Geblogge

Wahrscheinlich sollte ich aufschreiben, was ich noch in meiner Arbeitszeit mache, damit ich das später alles rekonstruieren kann. Der Blog ist schließlich mein Arbeitstagebuch. Heute ging über eine Stunde dafür drauf, ein Problem mit dem ePub-Export aus Papyrus zu klären. Ich nähere mich der Lösung.
Gestern habe ich einen längeren Blogpost geschrieben, was ebenfalls eine Stunde gedauert hat. Zwischendurch erweitere ich immer wieder meine Projektdateien für die geplanten Bücher.
Heute hatte ich schon wieder neue Ideen für Josh. Natürlich waren die für Josh, das vierte Buch in einer Reihe, von der erst eins existiert. Und die anderen muss ich davor schreiben, weil ich nur eine grobe Vorstellung von der Handlung habe. Shirley hat nicht einmal einen Love Interest. Na ja. Josh, deine Geschichte wird so zauberhaft! Dank einer spontanen Facebook-Umfrage hat dein Macker jetzt sogar einen Namen und ich muss ihn nicht länger als »Dude« bezeichnen. 🙂
Außerdem habe ich »Lautstark verliebt« bei Tolino hochgeladen und, und, und. Zu tun gibt’s immer etwas. Sobald das ePub-Problem geklärt ist, werde ich einen halben Tag dafür verwenden müssen, alle neu hochzuladen.
Und ab und zu schreibe ich auch. 🙂
Gestern habe ich außerdem eine Mini-Sinnkrise gehabt, weil »2 Jahre später« weniger erfolgreich ist als alle Bücher seit »Ehebrecher«. Mir war tatsächlich nicht klar, wie sehr es sich von den anderen unterscheidet. Vielleicht kann ich das mit ein bisschen Abstand sehen. Und dann habe ich mir Sorgen gemacht, weil »Magische Deppen« auch nicht gerade Mainstreamware ist. Heute Morgen wurde mir schließlich klar, dass alle Bücher, die ich danach geplant habe, genau das sind, was die Leser von mir erwarten. Glaube ich. Na, bis auf Shirley vielleicht. Ach, was weiß ich? Ich bin ja nur die Autorin. Und ich liebe all meine Bücher und habe gerade richtig Spaß mit Normans Abenteuern, also sieht es eigentlich ganz gut aus. Eventuell sogar richtig gut. 🙂

„Magische Deppen“ geht auch weiter, allerdings musste ich den Großteil der geschriebenen Wörter zensieren. Mal wieder. Na, ab jetzt gibt es nur noch eine Erotikszene und dann ist Action angesagt.

Wordcount heute: 2.366 Wörter
Wordcount »Magische Deppen« (Arbeitstitel) insgesamt: 63.622 Wörter

»Heimi! Wie redest du denn?«
»Ich habe ein Buch darüber gelesen«, sagte Heimfried. »Schwester Hildegard von Bängen und der lüsterne Lindwurm.«
»Das ist Schund, Heimi.« Norman grunzte. »Hab ich dich etwa in die Gosse gezogen?«
»Es scheint so.« Heimfried hob den Kopf und küsste ihn auf die Nasenspitze. »Oh, was hast du eben versucht, herauszufinden? Worin bestand dein wissenschaftliches Experiment?«
»Ich … ich glaub, ich kann doch eine Energie sehen.«
»Was, jetzt schon?« Nun setzte der Kleine sich ganz auf. Sofort fehlte sein Körper Norman. »Das ist ja unglaublich! Welche?«
»Äh«, Norman fuhr sich durch die feuchten Haare. »Also … Fickerigkeit.«
»Lust?«, übersetzte Heimfried. »Erstaunlich. Wie sieht sie aus?«
»Rot. Ein bisschen wie so feiner Sand, aber sie rieselt nach oben. Meinst du, das kann ich wirklich? Das wäre … Dann könnte ich echt eine Katalysatorenlegende werden, oder was meinst du?«
»Daran besteht kein Zweifel! Und wie nutzt man diese Energie?«
»Äh. Eterna meinte, die ist eigentlich für nichts gut. So hab ich sie zumindest verstanden.«
»Ah. Na, du kannst sie doch danach fragen. Sie wäre sicher nicht an anderen Energieformen interessiert, wenn sie vollkommen nutzlos wären, oder?«
»Ach, die interessiert sich für ’ne Menge nutzloses Zeugs.« Norman verzog das Gesicht. »Ne, ich warte lieber, bis ich noch eine andere Energie sehen kann. Ich will nicht ausgerechnet mit Eterna über Lust reden.«
Er schüttelte sich. Ne, das musste echt nicht sein. Einen Moment später klopfte es an der Tür.
»Fertig oder mehr Wasser?«, bellte der Junge von draußen.
»Fertig«, rief Norman. Sie mussten langsam zurück.

Der Kampf war beendet, als sie an das Institut zurückkehrten. Heimfried und er waren sauber und gelöst, mit roten Wangen und feuchten Haaren. Der Gunnar-Krafft-Platz war das genaue Gegenteil. Drei Dutzend streng blickender Magier patrouillierten über die Pflastersteine. Energische Schritte hallten von den Mauern wider. Der Hausmeister und ein paar ihrer Mitschüler waren damit beschäftigt, Müll und Unrat zusammenzufegen.
»Na, wat macht ihr denn hier?«, raunzte der Alte. »Wenn ihr schon ma da seid, könnta auch mithelfen, wa?«
Mussten sie wohl. Während des Fegens erfuhren sie, was geschehen war. Die Hohen Magier hatten schließlich genug gehabt und den Bodentruppen erlaubt, Feuer einzusetzen. Nur als Warnmagie, aber es hatte funktioniert. Danach war der Aufstand schnell niedergeschlagen worden. Es hatte 56 Verletzte gegeben, Verbrennungen und Knochenbrüche. Auf der Seite des Arkanen Instituts waren zwei Magier leicht verletzt worden, weil sie von fliegenden Pflastersteinen getroffen worden waren. Auf dem Boden klafften mehrere dunkle Löcher.

Eine Woche später war die AAF zurück. Die Versuche, das Institut zu stürmen, wurden ein regelmäßiges Problem. Der Rat der Hohen Magier verurteilte die Attacken aufs Schärfste und die Lebensmittelsteuer blieb erhöht. Ja, man dachte sogar über eine weitere Anhebung im kommenden Jahr nach.
Norman wusste nicht genau, was er davon halten sollte. Einerseits waren die Magier nach wie vor die Größten, andererseits … Das Elend in den Straßen wurde schlimmer, jedes Mal, wenn sie die Stadt durchstreiften. Es waren nicht länger nur die Nicht-magischen Veteranen, die auf den Bürgersteigen bettelten. Es sah beinahe so übel aus wie damals, in seiner Kindheit, als die Monster die Ernte vernichtet hatten. Als der Hunger so furchtbar gewesen war, dass sein Bauch sich angefühlt hatte, als würden die Magenwände sich gegenseitig verzehren.
Er wusste wirklich nicht, was er denken sollte. Also lenkte er sich mit dem Training ab. Und es funktionierte: Sie wurden besser. Nun, da der Knoten geplatzt war, war es kein Problem mehr, die gängige Magie-Übertragungsmethode zu meistern. Nach wie vor war Heimfrieds Langsamkeit ein Ärgernis, aber er machte sich.Und er holte die Zeit stets heraus, indem er die Eismauer rasend schnell schmolz. Nur … über den Graben traute er sich immer noch nicht. Nie. Selbst, als er stark genug war, dass er die gleiche Strecke im Hof hangeln konnte, wagte er sich nicht über die Schlucht mit den Eisenigeln. Jedes Mal musste Norman ihn hinübertragen und zehn Minuten Strafe in Kauf nehmen.
Und doch …
Sie kämpften sich langsam hoch. Bald waren sie wieder Vorletzte, dann Drittletzte, dann im unteren Mittelfeld. Wenn nur dieser verdammte Graben nicht gewesen wäre. Klar, es gab neue Hindenisse, aber die bestanden aus Holz, das man verbrennen musste oder weiteren Eishürden. Nur der Graben schien unüberwindbar.

