesegelt und dann haben sie den ├äquator ├╝berquert und, ├Ąh, dann sind sie in S├╝damerika angekommen und dann ÔÇŽ┬ź Sie zwirbelte eine blonde Str├Ąhne zwischen den Fingern. ┬╗Na, den Rest k├Ânnt ihr euch denken, nicht wahr?┬ź
Gwen l├Ąchelte. So strahlend, dass Shirley ein leises Seufzen von rechts vernahm. Luis‘ Seufzen. Der verschlang Gwens schlanke Gestalt mit den Augen. So wie jedes m├Ąnnliche Wesen in der Klasse, aber Luis war ein besonders hoffnungsloser Fall. Seit Gwen ihm im letzten Jahr die Ehre gew├Ąhrt hatte, zwei Wochen lang ihr Freund zu sein, schmachtete er sie an. Shirley fragte sich ernsthaft, warum. Seit der Sache mit Luis hatte Gwen mindestens vier ebenso kurzfristige Beziehungen gehabt. Au├čerdem hatte sie dreimal die Sportart gewechselt, sieben neue Frisuren ausprobiert und zwei Fremdsprachen angefangen.
Kurzzeitig war sie in Shirleys Spanischkurs gewesen, bis sie die Lehrerin ├╝berredet hatte, dass sie zu Japanisch wechseln durfte. Gwen kam mit so etwas durch. Ein unschuldiger Augenaufschlag, ein L├Ącheln, das ihre Gr├╝bchen zum Vorschein brachte und alle taten, was sie wollte. Sie meinte es ja nicht b├Âse. Sie war einfach jemand, der schnell das Interesse verlor.
Das Referat hatte ├╝brigens spannend begonnen. Gwen hatte voll Leidenschaft von Magellans Kindheit erz├Ąhlt, davon, wie er in einer verarmten Adelsfamilie aufgewachsen war, wie fr├╝h seine Eltern gestorben waren und wie er sich trotz aller Widrigkeiten hochgek├Ąmpft hatte. Aber schon, als er den ersten Kapit├Ąnsposten erreicht hatte, war ihre Stimme monotoner geworden und sie hatte immer ├Âfter in ihre Notizen schauen m├╝ssen. Die nun anscheinend zu Ende waren.
┬╗Das warÔÇÖs.┬ź Gwen l├Ąchelte. Warmes Herbstlicht fiel durch die Fenster auf ihre goldenen Haare und ihre graublaue Schuluniform. Sie sah aus, als w├Ąre sie einem Werbeprospekt entstiegen. Es war ein bezauberndes Bild, wie sie vor der Tafel stand, in dem hellen Raum mit den stuckverzierten Decken, strahlend sch├Ân und aufgeweckt. Kurz: die ideale Sch├╝lerin. Ihre Frisur sa├č perfekt, ihre Haltung war elegant und sie erz├Ąhlte v├Âlligen Schwachsinn. ┬╗Der Ferdinand hat die Welt umsegelt und, ├Ąh, alles wurde gut und er lebte gl├╝cklich bis an sein Lebensende.┬ź
Herr Wuller sah Gwen ungl├Ąubig an. Selbst der langwimprigste Augenaufschlag w├╝rde sie jetzt nicht mehr retten.
┬╗Bis an sein Lebensende?┬ź, fragte Wuller. Seine Stimme triefte vor Sarkasmus.
Gwen nickte und machte H├Ąschenaugen.
Shirley ├╝berlegte, ob sie Gwen irgendein Zeichen geben konnte. Ihr irgendwie verst├Ąndlich machen konnte, dass ihre Version der Realit├Ąt nicht ganz mit der in den Geschichtsb├╝chern ├╝bereinstimmte. Aber sie tat es nicht. Nicht nur, weil Gwen darauf bestand, Magellan ┬╗den Ferdinand┬ź zu nennen. Shirley war immer noch sauer auf sie. Dieses P├╝ppchen hatte ihr die erste Drei in ihrer gesamten Schullaufbahn eingebrockt. Also verschr├Ąnkte Shirley die Arme, lehnte sich in ihrem Stuhl zur├╝ck, und beobachtete, wie Gwen vorne an der Tafel ins Schwitzen geriet.
┬╗Wurde wirklich alles gut f├╝r Magellan?┬ź, bohrte Wuller weiter und lie├č die Fingern├Ągel ├╝ber sein Pult tanzen.
Gwen ├╝berlegte fieberhaft. Nachdenklichkeit stand ihr gut, so wie eigentlich alles. Leise Panik huschte ├╝ber ihr Engelsgesicht.
┬╗Nein, also, er ÔÇŽ┬ź Sie sah in die Klasse, auf der Suche nach Rettung. Es gab keine. ┬╗Nat├╝rlich war er nicht immer gl├╝cklich. Er, ├Ąh, also seine Ehe ist in die Br├╝che gegangen, weil er so viel unterwegs war?┬ź Sie sah Wuller fragend an.
Der verdrehte die Augen. ┬╗Nein.┬ź
┬╗Er war immer sehr traurig, weil er eine Glatze hatte? Ich meine, der Hut kaschiert das ganz gut, aber ÔÇŽ┬ź
┬╗Nein.┬ź
┬╗Die anderen Matrosen haben ihn ge├Ąrgert, weil er Ferdinand hie├č? Ich wei├č auch nicht, was seine Eltern sich dabei gedacht haben ÔÇŽ┬ź Ihre Stimme verklang.
┬╗Nein.┬ź Herr Wuller seufzte. ┬╗Kann jemand Frau von Rieke-Rothaus erkl├Ąren, warum Magellans Weltumseglung kein Happy End hatte?┬ź
Shirley hasste sich ein wenig, weil sie als Einzige die Hand hob.
Abiturnote 1,0, sagte sie sich. Abiturnote 1,0. Keine R├╝cksicht.
┬╗Frau Winter?┬ź Wuller nickte ihr zu.