Geblogge

Im letzten Halbjahr 2016 war mein Ziel, fünf Bücher zu schreiben. Das hat funktioniert, mich aber auch an die Grenzen meiner Belastbarkeit gebracht.
2017 habe ich vor allem zwei Ziele:
1) eine gesunde Schreibroutine zu finden (keine Überanstrengung mehr, in der Freizeit abschalten und genug Rückenübungen machen).
2) andere Autoren finden. Autoren, die ein bisschen wie ich sind, die aus ähnlichen Gründen und mit ähnlicher Freude schreiben. Ich glaube, wenn ich zu lange alleine schreibe, drehe ich durch. Ich brauche den Austausch.

An Punkt eins arbeite ich noch.
Punkt zwei hat erstaunlich schnell geklappt. Erstaunlich, weil es mit meiner Sozialkompetenz nicht allzu weit her ist (introvertiert-schüchterne Autorin, hüstel). Übers Internet und ab und zu sogar persönlich habe ich tolle Leute getroffen, mit denen ich mich austauschen konnte und die meine Zweifel und Sorgen verstanden. Ich habe mich erstmals an Sachen wie »Betalesen« versucht, unter anderem bei dieser sehr süßen Story, die heute frisch erschienen ist: Liebe in fünfzehn Lektionen.
Seit Neuestem bin ich sogar Teil eines kleinen Gay Romance-Autorenkollektivs: die Uferlosen. Ich bin sehr froh, Leute wie mich gefunden zu haben. Leute, die Rape-to-Love-Plots nicht mögen, die mit Spaß und Ehrgeiz schreiben und die vollkommen unprofessionell von ihren Charakteren schwärmen können. 🙂 Ich hoffe, dass wir viele tolle Projekte miteinander machen werden. Es ist tatsächlich etwas in Planung, aber noch viel zu früh, um es bekannt zu geben.
Außerdem gibt es einen uferlosen Podcast, der inzwischen schon 19 Episoden hat. Habe ich erwähnt, dass ich Podcasts liebe? Darin berichten Kaye und Dahlia von ihren Lieblingsbüchern, tauschen sich aber auch über gern genutzte Klischees in der Gay Romance aus, darüber, warum es so selten Bücher mit älteren Protagonisten gibt und welche Probleme die weiblichen Charaktere in einer schwulen Romanze so haben. In der letzten Folge war ich dort zu Gast und habe mich vorgestellt.
Es ging nicht ohne technische Schwierigkeiten ab (ich habe die Aufnahme über auf dem Boden gesessen, weil mein Mikrokabel nicht lang genug war), aber am Ende haben wir es geschafft. Und sie haben sogar die schlimmsten »Ähs« und Pausen herausgeschnitten. Danke!
Wie fast jeder kann ich meine eigene Stimme nicht gut hören, daher hat es mich einige Überwindung gekostet, der Folge zu lauschen. Aber es ist ganz okay geworden. Also von meiner Seite aus. Die beiden anderen waren natürlich fantastisch! Vor dem nächsten Interview überlege ich mir eventuell ein paar schlau klingende Antworten, anstatt einfach drauflos zu plappern. 🙂
Oh, und das Autorenwochenende war super! Ich war noch nie mit so vielen Menschen an einem Ort, mit denen man gemeinsam schreiben und beim Spülen über Plot-Probleme grübeln konnte. Fast jede arbeitet gerade an einem sehr spannenden Buch und die Lesung zum Abschluss war einfach nur inspirierend. Auch hier ein herzliches Danke!
Ach ja, am Wochenende habe ich nicht nur »Magische Deppen« weitergeschrieben, sondern auch eine Kurzgeschichte verfasst. Mal eben so, in zwei Tagen. Ich war schockiert, wie produktiv ich sein kann. Sie erscheint um Weihnachten herum in einer Anthologie.

So weiter geht’s mit „Magische Deppen“. Dafür, dass ich es als „Quick and Dirty Fantasy-Novelle“ (O-Ton aus meinen Unterlagen) geplant hatte, wird es ganz schön lang. Immerhin ist es dirty, sonst müste ich nicht schon wieder zensieren …

Wordcount heute: 3.336 Wörter
Wordcount »Magische Deppen« (Arbeitstitel) insgesamt: 61.256 Wörter