┬╗Er starb, bevor sie endete┬ź, sagte sie. ┬╗Im April 1521 wurde er bei einem Kampf mit den Einheimischen von Mactan get├Âtet. Er bekam eine Lanze ins Gesicht und eine unter den rechten Arm und war vorher schon von einem vergifteten Pfeil durchbohrt worden.┬ź Die blutigen Details waren ihr die liebsten. ┬╗Die Weltumseglung wurde zwar abgeschlossen, aber ohne ihn. Von 237 Mann und f├╝nf Schiffen, die gestartet waren, kamen nur 18 Mann und ein Schiff zur├╝ck.┬ź
┬╗Genau┬ź, sagte Wuller.
┬╗Oh nein┬ź, sagte Gwen. ┬╗Der arme Ferdi.┬ź
Wuller schaute sie an, als h├Ątte sie gefurzt. Eigentlich ganz nett von Gwen, dass sie Mitleid mit einem Kerl hatte, der vor ├╝ber 500 Jahren verstorben war.
┬╗Frau von Rieke-Rothaus, wie weit haben Sie das Buch, das sie vorstellen sollten, gelesen?┬ź, fragte er. Seine Stimme schnitt durch die Luft wie ein Rasiermesser. ┬╗Anscheinend nicht bis zum Ende, oder?┬ź
┬╗Nein.┬ź Gwen sah zu Boden. ┬╗Tut mir leid. Der Anfang war super, aber dann ÔÇŽ Also, es wird schon etwas ├Âde und ÔÇŽ Dann habe ich angefangen, Hockey zu spielen und meine ganze Zeit ist f├╝r das Training draufgegangen.┬ź Sie h├╝stelte.
Wullers Miene wurde immer finsterer. Unangenehmes Schweigen hing im Raum, dr├╝ckend wie ein heranziehendes Gewitter.
┬╗Frau von Rieke-Rothaus, wenn Sie in der zw├Âlften Klasse┬ź, er wurde lauter, ┬╗noch nicht in der Lage sind, ein Buch zu beenden, f├╝r dessen Lekt├╝re Sie DREI WOCHEN ZEIT HATTEN ÔÇŽ┬ź
┬╗Genau genommen hatte Magellans Geschichte ein Happy End┬ź, platzte Shirley heraus. Irgendjemand musste etwas tun, sonst w├╝rde der Rest der Stunde daraus bestehen, dass Wuller Gwen anbr├╝llte. Und da sich mal wieder keine der reichen G├Âren dazu herablie├č ÔÇŽ ┬╗Ich meine, seine Expedition hat als erste die Welt umsegelt, auch wenn nicht alle Teilnehmer lebend ankamen. Sie haben endg├╝ltig die Kugelform der Erde bewiesen, die bis dahin immer noch angezweifelt wurde und deshalb hat sein Name die Jahrhunderte ├╝berdauert und ÔÇŽ das ist doch was. Au├čerdem wurde die Magellanstra├če nach ihm benannt, er ist also quasi unsterblich geworden, auch wenn er, na ja, gestorben ist.┬ź
Sie versuchte, ├╝berzeugend zu schauen. Wullers Gewittermiene gl├Ąttete sich. Ein wenig. Ein ungl├Ąubiges Schnauben entkam seinen Nasenl├Âchern.
┬╗Das k├Ânnte man so sehen┬ź, brummte er. ┬╗Wenn man die Geschichte sehr gro├čz├╝gig auslegt. Fakt ist aber, dass Frau von Rieke-Rothaus erneut die ihr gestellte Aufgabe nicht erf├╝llt hat.┬ź
┬╗Der Anfang war korrekt.┬ź Shirley, du solltest einfach die Klappe halten, dachte sie. Einfach die Klappe halten. Aber darin waren die Mitglieder ihrer Familie nie besonders gut gewesen. ┬╗Daf├╝r sollte sie ein paar Punkte bekommen, oder?┬ź
Wuller sah sie an, als w├Ąre sie vollkommen bekloppt.
┬╗Die Punkte vergebe ich, Frau Winter┬ź, knurrte er. Das war es wohl mit Shirleys Lieblingssch├╝ler-Status gewesen. ┬╗Von Rieke-Rothaus, Sie bekommen sieben Punkte, weil ich ein gn├Ądiger Lehrer bin. Setzen Sie sich.┬ź
Gwen duckte sich und huschte an ihren Platz zur├╝ck. Leise seufzend lie├č sie sich neben Shirley nieder.
┬╗Danke┬ź, fl├╝sterte sie. ┬╗Ich hab gedacht, gleich rei├čt er mir den Kopf ab.┬ź
Ihr Atem kitzelte Shirleys Ohr und der dezente Duft ihres Parf├╝ms zog her├╝ber. Vanille und Sandelholz. Shirley sah stur nach vorne.
┬╗Bitte┬ź, fl├╝sterte sie.
┬╗Wei├čt du┬ź, wisperte Gwen in ihr Ohr, ┬╗ich wollte echt weiterlesen, aber mir sind immer die Augen zugefallen und irgendwie habe ich es total vergessen, bis gestern Abend ÔÇŽ┬ź
┬╗Von Rieke-Rothaus! Folgen Sie dem Unterricht?┬ź, br├╝llte Wuller.
┬╗Nei… ├Ąh, ja. Nat├╝rlich.┬ź Gwen richtete sich auf und versuchte, aufmerksam zu schauen. Sie wirkte wie ein Kindergartenkind, das so tat, als w├Ąre es schon eine richtige Sch├╝lerin. Shirley sch├╝ttelte innerlich den Kopf.

***

Sobald der Geschichtsunterricht vorbei war, strahlte Gwen wieder.
┬╗Danke nochmal!┬ź Sie haute Shirley erstaunlich kr├Ąftig auf die Schulter. ┬╗Das war so supernett von dir!┬ź Anscheinend hatte sie schon vergessen, dass Shirley ihr ganzes Streberwissen ├╝ber Magellan ausgebreitet und sie blo├čgestellt hatte. Noch mehr, als Gwen sich selbst blo├čgestellt hatte.
Shirley brummte irgendetwas Undeutliches.
┬╗Reiten wir mal wieder aus, Shirley?┬ź, fragte sie. ┬╗Das haben wir schon so lange nicht mehr. Hast du heute Nachmittag Zeit?┬ź
┬╗Nein, ich muss lernen┬ź, sagte Shirley. Das stimmte ja auch.
Ein Schatten flog ├╝ber Gwens Gesicht. ┬╗Oh. Okay. Also, vielen Dank f├╝r die Rettung. Bis sp├Ąter!┬ź Schon l├Ąchelte sie wieder. Sie schnappte sich ihre Burberry-Tasche, h├╝pfte zu den anderen Klassenprinzessinnen hin├╝ber und schnatterte mit denen, bis sie gemeinsam aus der T├╝r verschwunden waren.
Dom tauchte neben Shirleys Pult auf.
┬╗Lernt sie ├╝berhaupt mal?┬ź, fragte er. Zweifelnd sah er der M├Ądelstruppe mit den hochglanzpolierten Haaren nach. ┬╗Ihr Referat ├╝ber Effi Briest lief genauso.┬ź
┬╗Glaub kaum. Ich verstehe immer noch nicht, wie sie es bis in die Zw├Âlfte geschafft hat, ohne sitzenzubleiben.┬ź
┬╗Charme, gutes Aussehen und reiche Eltern.┬ź Dom l├Ąchelte. ┬╗So wie du.┬ź
Shirley schnaubte. Witzig. Sie besa├č exakt nichts davon. Das Einzige, was sie hatte, war ihr Gehirn, und das trainierte sie gerade wie ein Bodybuilder seinen Bizeps.
┬╗Lernen wir heute?┬ź, fragte sie und wie immer nickte Dom.
Als sie gemeinsam durch den Flur gingen, bemerkte Shirley, dass eine entgegenkommende Gruppe M├Ądchen ihnen b├Âse Blicke zuwarf. Nein, nicht ihnen. Ihr. Dom schauten die M├Ądchen an, als h├Ątte er eine Schokoglasur mit Zuckerherzen. Wie ├╝blich. Und wie ├╝blich duckte er sich unangenehm ber├╝hrt, bis sie an denen vorbeigegangen waren.
┬╗Hab ich was im Gesicht?┬ź, murmelte er unbehaglich. ┬╗Nein, oder?┬ź
┬╗Doch, hast du┬ź, sagte Shirley. Sie hob ihre Stimme zu einem verz├╝ckten Quietschen. ┬╗Strahlende Sch├Ânheit. Freu dich doch. Andere Jungs w├╝rden Werwei├čwas daf├╝r geben, so angesehen zu werden.┬ź
┬╗Hmja, toll.┬ź Dom sah zu Boden. Der arme Kerl. Er konnte ja nichts daf├╝r, wie er aussah. Wie einer von diesen Boygroup-Boys, mit weichen, welligen Haaren, seelenvollen dunklen Augen und einem Gesicht, das vollkommen symmetrisch war. Symmetrie war Sch├Ânheit, das hatte Shirley gelesen. Der perfekte Abstand zwischen Augen, Nase, Mund und Kinn, sowie deren Gr├Â├če im Verh├Ąltnis zum Rest. Wieder ein Beweis, dass man alles berechnen konnte.
┬╗Ist ja nicht deine Schuld, dass du h├╝bsch und reich bist.┬ź Shirley versuchte, nicht zu l├Ącheln. ┬╗Du armes H├Ąschen.┬ź
┬╗Klappe.┬ź Er grinste. ┬╗Und ich bin ├╝berhaupt nicht reich.┬ź
┬╗Ne, aber dein Vater ist der drittreichste Mann von Ebernau.┬ź
┬╗Der viertreichste. Und Ebernau ist nicht sehr gro├č.┬ź
┬╗Immerhin gro├č genug, dass sich diese Bonzenschule hier lohnt.┬ź
Er hob gespielt vornehm eine Augenbraue. ┬╗Diese exklusive Privatschule, meinst du.┬ź
┬╗Bonzenschule f├╝r nichtsnutzige G├Âren.┬ź
┬╗Was verstehst du denn davon, du Stipendiatin?┬ź Er zog an ihrem Pferdeschwanz. Ein braunhaariges M├Ądel, das an der dunklen Wandt├Ąfelung lehnte, warf Shirley den vernichtendsten Blick zu, den sie heute empfangen hatte.
┬╗Kann nicht verstehen, was er an ihr findet┬ź, h├Ârte Shirley sie zischen. Das verstand niemand. Nicht mal sie selbst war sich ganz sicher, warum Dom ausgerechnet mit ihr befreundet war.
Sie hatte nicht damit gerechnet, ├╝berhaupt Freunde zu finden, als sie auf die Wilhelmine-von-Gr├Ąvenitz-Privatschule gewechselt war. An ihrer alten Schule hatte sie es genau zu einem Freund gebracht: ihrem Zwillingsbruder. Alle anderen hatten sie eine biestige Streberin genannt, allerdings nur hinter ihrem R├╝cken. Wenn man wie Shirley drei Br├╝der hatte, lernte man, auszuteilen.
Aber Dom war immer wieder bei ihr angekommen und hatte versucht, mit ihr zu reden. So lange, bis sie beschlossen hatte, dass er vertrauensw├╝rdig war. Und das, obwohl er unter all den verw├Âhnten S├Âhnchen hier eins der reichsten war. Seinem Vater geh├Ârte eine Restaurantkette, die Filialen in fast allen St├Ądten der Umgebung hatte. Er war in einem gigantischen Anwesen aufgewachsen und von den besten Kinderm├Ądchen aufgezogen worden. Shirley betrachtete seine schwarzen Schuhe. Feinstes italienisches Leder. Vermutlich. Was verstand sie davon? Genau: nichts.