Die Luft brannte vor Erwartung, als sie sich in einer Reihe aufstellten. Norman hatte beim Mittagessen kaum etwas herunterbekommen, so aufgeregt war er. Heimfried auch nicht und dem Rest der Gruppe schien es ebenso zu gehen. Sie schubsten und drängelten wild durcheinander, um sich in die beste Starposition zu begeben.
»Heute bist du dran, Pessni!«, rief Brenna über Oves Kopf hinweg. »Heute gewinnen wir, klar?«
»Einen Scheiß gewinnt ihr.« Pessni lachte röhrend. »Wir machen euch fertig! Diesmal haben wie fünf Minuten Vorsprung, mindestens!«
»Ruhe!«, brüllte Friedhelm. »Seid ihr bereit?«
»Ja!«, kam es aus über dreißig Kehlen.
»Ausgezeichnet! Auf die Plätze! Fertig! Los!«
Und schon rasten sie wieder an den Hecken entlang. Zwei Biegungen lang konnten Norman und Heimfried mithalten, dann verschwand der letzte Rücken vor ihnen und sie rannten wieder alleine.
»Tut mir leid«, keuchte Heimfried.
»Spar dir den Atem.« Norman packte wieder sein Handgelenk und zog ihn mit sich.
Obwohl erst eine Woche seit dem vorigen Rennen vergangen war, waren sie besser. Immer noch die Schlechtesten, mit Abstand, aber stärker als zuvor.
Heimfried japste wie ein halb ersoffener Welpe, als sie die Hecken hinter sich ließen. Erneut ragte die Eismauer vor ihnen auf. Diesmal hatte sich noch niemand hindurchgebrannt. Brenna und Pessni schleuderten mit verbissenen Gesichtern Feuerbälle auf die glatte Oberfläche.
»So, Heimi.« Norman zerrte ihn vor die Nummer 13. »Zeigen wir’s ihnen. Versuch wenigstens einen halbgroßen Feuerball, ja?«
»Ich …« Heimfried konnte kaum sprechen, so schwer atmete er. »Ich habe eine Idee … wenn du nichts … dagegen hast.«
»Das ist schon in Ordnung.« Norman nickte verständnisvoll. »Was machen wir?«
»Wir …« Der Kleine holte tief Luft. »Wir machen es wie in der Gasse. Ein konstanter Magiestrom statt einer kurzen Übergabe.«
»Du meinst, Händchen halten?« Norman schaute ihn vollkommen entgeistert an. »Vor allen?«
»Ja«, sagte Heimfried. »Nur so können wir gewinnen. Du willst gewinnen, oder?«
Statt einer Antwort packte Norman seine Hand. Heimfrieds Haut fühlte sich warm und ein wenig schwitzig an und er spürte, wie der Kleine sich durch die Berührung entspannte.
Das Paar links von ihnen schaute irritiert. Die Motorin schleuderte sogar den Feuerball schräg. Egal. Norman konzentrierte sich. Er sog mit der rechten Hand die größte Magieschwade ein, die er finden konnte, und leitete sie sanft durch Heimis Finger. Lila flackerte auf, dann Goldgelb.
»Los, Heimi«, flüsterte er, während er mehr Magie aufnahm und weitergab.
Der Kleine hob die Hand. Mit einem Finger deutete er auf das dampfende Eis vor ihnen.
Ein Feuerstrahl schoss aus seinem Zeigefinger. Eis dampfte, hüllte sie halb ein und zischte ohrenbetäubend. Und schmolz. Normans Herz galoppierte, als sich in Sekundenschnelle ein Loch in der Wand bildete. Er saugte mehr Schwaden ein und leitete sie weiter. Währenddessen hatte er sogar Zeit, Pessni anzugrinsen. Der starrte sie an, als hätten sie sich in Lavamonster verwandelt. Ja, die Hälfte der anderen Paare hatte innegehalten und glotzte zu Heimfried und ihm.
»Wir sind durch!«, rief der Kleine und diesmal war er es, der Norman hinter sich herzerrte. Durch das Eisloch. Als Erste.
Norman jubelte laut und selbst Heimfried erlaubte sich ein winziges Lachen. Auf der anderen Seite lag der weite Rasen, dahinter die Bäume und … oh.
Die Bretter am Boden waren verschwunden. Ein Graben zog sich durch den Park vor ihnen. Er war ungefähr fünf Meter breit und es war klar, was zu tun war: Ein Seil spannte sich darüber, von einem Ende zum anderen. Je näher sie kamen, desto heftiger zitterten Heimfrieds Finger.
»Wa-was ist das?«, murmelte der Kleine. Ja, er klang wieder klein und ängstlich.
»Ein läppischer Graben, Heimi.« Norman lachte. Er zwinkerte der Aufpasserin zu, die neben dem Ende des Seils stand. »Wir müssen da nur rüberhangeln und alles ist gut.«
»Aber was befindet sich in dem Graben?« Heimfried schaute, als würde er Eismonster erwarten. Mindestens.
»Wird schon nichts Schlimmes sein. Höchstens Erde, oder Schlamm …«
Ups. Sie waren angekommen. Und da unten, in fünf Meter Tiefe, lagen Eisenstacheln. Eisenstacheln, die aus kopfgroßen Kugeln ragten. Eine Menge. Es sah aus, als wäre der Boden des Grabens von tödlichen Riesenigeln bewohnt.
Heimfried stieß einen Schrei aus und wich zurück.
»A-aber das ist ja lebensgefährlich!«, rief er. Ängstlich blickte er die Aufpasserin an. »Dabei kann man sich ja verletzen oder sogar … sterben.«
»Dabei stirbt nie jemand«, sagte die Frau gleichmütig. »Na, fast nie. Seit mindestens vier Jahren nicht mehr.«
»Was? Aber … Warum dieses Risiko?« Heimfrieds Augen waren große, nasse Scheiben. Die Aufpasserin zuckte mit den Achseln.
»Wer das nicht schafft, überlebt auch die Stadtmauer nicht.«
»Recht hat sie!«, herrschte Norman ihn an. Er sah sich nervös zu der Eismauer um. »Heimi, rüber da. Fang an, zu hangeln!«
»Aber ich …«, jammerte der. »Ich kann das nicht!«
»Natürlich kannst du das. Du hast doch dem Tod ins Auge geschaut, oder nicht?«
»Ja, nur … ich habe trotzdem noch Höhenangst! Und sehr schwache Arme!«
Hilflos hob Heimfried sie und ließ sie wieder fallen. Hinter ihnen ertönte Gebrüll. Scheiße. Scheiße, Brenna und Ove waren durch! Sie rannten auf den Graben zu.
»Aus dem Weg, ihr Versager!«, schrie Brenna.
»Heimi, halt dich an mir fest«, sagte Norman. »Ich trag dich rüber.«
»Was?«
Norman packte ihn, hob ihn hoch und der Kleine schlang unwillkürlich Arme und Beine um ihn. Gut. Mit einem Aufschrei griff Norman das Seil und hangelte. Es war schwer. Verdammt schwer. Heimfrieds Gewicht riss ihn nach unten und das raue Hanfseil schnitt in seine Handflächen, aber er gab nicht auf. Sollte er auch besser nicht. Unter ihm waren immer noch die Todesigel. Verzweifelt kämpfte er sich bis zur anderen Seite durch.
Heimfried schrie den ganzen Weg über. Als sie auf dem sicheren Boden ankamen, war er schweißgebadet.
»Ist gut, Heimi«, begann Norman, als die Aufpasserin ihn unterbrach.
»Zehn Minuten Strafe!, rief sie.
»Warum das denn?«, brüllte Norman.
»Unerlaubte Hilfestellung. Der Kleine muss das allein schaffen!«
»Was? Aber … Guck dir doch seine Ärmchen an.« Norman deutete darauf und Heimfried schaute verletzt.
»Danke auch«, murrte er.
»Ich find die ja süß, Heimi«, flüsterte Norman. »Aber hangeln kannst du damit nicht.«
»Aus dem Weg, ihr Spacken!«, schrie Brenna. Sie hangelte sich mit hochrotem Gesicht zu ihnen herüber, dicht gefolgt von Ove, der keuchte wie ein kranker Hund. Seine Augäpfel quollen fast aus den Höhlen. Hinter ihnen entstand gerade ein Loch in der Eiswand. Pessni.
»Oh Mann, das ist so ungerecht!« Norman schlurfte zur Seite und ließ sich auf den Rasen plumpsen. »Echt nicht, das … Wir waren die Ersten.«
Nicht mehr. Brenna und Ove liefen an ihnen vorbei. Einen Augenblick später folgten Pessni und Erdmute. Heimfried setzte sich kleinlaut.
»Es tut mir leid«, flüsterte er. Sofort fühlte Norman sich schlecht.
»Ne, ist ja nicht deine Schuld. Na, vielleicht schon. Aber du kannst da echt nicht rüberhangeln, ohne dass du aufgespießt wirst. Weißt du was?«
»Was?«
»Wir trainieren das. Ab morgen, ach was, ab heute Abend. An den Wäscheleinen im Hof.«
»Oh, gut, aber … ich habe doch zusätzlich Höhenangst.« Heimfried zog die Schultern hoch. »Ich werde dich immer nur aufhalten, Norman.«
»Einen Scheiß wirst du.« Norman lachte das bittere Gefühl der Enttäuschung weg. »Wir werden gewinnen! Hast du mitgekriegt, wie sie geschaut haben? So schnell hat sich noch keiner durch die Eismauer gefräst, das sage ich dir.«
»Danke.« Ein schüchternes Lächeln erschien.
»Mann, von sowas habe ich geträumt, als ich Motor werden wollte. Neue Techniken zu erfinden« Norman sah verträumt in den Himmel. »Das gerade. Ich wette, wie wir hat das noch keiner gemacht.«
Heimfried biss sich auf die Lippen. Er sah ihn an, als wollte er etwas fragen, würde sich aber nicht trauen.