Doch auf seine Art hatte Dom genau so viele Probleme wie sie. Die M├Ądchen mochten ihn, obwohl er nicht auf M├Ądchen stand und die Jungs waren sauer, weil die M├Ądchen hinter ihm her waren. Wenn die w├╝ssten ÔÇŽ Seit Valentin bei Luzia abgeblitzt war, weil die auf Dom stand, hatte der das halbe Hockeyteam als Feind. Und dann war Dom in einer Umfrage auch noch zum sch├Ânsten Jungen der Schule gew├Ąhlt worden. Mit Abstand.
┬╗Ich sagÔÇÖs ihnen┬ź, fl├╝sterte er, als h├Ątte er ihre Gedanken geh├Ârt. Sie musste nicht mal fragen, was, so oft hatten sie das Gespr├Ąch schon gef├╝hrt. ┬╗Bald. Ich ÔÇŽ ich muss mich nur erst mental vorbereiten. Ich will nicht, dass sie dich weiter so behandeln.┬ź
┬╗Mir ist egal, wie die mich behandeln.┬ź Shirley grunzte undamenhaft. ┬╗Ich glaub kaum, dass die netter zu mir werden, wenn rauskommt, dass wir wirklich nur Freunde sind. Ich meine, wir sagen ihnen ja, dass da nichts zwischen uns l├Ąuft und sie glauben es nicht. Warum soll sich das ├Ąndern┬ź, sie senkte die Stimme, ┬╗sobald du dich outest?┬ź
Er schenkte ihr einen dankbaren Blick. Und stolperte. Einer der Hockeyspieler, die ihnen entgegenkamen, hatte ihn geschubst. Marten van Meddel. Sein Gesicht war zu einem h├Âhnischen Grinsen verzogen.
┬╗Weichei┬ź, h├Ârten sie im Vorbeigehen. ┬╗Sch├Ânling.┬ź
Shirley wirbelte herum, aber Dom packte ihren Arm.
┬╗Nicht┬ź, warnte er. ┬╗Lass ihn reden, was er will. Mir ist nichts passiert und das ist er nicht wert.┬ź
┬╗├ťberhaupt nichts ist der wert┬ź, knurrte Shirley. ┬╗Und er braucht ÔÇÖne Abreibung, sonst denkt er, er kommt immer mit dem Schei├č durch.┬ź
┬╗Eine Abreibung? So eine wie Daniele letztes Mal?┬ź Dom zog sie mit sanfter Gewalt weiter. Marten und seine d├Ąmlichen Freunde, die ihm lachend auf die Schultern hauten, verschwanden um die n├Ąchste Ecke. ┬╗Ich will nicht, dass du schon wieder suspendiert wirst, Shirl.┬ź
┬╗War doch nur eine Woche┬ź, sagte sie, obwohl er eigentlich recht hatte. Sie durfte ihr Abi nicht nochmal gef├Ąhrden.
┬╗Eine Woche und eine drei├čigseitige Strafarbeit.┬ź
┬╗├ťber die Verbreitung der Pest auf der Seidenstra├če. Das hat sogar Spa├č gemacht. Genau wie Daniele das Buch auf die Nase zu hauen.┬ź
┬╗Das Buch? Das war die Herr-der-Ringe-Gesamtausgabe.┬ź Dom sch├╝ttelte den Kopf. ┬╗Der kann froh sein, dass er noch ein Gesicht hat. Und alles nur, weil er mir ein Bein gestellt hat.┬ź
┬╗Vor der Treppe. Der h├Ątte dir das Genick brechen k├Ânnen.┬ź
┬╗Daf├╝r sind meine Reflexe zu gut┬ź, sagte Dom gleichm├╝tig. ┬╗Ich habe keinen Kratzer abgekriegt.┬ź
┬╗Ich versteh dich nicht.┬ź Shirley war nicht ganz klar, ob sie Dom bemitleidete oder bewunderte. Vielleicht beides. ┬╗Wenn ich du w├Ąre, w├╝rde ich jedem, der so einen Schei├č labert, die Nase brechen. Du machst doch Taekwondo, warum wendest du das nicht an?┬ź
┬╗Das w├Ąre nicht sehr nett.┬ź
┬╗Nervens├Ągen wie Daniele und Marten sind nicht nett. Ich bin nicht nett. Und du solltest auch nicht nett sein.┬ź
┬╗Eben hast du Gwen geholfen. Das war ziemlich nett, w├╝rde ich sagen.┬ź Dom ├Âffnete die T├╝r des Musikzimmers und sah sie an. Seltsamer Blick. Als w├╝sste er etwas, das sie nicht w├╝sste. So ein Bl├Âdsinn.
┬╗Gar nicht┬ź, motzte sie. ┬╗Ich wollte nur nicht, dass Wuller sie bis zum Gong anschreit. Das w├╝rde das P├╝ppchen nicht verkraften.┬ź
┬╗Ach, das P├╝ppchen ist ein Stehaufm├Ąnnchen.┬ź Dom warf sich auf seinen Platz und Shirley setzte sich neben ihn. ┬╗Und sie mag dich. Warum freundest du dich nicht mit ihr an? Dann h├Ąttest du es hier bestimmt leichter.┬ź
┬╗Nach unserem Referat? Niemals.┬ź Shirley schleuderte ihren Collegeblock auf das Pult und lehnte sich in ihrem ergonomischen Stuhl zur├╝ck. Wie jeder Stuhl in der Wilhelmine-von-Gr├Ąvenitz-Schule schmiegte er sich an ihren Hintern, als w├Ąre er nur f├╝r ihn geschnitzt worden. ┬╗Wegen ihr habe ich eine Drei bekommen. Ich habe noch nie eine Drei bekommen.┬ź
Dom schwieg. Eh besser, der Musiklehrer betrat gerade das Klassenzimmer. Trotz des tr├╝ben Wetters drau├čen war der Raum warm und gem├╝tlich. Mit den hohen Fenstern und den wei├čen Vorh├Ąngen sah er eher wie ein Vortragssaal als wie ein Klassenraum aus. Die Luft roch nach altem Holz und Parkettpolitur.