»Was ist, Heimi?«
»Tut es dir noch leid, dass du kein Motor geworden bist?«
Oh. Norman sah zu Boden. Er fühlte sich, als hätte er schwere Steine im Magen. Dass ein weiteres Paar auf sie zuhangelte, stimmte ihn nicht fröhlicher.
»Manchmal«, sagte er. »Ich … ich finde mich damit ab, so langsam, nur … Ich wollte so viele Sachen machen. Ich hab davon geträumt … Na, ich wollte meine eigenen Techniken erfinden. Für jedes Element eine. Ich hatte sogar schon Namen dafür. Das Wasserschwert, der Hammer-Orkan, der tödliche Feinstaub und die achtarmige Feuerkrake.«
»Kraken haben immer acht Arme.«
»Weiß ich doch«, log er. »Aber es klingt besser.«
Heimfried lächelte. Ein weiteres Paar zog an ihnen vorbei. Noch eins. und noch eins.
»Was ist die achtarmige Feuerkrake?«
»Also.« Norman spürte, wie sich ein Grinsen auf seinem Gesicht ausbreitete. »Es sind acht einzelne Feuerarme, die sich trennen und dann gleichzeitig ein Eismonster von allen Seiten schmelzen. Super, oder?«
Der Kleine nickte.
»Das klingt gut. Schade, dass du kein …« Er schlug sich die Hand vor den Mund. »Ich meine … Ich wollte nicht …«
»Heimi, nimmst du etwa Rücksicht auf meine Gefühle?« Er sah ihn strafend an. »Lass das.«
»Aber … Es ist schade.«
»Ist halt so. Und jetzt hab ich ja einen neuen Plan.«
»Gunnar Kraffts Katalysator werden.« Heimfried sah zu Boden. »Ich … bin sicher, dass du das schaffst. Du hast in einer Woche schon mehr Fortschritte gemacht als die meisten im ersten Jahr.«
»Danke, Heimi.« Norman lachte stolz. »Du bist auch nicht schlecht.«
»Nur, solange du da bist.« Heimfried schob die Unterlippe vor. »Irgendwann werde ich das zustande bringen müssen, ohne, dass du meine Hand hältst.«
»Stress dich nicht, Heimi. Noch bin ich da, oder?«
Er gab ihm einen Mini-Stoß mit dem Ellenbogen, der Heimfried ins Gras beförderte. Der Kleine kicherte.
»Ja«, bestätigte er. »Noch bist du da.«
Fußgetrappel ertönte. Waren nicht schon alle an ihnen vorbeigelaufen? Die beiden Mädels waren knallrot vom Hangeln, aber sie feuerten sich an, obwohl sie kaum noch Luft bekamen. Halb wankend, halb strauchelnd kämpften sie sich den Weg entlang, der in den dichten Bäumen verschwand. Da hinten war das Ziel. Brenna und Pessni waren bestimmt schon da. Und Friedhelm Dombas auch.
»Waren das die Letzten?«, fragte Norman. Heimfried schüttelte den Kopf.
»Gudrun und Tore fehlen noch – Ah.«
Ein Loch entstand in der Eiswand. Es zischte und Nebel stieg auf. Tore platzte hindurch, weil Gudrun ihn geschubst hatte. Sie war stinksauer, eindeutig. Ein schöner Anblick. Norman wollte gerade etwas sagen, als die Stimme der Aufpasserin über den Abgrund hallte.
»Strafzeit beendet!«
»Heimi!« Norman fuhr zu ihm herum. Wir können noch Vorletzte werden!«
Heimfried sah das anscheinend genauso, denn er war bereits auf dem Weg zum Ziel. Norman wetzte hinterher. Hinter sich hörte er Gudrun zetern, weil Tore zu langsam hangelte. Sie konnten es schaffen! Wie weit war das Ziel entfernt? Wenn Heimfried nur ein bisschen durchhielt …
»Schneller, Heimi!«, brüllte er, als er an ihm vorbeizog. »Wir schaffen das!«
Der Kleine wich seiner Hand aus, als er ihn wieder packen wollte.
»Nein!«, keuchte er. Na gut. Egal, er lief schneller als je zuvor. Leider nicht so schnell wie Gudrun und Tore, die rasant aufholten. Normans Finger zuckten, aber er ließ sie von Heimfrieds Handgelenk. Stattdessen versuchte er, immer einen Schritt vor ihm zu bleiben und ihn so mitzuziehen. Er spürte Gudruns Atem im Nacken. Zumindest bildete er sich das ein.
Gib auf, Schäfchen, hörte er ihre Stimme im Kopf.
Das Ziel kam in Sicht. Zwei steinerne Statuen und eine auf den Boden gemalte Linie. Normans Lungen brannten, die Muskeln schmerzten, aber er beschleunigte. Irgendwie hielt Heimfried mit. Sein Gesicht leuchtete knallrot, doch seine Augen waren hart. Hart auf das Ziel gerichtet. Nur noch dreißig Meter. Nur noch zehn. Gudrun schob sich an Heimfried heran. Norman vernahm laute Stimmen, Gemurmel, Anfeuerungsrufe, aber vor allem seinen pfeifenden Atem.
Noch fünf Meter. Heimfried warf sich nach vorne, die schlanken Beine holten noch einmal aus und ….
Sie gewannen.
Eine Fußlänge vor den anderen beiden flogen sie über die Ziellinie. Heimfried stolperte, aber Norman fing ihn auf und wirbelte ihn herum.
»Vorletzte!«, brüllte er. »Wir sind Vorletzte!«
Jubelnd drückte er Heimfried an die Brust. Dessen Atem ging schneller als ein Dampfhammer. Doch als Norman ihn absetzte, grinste er.
»Vo-vorletzte«, bestätigte er. Und er übergab sich nicht einmal.
»Was macht ihr hier?«, Gudrun Lovell warf ihm einen tödlichen Blick zu. »Wart ihr eben nicht noch Erste?«
Norman lachte dröhnend.
»Wenigstens sind wir nicht Letzte, Lovell.«
Sie trat ihm vors Schienbein.
»Ruhe!«, donnerte Friedhelm und stiefelte auf sie zu. »Wer so schlecht ist, sollte die Klappe halten!«
»Aber Friedhelm«, säuselte Eterna hinter ihm. »Sie sind zehn Minuten früher da als beim letzten Rennen. Ist das nicht wunderbar?«
Norman hätte schwören können, dass sie sich über Friedhelms biestiges Gesicht freute. Ihr seliges Lächeln war heute extra-breit.
»Sie sind immer noch zu schlecht!« Die Falte zwischen Friedhelms Augenbrauen vertiefte sich.
Norman hätte ihm beinahe zugestimmt. Aber er merkte, wie die anderen ihn und Heimfried anschauten. Misstrauisch. Er sah Verunsicherung in Brennas und Pessnis Mienen. Ja, Heimis Feuerzauber hatte sie alle beeindruckt.
»Und beim nächsten Rennen verwendet ihr die korrekte Methode der Magieübertragung!«, herrschte Friedhelm sie an. »Kein Händchenhalten mehr, klar?«
»Was?« Norman starrte ihn ungläubig an. »Sie … Mann, Sie sind doch nur neidisch, weil wir ’ne bessere Methode gefunden haben.«
»Die Magieübertragung ist standardisiert und das hat einen Grund!« Wahrscheinlich konnte man Friedhelm noch in ihrem Zimmer im Institut hören. »Ihr müsst mit anderen Magiern kompatibel sein! Wenn auf der Mauer alle ihre eigenen Methoden durchziehen wollen, würde das reinste Chaos herrschen!«
»Außerdem besteht die Gefahr, dass ihr euch verletzt, meine Lieben.« Eterna schüttelte traurig den Kopf. »Es ist so leicht, sich mit Magie zu überladen, wenn man nicht achtgibt.«
»Wir überladen uns nicht mit Magie!« Norman schaute sie böse an. »Das würden wie nie …«
»Halt die Klappe, du Schlusslicht!« In Friedhelms Augen platzten mehrere Adern. »In einer Reihe aufstellen, aber sofort! Die Ersten bei mir, dann absteigend bis zu Lovell und Grün!«
Gehorsam stellten sie sich auf. Es war keine Überraschung, Brenna und Ove ganz vorne stehen zu sehen. Friedhelm begann mit einer Rede darüber, dass sie sich anstrengen mussten und dass nur die Härtesten die Stadtmauer überlebten.
»Heimi«, flüsterte Norman dem Kleinen zu. Dessen Gesichtsfarbe war inzwischen wieder fast normal. »Ich hab dich nicht überladen, oder?«
Der schüttelte den Kopf und warf Friedhelm einen vorsichtigen Blick zu. Doch der steigerte sich gerade darin hinein, »Disziplin« mit mehreren gerollten Rs zu brüllen.
»Nein, auf … auf unserem Level ist es eher unwahrscheinlich, dass man zu viel Magie aufnimmt oder weitergibt. Aber später wird es riskant. Wenn wir es besser können.«
»Und was passiert dann?«
»Oh, also … arkane Vergiftung bis hin zum Organversagen.« Heimfried duckte sich, als hätten seine Organe die Arbeit eingestellt, nur, weil er davon sprach. »Es ist äußerst riskant.«
»Hm. Na gut, Heimi, dann müssen wir halt diese Idiotenmethode lernen.« Norman grunzte verächtlich. »Gewinnen wir nächste Woche eben noch nicht. Bis du hangeln kannst und wir mit dem blöden Abklatschen weiterkommen, dauert’s bestimmt ’nen Monat.«
»Norman, das … das ist solch eine realistische Einschätzung!«
»Na ja.« Norman steckte die Hände in die Taschen seines Bademantels. »Wenn du dazulernen kannst, kann ich das auch, oder?«
»Sag mal, Schäfchen, rede ich hier gegen die Wand?! Lauscher nach vorne! Du auch, Glühwürmchen!« Auf Friedhelms Schläfe pochte eine seildicke Ader.

26.  Wochenende

Weil Heimfried befürchtete, dass Norman in der Stadt in Gefahr war, hielten sie sich vor allem im Institut auf. Er überredete ihn, wenigstens ein Wochenende abzuwarten, bevor er sich erneut in Gefahr begab. Norman sah es halbwegs ein, auch wenn er Heimfried immer wieder daran erinnerte, dass sie den Boden mit diesen Mobsteridioten aufgewischt hatten.
Sie trainierten an den Stangen im Hof und Heimfried schaffte zwei Hangler und keinen einzigen Klimmzug. Ständig erzählte er Norman, dass der im nächsten Halbjahr mit fähigeren Leuten zusammenarbeiten würde. Komischerweise freute Norman sich überhaupt nicht darauf. Er mochte es, Zeit mit dem Kleinen zu verbringen. Auch wenn sie nicht im Bett waren, machte es Spaß. Heimfrieds Sicht der Dinge war mal verdammt seltsam, mal überraschend richtig. Auf jeden Fall langweilte er sich nie mit ihm.
Das dritte Rennen verloren sie wieder. Aber sie wurden besser. Norman konnte seinen Motor sogar überreden, am nächsten Wochenende wenigstens in die nächstgelegene Kneipe zu gehen und mit einem Bier auf den letzten Platz anzustoßen. Heimfried erzählte skurrile Geschichten vom Leben im Nördlichen Flussreich.
»Es ist äußerst unschicklich, von der falschen Seite auf das Pferd zu steigen«, sagte der Kleine und klang todernst. »Natürlich nur für eine Dame. Herren dürfen aufsteigen, wie sie belieben. Vor dreizehn Jahren gab es einen Skandal, weil Gräfin Skødmalms Tochter von rechts aufgestiegen ist. Ernsthafte Konsequenzen konnten nur abgewandt werden, da sie nachgewiesenermaßen eine schwere Pimpernellenpest mit Halluzinationen hatte. Sie wäre fast daran gestorben. Glücklicherweise, sonst hätte sie sich jahrelang aus der feinen Gesellschaft fernhalten müssen. Ihr Verlobter war kurz davor, das Bündnis zu lösen.«
Er musste die Stimme heben, damit Norman ihn verstand. Dabei saßen sie nebeneinander auf einer Bierbank. Aber um sie herum tobte die Menge. Lautstarkes Prosten und das blecherne Scheppern der Bierbecher gegeneinander schallten ihnen um die Ohren. Der Tisch, auf den er die Unterarme stützte, zitterte, weil jemand seine Rede mit Faustschlägen untermalte. Die trafen glücklicherweise nur die Tischplatte. Die Frau neben ihnen rauchte eine gallige Kräutermischung aus ihrer Munzelpfeife und die Schwaden verhüllten den halben Raum. Fasziniert beobachtete Norman, wie Rauch und Magie sich zueinander verhielten.
»Was siehst du?«, fragte Heimfried. Er war immer sehr interessiert daran, wie die Magie sich gebärdete. »Ist hier viel Magie vorhanden?«
»Soviel wie überall!«, brummte Norman. Sie trugen wieder ihre Zivilklamotten, um nicht aufzufallen. »Aber mit dem Rauch zusammen ist es komisch.«
»Vermischen sie sich?«, fragte der Kleine.
»Ne, also … Die schweben so durcheinander durch. Besser kann ich das nicht erklären. Das ist, als … als wäre eins nicht da?«
»Hm.« Heimfried sah an die staubigen Deckenbalken. »Sie beeinflussen sich nicht gegenseitig?«
»Ne, kein Stück.« Norman räusperte sich. Heimfried war näher gerückt und sein schmaler Oberschenkel drückte gegen Normans kräftigen. Elektrizität prickelte durch Normans Lenden, immer stärker, je länger er die Berührung fühlte. Sein Unterleib erwachte zum Leben und es fiel ihm schwer, sich zu konzentrieren.
»Das ist interessant.« Heimfried nickte. »Ich frage mich, ob sich alle Energien so verhalten.«
»Kann sein. Ich sehe bis jetzt ja nur Magie …« Norman verstummte. Er spürte eine Hand auf dem Oberschenkel. Heimfrieds Finger tasteten sich vorwärts, kratzten über die raue Stoffhose und kreisten zaghaft in Richtung der Innenseite.
»Gut so?«, flüsterte Heimfried. Hatte er schon immer so dichte Wimpern gehabt?
»Hm.« Norman nickte. Nervös sah er sich um. Um sie herum tobte das Leben und niemand beachtete sie. Bierbecher quollen über und tropften auf den ohnehin vor Essensresten und Dreck glitschigen Boden. Der sanfte Druck krabbelte näher an seine Körpermitte. Er spürte, wie sie sich mit Blut füllte und schob die Mütze tiefer ins Gesicht. Jetzt nur nicht rot werden. Unauffällig bleiben.
»W-was denkst du, hat Friedfurz gegen Eterna?«, stammelte er. »Glaubst du, sie hatten mal was miteinander?«
»Ich weiß nicht.« Heimfried lächelte. Die Eckzähne traten hervor und er sah mit einem Mal aus wie ein frecher Fuchs. »Ich vermute, er mag ihre Methoden nicht. Im Unterricht lässt er sich häufig darüber aus, dass sie zu weich ist. Er meint, die neue Katalysatorengeneration wird zu Schwächlingen erzogen.«
»Stimmt ja au..« Norman musste sich auf die Lippen beißen, um nicht laut zu stöhnen. Heimfried hatte seinen Schritt erreicht. Lust erwachte in seinem Zentrum und strömte in alle Richtungen aus. »Stimmt ja auch. Wir sind zu weich. Also ich nicht, aber … aber die anderen. Außer Lovell viellei… oh …«
»Nein, du bist nicht sehr weich«, schnurrte der Kleine. Er hob eine Augenbraue. Nachdem er einen vorsichtigen Blick in die Runde geworfen hatte, beugte er sich zu Norman hinüber. »Soll ich es hier zu Ende bringen oder im Institut?«
Norman klammerte beide Hände um den Bierbecher. Mist, er war so aufgeregt, dass die Tischplatte vor seinen Augen verschwamm.
»Hier«, raunte er und die weißen Zähnchen blitzten freudig auf.