Diese Drei w├╝rde sie Gwen nie verzeihen. Wenn die gelernt h├Ątte ÔÇŽ Wenn die ihren Teil erledigt h├Ątte, h├Ątte Frau Iretzka ihnen nicht diese beschissene Gemeinschaftsnote gegeben.
Mit neu entfachter Wut schaute Shirley zu Gwen hin├╝ber, die gerade mit ihrer Freundin Emily redete und gleichzeitig kleine Z├Âpfchen in ihre Haare flocht. Der Musiklehrer ermahnte sie, zuzuh├Âren. Gwen schaffte es, drei Minuten lang stillzusitzen, dann begann sie, auf ihrem Collegeblock herumzukritzeln. Shirley erkannte Herzchen und Blumen, die aussahen, als h├Ątte ein Kindergartenkind sie gezeichnet. Ein vertr├Ąumter Ausdruck war auf Gwens Gesicht erschienen.
Konzentrier dich, du P├╝ppchen, dachte Shirley. Wir sind nicht zum Spa├č hier.

Kapitel 17

┬╗Hier, f├╝r euch.┬ź Marc grinste breit und stellte je einen Becher Gl├╝hwein vor Shirley und Josh.
┬╗Aber f├╝r jeden nur einen┬ź, sagte Nils streng und setzte sich gegen├╝ber. Marc warf sich so schwungvoll neben ihn, dass sein Tonbecher fast ├╝berschwappte.
Josh sah mit leuchtenden Augen auf seinen Gl├╝hwein. Wei├čer Dampf kringelte sich hoch, scharf und w├╝rzig duftend. Nelke und Zimt und Alkohol. Ziemlich viel Alkohol, wenn Shirley das mit ihrer begrenzten Erfahrung richtig einsch├Ątzen konnte.
┬╗Ist das mit Schuss?┬ź, fragte sie misstrauisch. Marcs Grinsen wurde noch breiter.
┬╗Jupp. Nur das Beste f├╝r meine kleinen Geschwister.┬ź
┬╗Danke.┬ź Josh strahlte.
┬╗Bitte┬ź, sagte Marc. ┬╗Ist daf├╝r, dass ihr uns die Pl├Ątze freigehalten habt.┬ź
┬╗Wir sind minderj├Ąhrig und sollten keinen harten Alkohol bekommen┬ź, murrte Shirley. Nils brummte etwas Zustimmendes.
┬╗Ach, das verfliegt eh bei der Hitze.┬ź Josh setzte den Becher an den Mund und trank ihn in einem Zug halb leer. ┬╗Lecker!┬ź
┬╗Auf uns!┬ź Marc hob seinen Becher. ┬╗Die beste Familie von Ebernau!┬ź
┬╗Auf uns!┬ź
Die Becher klangen dumpf, als sie aneinanderstie├čen. Das Ger├Ąusch war so leise, dass man es kaum h├Ârte. Dabei hatte die Band gerade Pause. Auf der mit Lichterketten geschm├╝ckten B├╝hne fanden die Umbauarbeiten statt. Doch auf den restlichen Festb├Ąnken sa├čen dichtgedr├Ąngt Leute, die halb in ihren Winterklamotten verschwanden und sich so laut unterhielten, dass ein best├Ąndiger Ger├Ąuschteppich entstand. Irgendwie beruhigend.
Shirley nestelte an ihren ├ärmeln herum, damit die eisige Luft nicht mehr in den Spalt zwischen Jacke und Handschuh dringen konnte. Der Himmel ├╝ber ihnen war schwarz. Die St├Ąnde waren so ├╝ppig mit bunten Lichtern geschm├╝ckt, dass man keine Sterne erkennen konnte.
So friedlich wie selten sa├čen die Winter-Geschwister unter den anderen G├Ąsten und nippten an ihren Bechern.
┬╗Wann f├Ąngt die Energizonic-Tour an?┬ź, fragte Nils Marc.
┬╗Am f├╝nfzehnten. Das Hotel ist schon gebucht.┬ź Er sch├╝ttelte den Kopf. ┬╗Flo hat sogar irgendein Restaurant gefunden, das wir unbedingt auskundschaften m├╝ssen.┬ź
┬╗Du meinst leerfressen┬ź, sagte Nils.
┬╗Das ist mein Plan.┬ź Marc nahm einen Schluck Gl├╝hwein. ┬╗Flo ist auf der Suche nach neuen Gerichten f├╝r Maries Restaurant.┬ź
Josh kicherte. Seine Wangen waren bereits ger├Âtet und sein Tonbecher leer.
┬╗Was hast du, Zwerg?┬ź Marc hob eine Augenbraue.
┬╗Du sprichst ihn so lustig aus.┬ź Josh sch├╝ttelte den Kopf. Er machte seine Stimme weich wie Zuckerwatte. ┬╗Flooooo ÔÇŽ┬ź
Shirley prustete los. Ups. Wieso f├╝hlte ihr Kopf sich so leicht an?
┬╗Flooo ÔÇŽ┬ź
┬╗Klappe, du Zwerg. Ich kann ├╝ber meinen Freund reden, wie ich will.┬ź
┬╗Flooo┬ź, s├Ąuselte Shirley, im Chor mit Josh. Dann sch├╝ttelte sie den Kopf. ┬╗Sei nicht so gemein zu Marc. Er ist halt verliiiebt.┬ź
┬╗Saupeinlich verliebt. In Flooo.┬ź Josh kicherte und Shirley konnte nicht anders als mitzumachen.