+++ Kurze Zensur wegen Jugendschutz und so +++
Der Wirbel ließ nach und das Nachglühen machte ihn weich und zufrieden. Norman verbarg, wie schwer er atmete, und schaute sich um. Niemand sah ihn an. Niemand außer Heimi, in dessen Augen ein hungriger Ausdruck getreten war. Norman kannte ihn inzwischen. Er lächelte schräg und ein wenig zittrig.
»Danke, Heimi«, murmelte und fast hätte er ihm einen Kuss auf die Wange gedrückt. Die Lippen verharrten knapp vor Heimfrieds Ohr. »Du willst auch, oder?«
Heimfried nickte. Unauffällig fischte er ein Taschentuch aus der Brusttasche und wischte sich die Finger ab. Norman brachte seinen Hosenstall in Ordnung.
»Ja. Ja, bitte«, flüsterte der Kleine. »Bitte, schnell …«
Norman seufzte leise. Wenn der Kleine erstmal heiß gelaufen war, konnte es ihm nicht rasch genug gehen. Seine Hand war bereits auf dem Weg zu Heimfrieds Oberschenkel, als die Tür der Kneipe aufflog. Die Härchen in Normans Nacken stellten sich auf. Ein Kerl platzte in den Schankraum. Ein Kerl mit einem grünen Hemd, das ihn als AAF-Mitglied auswies. Diese Scheiß-Anti-Arkane Front schon wieder!
»Schlägerei!«, rief der Mann. »Wir stürmen das Institut! Wer ist dabei?«
»Was?« Norman richtete sich auf. Ein paar andere sprangen auch auf. Allerdings, um sich dem Kerl anzuschließen. Füße trappelten über den ekligen Boden, als sie fast übereinander stürzten, um an der Prügelei teilzunehmen.
»Was soll denn der Scheiß?!«, rief Norman. »Mann, haben die vergessen, was das Institut macht? Es rettet ihnen den Arsch, verdammt! Jedes Jahr, zweimal!«
Er hörte zustimmendes Gemurmel. Einer rief »Genau!«, aber …
Letztes Jahr wäre noch der halbe Saal aufgesprungen und hätte ihm zugestimmt.
»Nja«, krächzte die Alte mit der entsetzlichen Pfeife. »Trotzdem war’s nicht richtig, was sie gemacht haben.«
»Was haben sie denn gemacht?«, fragte Norman.
»Unser Geld geklaut haben sie«, knurrte sie.
»Hä?«
»Es gab eine Steuererhöhung«, sagte Heimfried neben ihm. Trotz der Unterbrechung glänzten seine Augen noch vor unterdrückter Lust. »Es wurde beschlossen, Lebensmittel mit höheren Steuern zu belasten, um dem Arkanen Institut mehr Mittel zu ermöglichen.«
»Ja und?« Norman zögerte. »Viel höher?«
»Etwa 3 Prozent«, sagte Heimfried. »Das klingt nicht nach viel, aber es ist bereits die vierte Erhöhung in vier Jahren. Ich habe mich erkundigt, nachdem du mir beim Kürbisfest von der AAF erzählt hast.«
Norman wollte etwas sagen, doch die Alte unterbrach ihn.
»Mein Jüngster kriegt seine Kleinen kaum satt! Eine Rübe kostet inzwischen fünf verdammte Spechte, und die ist noch das Billigste auf dem Markt. Er weiß nicht mehr, wie er die Zwerge füttern soll, dabei schiebt er schon zwei Schichten am Tag. Und seine Frau ist krank, die kann ihm nicht helfen ..:«
»Und Sie sitzen hier rum und versaufen Ihr Geld?!«, fragte Norman ungläubig. Er hatte die letzten Erhöhungen mitbekommen, aber diesmal war er zu beschäftigt gewesen. »Außerdem … Mann, wenn das Arkane Institut Kohle braucht, dann sollen sie sie kriegen. Sonst sind wir schließlich alle dran!«
»Nun«, sagte Heimfried. »Das Geld scheint nicht in die Ausbildung zu fließen, sondern in andere Projekte. Die Verwaltung und die Gehälter der höheren Etagen …«
»Letzte Woche gab’s einen Artikel über Direktorin Johanssons Haus«, schnarrte die Alte. »Ein Palast ist das. Und wir hungern.«
»Wo haben Sie das denn gelesen?« Norman verzog das Gesicht. »Im Ausrufer?«
»Nein, im Anzeiger.«
Norman wusste nicht genau, was er darauf antworten sollte. Der Anzeiger sagte die Wahrheit. Meistens.
»Die Direktorin wohnt nicht im Institut?«, fragte Heimfried.
»Keiner von den Hohen Magiern wohnt im Institut«, sagte Norman. »Nicht mal Gunnar Krafft.«
»Der kann mir auch mal schön einen blasen«, murmelte die Alte in ihr Pfeifchen. »Der feine Herr Krafft. Hat sich einmal ins Zeug gelegt und jetzt macht er es sich für den Rest der Zeit gemütlich.«
»Was?« Norman sprang auf. Seine Faust donnerte auf die Tischplatte. »Gunnar Krafft ist ein Held, verdammt! Waren Sie da, als er in Worringen gegen die Monster gekämpft hat? Ne, Sie haben sich bestimmt in Ihrem Keller verkrochen! So wie alle, die sich nur trauen, aufzumucken, wenn gerade keine Monster kommen. Warten Sie mal ab. Bald ist Winter, dann heulen Sie wieder danach, dass Gunnar Sie rettet.«
Sie sah ihn erschrocken an.
»Ist ja gut«, fauchte sie, aber ihr Blick suchte nach einem Fluchtweg. Als ob er eine Greisin wie die schlagen würde, egal, was für einen Blödsinn sie laberte. Eine Hand legte sich auf seinen Arm.
»Wollen wir gehen?«, fragte Heimfried. »Du willst doch bestimmt an der Rauferei teilnehmen, oder?«
»Hm, ja …« Er kratzte sich am Hals. Wenn die echt am Institut waren, dann war das eine größere Sache. Das war gefährlicher als eine freundliche Schlägerei auf dem Kürbisfest. Falls die falsche Truppe Heimi allein erwischte und dann noch kapierte, dass er ein Magier war …. »Ne, bleiben wir lieber zusammen. Draußen wird’s ungemütlich sein. Da brauchen wir uns gegenseitig.«
»Gut.«

Am Institut war kein Durchkommen. Schon von weitem sahen sie die Masse an grün gekleideten Schlägern und ein paar anderen, die spaßeshalber mitmachten. Immer wieder wurde die Menge von Windstößen zurückgedrängt. Die Magier wehrten sich. Man konnte sie nicht sehen, doch die Menschenmenge hatte keine Chance. Was sie nicht daran hinderte, es immerfort zu versuchen.
»Geht arbeiten, Magierpack!«, hallte es durch die Luft.
»Gib dein Haus zurück, Johansson!«
»Steuern senken! Steuern senken!«
Norman suchte nach einer Lücke im Gedränge, aber es brachte nichts. Der Eingang war versperrt von einer wütenden Menschenmasse.
»Wir müssen mit Magie da durch«; sagte er leise. Noch erkannte sie niemand, wegen ihrer Zivilklamotten. Hoffentlich. Er schob sich die Mütze tiefer ins Gesicht. Irgendwer könnte sich an den Trottel von der Erweckungszeremonie erinnern. Und an den kleinen, blonden Motor, der ohnmächtig geworden war. Er bugsierte Heimfried in einen düsteren Hauseingang und wartete, bis eine größere Gruppe vorbeigestapft war. Gebrüll und Schreie dröhnten hinüber und der Geruch von magisch erzeugtem Wind lag in der kalten Luft. Die Gaslaternen funkelten trüb in der Finsternis.
»Was machen wir?«, fragte Heimfried, einigermaßen gefasst. »Wir kommen da nicht durch oder? Und Magie steht außer Frage. Bisher beherrsche ich nur Feuermagie. Mit der könnte ich nicht nur jemanden verletzen, sondern auch das halbe Institut in Brand setzen, wenn ich einen Fehler mache.«
»Mja.« Norman seufzte. »Die Kneipe macht bald zu, da können wir das nicht aussitzen. Sieht aus, als müssten wir uns durch die Gassen schlagen, bis das Gröbste vorbei ist. In ein, zwei Stunden, schätze ich.«
»Oh. Gut.« Heimfried schaute enttäuscht. »Dann muss ich mich wohl bis dahin gedulden.«
Prioritäten hatte der Kleine … Norman erinnerte sich daran, was seine Mutter gesagt hatte: Der Schwanz führt, der Kopf dackelt hinterher. Männer halt. Eigentlich nicht sehr nett, das zu ihrem Sohn zu sagen. Doch so hatte sie es wohl erlebt. Norman räusperte sich.
»Für ’ne Nummer in irgendeinem Hinterhof ist es langsam zu kalt, aber wir könnten es probieren. Hab leider grad kein Geld für ein Badehaus.«
»Ein Badehaus?«
»Na, man kann da Zimmer mieten, mit ’ner Wanne drin. Brenna hat das mit ihrem Ex immer gemacht. Eigentlich sind die echt nur zum Baden, aber fast alle gehen da hin, wenn sie mal ein Stündchen zu zweit sein wollen.«
»Oh.« Heimfried wirkte äußerst interessiert. »Ich habe Geld.«
»Ich will deine Kohle nicht«, brummte Norman, aber ausnahmsweise war er bereit, sich überreden zu lassen. Wenn Heimi noch ein bisschen bohrte.
»Aber du hast die Biere bezahlt«, sagte der Kleine. »Also kann ich die … die nächste Runde übernehmen, oder?«
Erleichtert, dass ihm etwas eingefallen war, zuckte Norman mit den Achseln.
»Gut, ich schätze, das geht in Ordnung. Aber nur einmal.«
Heimfried strahlte. Ein grüngewandeter Kerl prallte neben ihnen gegen die Wand.
»Scheiß-Magier!«, brüllte er, rappelte sich auf und stürmte wieder vorwärts. Sie sahen zu, dass sie verschwanden.

Das Badehaus wusste genau, was es war. »Quelle der Freude« stand in geschwungenen Lettern auf dem Holzschild über dem Eingang. Ein kicherndes Pärchen mit feuchten Haaren torkelte ihnen entgegen. Beide waren um die vierzig und frisch verliebt.
Norman schob sich durch die Tür und baute sich am Empfang auf. Er war etwas nervös. Eigentlich war er weit genug von Worringen, um keinen Ärger wegen seines Vaters zu bekommen und wahrscheinlich erkannte ihn niemand von der Zeremonie, weil er in Zivil war. Aber man wusste nie. Außerdem hatte er das hier noch nie gemacht. War irgendwie … offiziell. Als würde er in der halben Stadt bekannt geben, dass der Kleine und er ein Techtelmechtel hatten. Hatten sie ja auch, doch bisher wusste niemand davon.
»Eine Wanne«, befahl er dem mageren Kerlchen hinter dem baufälligen Tresen. Das nickte säuerlich.
»Für euch beide?«
Norman schaffte es, nicht rot zu werden, als er bejahte. Heimfried war beschäftigt damit, die Einrichtung anzustarren. Schien ihn nicht zu beeindrucken, dass sie sich gerade gemeinsam ein Zimmer, na, ein Badezimmer nahmen.
Schon hier roch man Dampfschwaden, durchsetzt von Kräuterduft. Nelke war dabei. Die kannte Norman von den Wintermärkten. Und etwas Frisches, Fruchtiges. Lecker. Tiefrote Lampions, mehr Bordell als Badeanstalt, beleuchteten den Weg über den engen Holzflur. Ein moppeliger Junge ging voraus. Heimfried sah sich um, als würde er durch ein Wunderland geführt.
»Das ist erstaunlich«, raunte er Norman zu. »Genau so habe ich mir ein Freudenhaus vorgestellt.«
»Wir sind ein Badehaus, kein Puff«, schnarrte der Junge. Er war ein grottiger Lügner.
»Das behaupten sie wegen den Steuern«, erklärte Norman Heimfried. »Die sind für Bordelle höher.«
Der Junge schnaubte.
»Ach so!«, sagte Heimfried. »Na, du musst es ja wissen.«
»Euer Bad«, motzte der Junge und schob eine laut quietschende Tür auf. »Viel Spaß. In einer Stunde klopfe ich. Dann könnt ihr rauskommen oder heißes Wasser nachliefern lassen. Wie ihr wollt.«
Kaum hatten sie die Tür hinter sich verriegelt, begann Heimfried schon, sich aus den Klamotten zu schälen.
»Es ist nett hier«, befand er und sah sich um. Seine Finger knöpften den ersten von hundert Knöpfen an dem übertrieben verzierten Hemd auf. »Doch, sehr gemütlich.«
Norman sah sich zweifelnd in dem winzigen, fensterlosen Raum um. Es war gerade mal Platz für sie beide, einen kleinen Hocker für ihre Kleidung, ein paar rote Lampions und eine große Badewanne mit metallenen Monsterklauen. Diese Dekoration war zur Zeit sehr beliebt, warum auch immer. Helle Schwaden stiegen aus dem Wasser auf. Und sie würden noch eine ganze Weile bleiben: Unter dem verbeulten Blechboden standen mehrere Kerzen.
»Du bist bestimmt was Besseres gewohnt, oder?«, fragte er Heimfried, der gerade die Stiefel abstreifte. Anschließend legte er die Brille auf ein Wandboard. Seine Haut … dampfte? Norman sah genauer hin. So kalt war es doch nicht. War das dasselbe Zeug wie vorhin? Dieser seltsame rote, rieselnde Nebel?
»Unser Badezimmer ist ungefähr zehnmal so groß«, sagte der Kleine. »Und natürlich besitzen wir nicht nur eine Badewanne, sondern auch ein warmes und ein kaltes Fußbecken sowie eine Massagebank.«
»Und da bist du nicht enttäuscht von dem hier?«
»Selbstverständlich nicht.« Heimfried grinste ihn an. »Zuhause hatte ich nie die Gelegenheit, mit einem anderen Mann zu baden.«
Norman prustete los.
»Ist schon ein Vorteil, was?«
»Auf jeden Fall. Vor allem, wenn«, Heimfried räusperte sich. »Wenn du der andere Mann bist. Das wiegt jeden fehlenden Luxus auf.«
»Klar. Ich bin ein Luxusmodell«, brummte Norman. War ein Witz gewesen, aber Heimfried strahlte ihn an.
»Das bist du.«
Norman wusste nicht, was er darauf antworten sollte, also konzentrierte er sich darauf, seine Klamotten loszuwerden. Es dauerte nicht lange. Heimfrieds Kleidung war so kompliziert, dass sie gleichzeitig das letzte Stück abstreiften. Norman spürte, wie der Kleine ihn ansah. Er hörte ein leises Seufzen. Es war seltsam, so angeschaut zu werden. So bewundernd. Klar freute er sich, dass er immer muskulöser wurde, nur … an solche Blicke war er nicht gewöhnt.
Langsam drehte er sich um und sah sich glänzenden Augen und einem mehr als bereiten Körper gegenüber. Helle Haut schimmerte im Kerzenlicht. Die roten Lampions zauberten Reflexe auf Heimfrieds blonde Haare und … auf schmale Schultern, auf zarte Hüften und fohlenhafte Beine.