┬╗Was zur H├Âlle hast du in den Gl├╝hwein gemixt?┬ź, fragte Nils Marc.
┬╗Nur Korn.┬ź Marc wirkte verstimmt. ┬╗Wusste ja nicht, dass die beiden Jungfrauen gleich anfangen zu nerven. Kriegt erst mal selbst wen ab, bevor ihr euch ├╝ber andere Leute lustig macht.┬ź
Josh verzog das Gesicht. Er hasste es, wenn Marc ihn so nannte. Vor allem, weil es stimmte. ┬╗Ich arbeite daran┬ź, brummte er. ┬╗Und Shirley auch.┬ź
Was? Shirley packte ihren Becher fester.
┬╗Was?!┬ź Ihre gro├čen Br├╝der sprachen so gleichzeitig, wie sonst nur sie und Josh. Ups. Pl├Âtzlich durchbohrten zwei Paar hellgr├╝ne Augen sie von der anderen Seite des Tisches aus.
┬╗Gar nicht┬ź, behauptete sie und versuchte, sich hinter dem Gl├╝hweinbecher zu verstecken. Dieser d├Ąmliche Josh! ┬╗Da ist niemand.┬ź
┬╗Niemand. Absolut niemand.┬ź Josh nickte hastig. Schuldbewusstsein erf├╝llte sein Gesicht. Mist, der war der schlechteste L├╝gner, den sie kannte. Noch grottiger als sie und Dom.
┬╗Shirley.┬ź Nils nahm ihr den Becher aus der Hand. Toll, nun hatte sie nicht mal mehr was zum Festhalten. ┬╗Gibt es da jemanden?┬ź
┬╗Neinnein. Gib mir den Wein zur├╝ck.┬ź Sie angelte danach, aber er hielt ihn ├╝ber ihren Kopf. Keine Chance. Nils‘ Arme waren einfach zu lang. ┬╗Mann, Nils, seh ich aus, als w├Ąre ich hinter irgendwem her? Daf├╝r kennst du mich doch zu lange, oder?┬ź
┬╗Sie war in letzter Zeit anders. Noch seltsamer als sonst.┬ź Marc kratzte sich am Kinn. Sie sa├čen ihr gegen├╝ber wie zwei Polizisten beim Verh├Âr. Zwei blonde Riesen.
Guter Cop, b├Âser Cop, dachte sie und unterdr├╝ckte ein Kichern. Nur dass beide b├Âse aussahen. Normalerweise war Nils der Verst├Ąndnisvolle.
┬╗Raus mit der Sprache┬ź, verlangte Nils. ┬╗Wer ist es?┬ź
┬╗Niemand.┬ź Shirley verschr├Ąnkte die Arme, was in der dicken Winterjacke gar nicht so leicht war. ┬╗Da ist keiner.┬ź
┬╗Ich wette, es ist Dom┬ź, sagte Marc nachdenklich. ┬╗Den sollten wir uns mal vornehmen.┬ź
┬╗Sollt ihr nicht┬ź, fauchte sie.
┬╗Doch, ich glaube, das ist eine gute Idee.┬ź Nils reichte ihr den Becher zur├╝ck und machte Anstalten, aufzustehen. ┬╗Ich hab ihn vorhin bei der Schie├čbude gesehen.┬ź
┬╗Ihr bleibt sitzen!┬ź Shirleys Stimme schallte ├╝ber den ganzen Platz. Oh. Gespr├Ąche verstummten. Immerhin blieben Marc und Nils, wo sie waren. ┬╗Bleibt sitzen┬ź, wiederholte sie leiser. ┬╗Wenn ihr Dom auch nur ansprecht, rede ich nie wieder ein Wort mit euch, ist das klar? Nie wieder.┬ź
┬╗So wichtig ist dir der Sch├Ânling?┬ź Marc r├╝mpfte die Nase. ┬╗Der ist doch nichts f├╝r dich. Wenn der dir das Herz bricht ÔÇŽ┬ź
Statt weiterzureden, lie├č er die Kn├Âchel knacken. Nils schaute, als stellte er sich gerade vor, Doms Genick zu brechen wie einen trockenen Zweig.
┬╗Der bricht mir nicht das Herz┬ź, zischte sie. ┬╗Und jetzt h├Ârt auf, euch wie Dorftrottel zu benehmen. Das ist meine Sache und ÔÇŽ Warum regt ihr euch nicht ├╝ber Josh auf? Der ist schlie├člich auch hinter irgendwem her.┬ź
┬╗Das klappt doch eh nicht.┬ź Marc winkte ab.
┬╗Hey!┬ź Josh knallte seinen leeren Becher auf den Tisch.
┬╗Shirley, du bist unsere Schwester.┬ź Nils klang tr├╝gerisch sanft. ┬╗Wir m├╝ssen dich besch├╝tzen.┬ź
┬╗Einen Schei├č m├╝sst ihr.┬ź Sie stie├č ein Knurren aus. Gut, so langsam wurde sie w├╝tend auf die beiden Trottel. Und auf Josh auch, den Verr├Ąter. ┬╗Ihr m├╝sst mich nicht anders behandeln als ihn! Das ist total sexistisch!┬ź
┬╗Wir behandeln dich nicht anders, weil du ein M├Ądchen bist┬ź, sagte Nils. Er versuchte, aufrichtig zu schauen, aber das misslang. ┬╗Du bist halt zarter und ÔÇŽ ├Ąh, schw├Ącher und ÔÇŽ sensibler als ÔÇŽ┬ź
Marc prustete los. Dieser Depp. Josh kicherte und selbst auf Nils‘ Gesicht breitete sich ein Grinsen aus.
┬╗Ach ja, die arme, sensible Shirley.┬ź Marc klang, als h├Ątte er Schluckauf. ┬╗So sch├╝chtern und verletzlich. Ein zartes, zartes Reh ÔÇŽ┬ź
┬╗Arschkopf.┬ź Shirley packte ihren Becher und trank ihn mit einem Zug leer. Der Alkohol stieg ihr sofort in den Sch├Ądel. ┬╗Dass ich bin, wie ich bin, liegt vielleicht daran, dass ich mich immer gegen euch Trottel wehren musste.┬ź
┬╗Stimmt, das war ganz furchtbar.┬ź Marc sah sie ├╝bertrieben mitleidig an. ┬╗Wei├čt du noch, wie du mir die hei├če Suppe in den Scho├č gekippt hast, weil ich dich Brillenschlange genannt habe? Das war bestimmt schrecklich f├╝r dich.┬ź
┬╗Ja. War es.┬ź Sie schob die Unterlippe vor.
Josh l├Ąchelte selig vor sich hin. ┬╗Das war super.┬ź Nils‘ Blick fixierte ihn.
┬╗Josh, trink was.┬ź Er hielt Josh seinen eigenen Becher hin, der immer noch halb gef├╝llt war. Gl├╝cklich griff Josh danach. Bevor Shirley es verhindern konnte, hatte er den Inhalt in sich hineingekippt.
┬╗Ich hol mehr Wein┬ź, sagte Marc.
┬╗Sitzenbleiben┬ź, fauchte Shirley. ┬╗Ihr f├╝llt nicht meinen eigenen Bruder ab, damit er euch verr├Ąt, mit wem ich rumgeknutscht habe!┬ź
┬╗Rumgeknutscht!┬ź Nils und Marc sahen sie an, als w├Ąren sie zwei Klosterschwestern, vor denen sich ein Exhibitionist entbl├Â├čte. Die Heuchler. ┬╗Mit wem hast du rumgeknutscht?┬ź
┬╗Ich bin fast achtzehn, ihr Pfeifen┬ź, knurrte sie. ┬╗Ich kann rumknutschen, mit wem ich will.┬ź
┬╗Wir reden mit Dom┬ź, sagte Nils und legte die H├Ąnde auf den Tisch.
┬╗Es ist nicht Dom!┬ź, br├╝llte sie.
┬╗Es ist ├╝berhaupt kein Junge┬ź, lallte Josh. Shirley hielt ihm den Mund zu, aber der Schaden war angerichtet. Ihre bl├Âden gro├čen Br├╝der verharrten.
┬╗Oh, gut┬ź, sagte Marc und atmete aus. ┬╗Noch ÔÇÖne Runde?┬ź
┬╗Wer ist es denn?┬ź Wieso klang Nils jetzt wieder wie der liebe, verst├Ąndnisvolle gro├če Bruder, der er sein sollte? Und warum schaute der so erleichtert? ┬╗Kennen wir sie? Ist sie von deiner neuen Schule?┬ź
┬╗Nein. Und ich erz├Ąhl euch gar nichts.┬ź
┬╗Okay.┬ź Nils zuckte mit den Achseln. ┬╗Du kannst dar├╝ber reden, wenn du so weit bist.┬ź
┬╗Warum bist du auf einmal so nett?┬ź, fragte sie. ┬╗Was ist besser an einem M├Ądchen als an einem Jungen?┬ź
┬╗Ein M├Ądchen kann dich nicht schw├Ąngern┬ź, sagte Marc. Das war immerhin logisch. ┬╗Noch mal Gl├╝hwein f├╝r alle au├čer Josh?┬ź
┬╗Hey!┬ź Josh sah ihn strafend an und schwankte. ┬╗Ich kann so viel trinken wie ich will.┬ź
┬╗Nicht, wenn ich zahle.┬ź Marc grinste. ┬╗Du kriegst ÔÇÖnen Kinderpunsch.┬ź Und schon war er in der Menge verschwunden.
┬╗Ich geh nachher auf eine Chaletparty.┬ź Josh sah die Tischplatte an, als w├Ąre sie schuld an allem. ┬╗Da krieg ich Bier und Gl├╝hwein ohne Ende.┬ź
┬╗Aber kotz nicht auf den K├╝chenboden, wenn du heimkommst┬ź, sagte Nils. ┬╗Ich hab genug davon, euch hinterherzuputzen.┬ź
┬╗M├╝sstest du nicht, wenn du dir endlich eine eigene Wohnung suchen w├╝rdest┬ź, murrte Josh. ┬╗Wann hab ich mein Zimmer eigentlich wieder f├╝r mich? Und wieso wohnst du nicht in Henrys Chalet?┬ź
┬╗Das hat er vermietet und das habe ich dir schon erkl├Ąrt, Saufnase.┬ź Nils blickte auf seine H├Ąnde. Sein Gesichtsausdruck verd├╝sterte sich. Er atmete tief ein. ┬╗Ich ÔÇŽ also ich warte noch mit dem Suchen, bis ich wei├č, wie gro├č meine Wohnung sein muss.┬ź
┬╗Wie gro├č ÔÇŽ Adoptiert ihr etwa ein Kind?┬ź, fragte Shirley.
Schmerz zuckte durch Nils‘ Z├╝ge. ┬╗Ne, ich ÔÇŽ Ach, ist egal.┬ź
┬╗Ist nicht egal.┬ź Sie packte seine Hand. ┬╗Ist was passiert? Kommt Henry an Weihnachten?┬ź
┬╗Er sagt, er kommt.┬ź Nils entzog seine Hand nicht. Mit der anderen rieb er sich ├╝ber die Nasenwurzel. ┬╗Ich denke, dann tut er das auch.┬ź
┬╗Du denkst ÔÇŽ┬ź Josh legte den Kopf schief und w├Ąre fast von der Bank gefallen. ┬╗Warum sollte er nicht kommen?┬ź
┬╗Ich wei├č nicht.┬ź Nils kratzte sich mit der freien Hand unter der dicken Wollm├╝tze. ┬╗Er ist ÔÇŽ Es kam raus, dass sein Onkel ein paar schlechte Anlagen gemacht hat und ÔÇŽ Henry meinte, er muss unbedingt vor Ort in M├╝nchen sein und retten, was zu retten ist. Und da ist er jetzt halt. Seit Wochen.┬ź
┬╗Ach, deshalb kommt er nicht mehr her.┬ź Shirley betrachtete Nils‘ besorgtes Gesicht. ┬╗Du hast nur gesagt, er h├Ątte noch zu tun.┬ź
┬╗Viel mehr erkl├Ąrt er mir auch nicht┬ź, sagte Nils. ┬╗Nur, dass er zu tun hat und alles kompliziert ist und ÔÇŽ dass er st├Ąndig abgelenkt ist. Wir reden kaum noch. Weihnachten wird alles besser, meint er. Dann hat er das Schlimmste hoffentlich geschafft.┬ź
┬╗Dann ist ja gut.┬ź
┬╗Er kommt Weihnachten bestimmt her┬ź, sagte Josh. ┬╗Er ist doch immer mitgekommen.┬ź
┬╗Ja.┬ź Nils sah auf seine H├Ąnde. ┬╗Ich wei├č nicht, ob ich mir nur bl├Âde Sorgen mache oder ob da echt was ist. Wir haben uns gestritten, bevor er gefahren ist, wegen den bl├Âdesten Kleinigkeiten. Keine Ahnung, ob er wirklich nur gestresst ist.┬ź
┬╗Was soll denn sonst sein?┬ź, fragte Shirley.
┬╗Nichts weiter. Er w├╝rde ja nicht ÔÇŽ Es ist nicht mehr wie fr├╝her, seit er in M├╝nchen ist und ich hier. Er fehlt mir.┬ź
┬╗Dann sag ihm das┬ź, sagte Josh. ┬╗Oder fahr r├╝ber, so wie fr├╝her.┬ź
Nils r├Ąusperte sich. ┬╗Er arbeitet rund um die Uhr, um das Geld irgendwie wiederzubekommen. Als ich das letzte Mal da war, haben wir uns nur zum Essen gesehen, und dazu musste ich ihn zwingen. Er hat einfach ÔÇŽ gar keine Zeit mehr und ist st├Ąndig nur genervt und ÔÇŽ Ich wei├č nicht.┬ź
Shirley und Josh sahen ihn stumm an. Sie waren eindeutig die Falschen f├╝r Beziehungsratschl├Ąge.
┬╗Ist auch nicht schlimm┬ź, sagte Nils. Eine glasklare L├╝ge. Der schaute drein, als h├Ątte man ihm einen Arm amputiert. ┬╗Das pendelt sich schon wieder ein. Und dann sehen wir weiter. Ob er wieder ├Âfter herkommt oder ÔÇŽ nicht.┬ź
┬╗Warum soll er denn nicht wollen?┬ź, fragte Shirley.
┬╗Na, es geht schon viel l├Ąnger, als Nils dachte┬ź, sagte Josh und sah nachdenklich aus. ┬╗Oder? Und wenn Henry sich nicht auf seinen Onkel verlassen kann, wird er dauernd in M├╝nchen sein m├╝ssen, um sich um die Gesch├Ąfte zu k├╝mmern. Nils macht sich bestimmt Sorgen, dass das f├╝r immer so weitergeht.┬ź
┬╗Gar nicht┬ź, brummte Nils. ┬╗Es ist bestimmt ÔÇŽ bestimmt bald alles wieder in Ordnung.┬ź Mist. Seinem Gesichtsausdruck nach hatte Josh genau ins Schwarze getroffen.
┬╗Dann ruf ihn doch einfach an und frag ihn, ob er ÔÇŽ┬ź, begann Josh, aber er wurde unterbrochen.
Ohrenbet├Ąubender L├Ąrm erklang. Oh nein. Zwei abgewrackte Gestalten torkelten auf die B├╝hne und droschen auf ihre Akkordeons ein.
┬╗Tach zusammen und frohen Weihnachtsmarkt!┬ź, gr├Âlte der Blonde. Seine rote Nase leuchtete heller als die der Plastikrentiere links und rechts vom B├╝hnenrand. ┬╗Wir sind Didi und Waldi und zusammen sind wir Die M├Âbelpacker!┬ź
┬╗Die einzige Band aus Ebernau, die je einen Nummer-Drei-Hit in der Schlagerparade hatte!┬ź Der Dunkelhaarige mit dem grauenvollen Schnauzer dr├Ąngte seinen Kollegen zur Seite. Es h├Ątte unm├Âglich sein sollen, aber er war noch besoffener als der Blonde. ┬╗Und jetzt kommt unser gr├Â├čter Hit: Coole Kissen!┬ź
Das Akkordeon setzte ein. Jubel ert├Ânte von einigen Tischen, peinliches Schweigen von anderen.
┬╗Wenn ich dich seh, dann denk ich an ein Sofa┬ź, gr├Âlte Waldi ins Mikro, ┬╗denn deine Kissen sind so wundersch├Ân!┬ź
┬╗Coole Kissen! Coole Kissen!┬ź, setzte Didi punktgenau ein.
Gl├╝hwein und Kinderpunsch wurden auf den Tisch geknallt. Marc nahm Platz, das Gesicht angewidert verzogen.
┬╗Wer l├Ąsst die denn jedes Jahr raus?┬ź, fragte er, den Blick nicht von Didi lassend, der schunkelnd ├╝ber die B├╝hne stolperte.
┬╗Sie sind die gr├Â├čte Band, die Ebernau hat┬ź, sagte Nils und sch├╝ttelte den Kopf. Er griff nach dem Gl├╝hwein, als w├Ąre er sein Lebensretter. Dabei trank er sonst fast nichts.
┬╗Erb├Ąrmlich.┬ź Marc schnaubte. ┬╗Trink deinen Punsch, Joshi.┬ź
┬╗Einen Schei├č mach ich.┬ź
Und dann stritten die beiden sich, wie immer.

 

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