Geblogge

Heute habe ich nicht so viel geschrieben, weil erneut Wörter von gestern überarbeitet werden mussten. 5.000 (fast) druckreife Wörter pro Tag scheinen zu viele zu sein. Das sollte mich eigentlich nicht wundern. Bei „Diagnose: Depp“ habe ich 2.500 am Tag geschrieben und überarbeitet und der Tag war voll. Natürlich dauert es länger, wenn es doppelt so viele sind. Und natürlich bin ich gerade erstaunt, überrascht und entsetzt über meine mangelnde Produktivität. Ab und zu sollte ich wohl gnädiger mit mir selbst sein.
Ich bin ab morgen übrigens auf einem verlängerten Autoren-Wochenende. Ich weiß noch gar nicht, was mich erwartet. Bin gespannt. 🙂 Ob ich zum Schreiben komme, weiß ich auch nicht. Also geht es höchstwahrscheinlich erst am Montag weiter mit Norman und Heimfried.
Ebenfalls morgen erscheint die neueste Folge des uferlosen Podcasts mit mir als Special Guest. Es war sehr entspannt und lustig, und Dahlia und Kaye sind einfach super. Allerdings habe ich keine Ahnung mehr, was ich ihnen erzählt habe. Ich erinnere mich nur noch dunkel, dass ich einfach drauflos geplappert habe, was in der Vergangenheit mal zu guten, mal zu schlechten Resultaten geführt hat. Falls ich mich je traue, meiner eigenen Stimme zu lauschen (uah …), höre ich es mir an. 🙂

Wordcount heute: 2.071 Wörter
Wordcount »Magische Deppen« (Arbeitstitel) insgesamt: 53.976 Wörter

23.  Über den Dächern von Løbago

Das Licht wurde wärmer und die Schatten kühler, während sie zum Arkanen Institut gingen. Rascher als auf dem Hinweg. Es drängte. Norman wusste nicht, was genau drängte, oder, ob er überhaupt dafür bereit war, doch sie mussten zurück. So schnell wie möglich. Die Aufregung brandete durch seinen Körper. Immer wieder versuchte einer von ihnen, ein unauffälliges Gespräch anzufangen, als sie über die Bürgersteige eilten. Aber das scheiterte stets. Jedes Mal, wenn ihnen ein Wort herausrutschte, das minimal zweideutig war, wurden sie knallrot und konnten nicht weiterreden. Verdammt, was war das?
»Mann, wir machen die fertig. So richtig. Beim nächsten Hindernisrennen.« Norman lächelte. »Das wird der Hammer.«
»Der … Hammer«, bestätigte Heimfried und lief rot an.
Oh. Norman dankte allen Göttern, dass der Mantel den Hammer in seiner Hose verbarg, und konnte schon wieder nicht weitersprechen.
Er stieß einen erleichterten Seufzer aus, als das Institut vor ihnen auftauchte. Groß und mächtig, erhaben und schön im Licht der Abendsonne. Gleich würde sie untergehen. Der Himmel flammte bereits in den wunderbarsten Farben, verschwommen im Dunst der Fabrikschornsteine.
»Ich hab eine Idee«, raunte er Heimfried zu. »Komm mit.«
Ein eifriges Nicken war die Antwort. Verdammt, war der Kerl immer so … verführerisch gewesen? Der geschmeidige, schlanke Körper hüpfte vor ihm die Treppenstufen empor, so dass die Jackettsäume hochflogen und ihm einen Blick auf den knackigen Hintern gewährten.
Leute kamen ihnen entgegen. Ab und zu sogar welche, die er kannte, aber Norman blieb nicht stehen. Er hätte sich nicht einmal die Zeit genommen, Pessni eine reinzuhauen. Selbst als Gudrun Lovell ihn einen Versager nannte, stapfte er weiter voran.
»Hier entlang«, befahl er, als Heimfried in ihren Gang einbiegen wollte.
Der Weg zum Dach war mit Teppichen ausgelegt und leer. Ja, plötzlich war es fast still. Nur gelegentliches Knacken und Knarren und weit entfernte Stimmen zeugten davon, dass sie nicht allein waren. Norman fummelte den Schlüsselbund aus der Manteltasche hervor, steckte den harten Schlüssel in das gierige Loch und wurde rot.
»Woher hast du den?«, fragte Heimfried.
»Vom Strafdienst.« Er grinste. »Um die Zeit ist es abgeschlossen, weil …«
Ein Geräusch ertönte aus dem Flur, direkt hinter der nächsten Ecke. Blitzschnell huschten sie durch die Tür. Norman schloss ab. Sie lauschten. Die Schritte gingen vorbei.
»Es gab Zwischenfälle«, sagte er. »Hat der Hausmeister erzählt. Hier oben kommen sie her, um rumzutändeln, also, so hat er das genannt. Das mag die Institutsleitung nicht. Die hassen es, wenn bei Sonnenuntergang alle Pärchen in Romantikstimmung kommen und nach hier oben kommen, weil sie den Himmel anschauen wollen.«
»Ah. Ach so.« Heimfried biss sich wieder auf die Lippen. Viel zu prall. Norman wankte die letzten Stufen mehr herauf, als dass er ging. Sie waren wirklich allein. Niemand sonst befand sich auf dem Dach. Nur sie beide standen unter dem Firmament, das in ihrem Rücken dunkelblau wurde. Da, wo sie hinsahen, leuchtete es, als würde es brennen. Heimfried starrte in den Sonnenuntergang, als würde er den zum ersten Mal sehen.
»Ich dachte, das gefällt dir«, sagte Norman und räusperte sich. Du hast gesagt, dass du bei euch zuhause abends immer rausgeschaut hast.«
»Aus dem Westfenster«, sagte Heimfried. »Aber das hier ist viel besser.«
Er trat zwischen zwei Sockel, auf denen gigantische Motorenstatuen standen. Andächtig sah er zu, wie das rotgoldene Licht sich über die staubigen Dächer ergoss. Er stützte sich mit den Händen am Stein ab und richtete den Blick nach unten.
»Das ist schön«, flüsterte er. »Hier oben kann uns niemand sehen, oder?«
Leiser Wind kam auf und verstrubbelte die blonden Haare. Wind, der trotz der Kälte und der bunten Blätter frühlingshaft roch. Norman holte tief Luft und stellte sich hinter Heimfried. Er legte die Hände auf seine und freute sich über das kleine Zittern, das er verursachte. Vorsichtig strich er über die dünnen Arme, die Schultern, nach vorne über die Brust, bis seine Hände wieder auf Heimfrieds Bauch ruhten. So wie vorhin, in der Menschenmenge.
»Ich mag das«, sagte Heimfried. »Heute Mittag schon, bei … bei der Aufführung. Ich muss ehrlich sagen, dass ich nicht daran gewöhnt bin, dass das Publikum derart in ein Stück involviert ist. Es war wirklich sehr erfrischend. Äh.« Er plapperte wohl, um die Nervosität zu bekämpfen. Norman spürte sie in seinem ganzen Körper. Langsam lehnte Heimfried sich zurück, bis er mit der Wange Normans Kinn berührte.
»Norman?«, flüsterte er.
»Hm?«
»Vorhin, bei der Aufführung, war ich da zu … zu forsch?«
Norman hätte sich fast verschluckt.
»Ne, mir, äh, hat’s gefallen.«
»Oh. Ausgezeichnet.«
So wie eben drängte sich der schmale Rücken an seine Brust. Die straffen Backen bewegten sich gegen seinen Schritt. Hitze züngelte über Normans Unterleib.
»So … gut«, knurrte er. »Verdammt, Heimi, du bist so …«
»Weißt du, ich …« Heimfrieds Ohren leuchteten noch röter als der Sonnenuntergang vor ihnen, der sie in warmes Licht tauchte. »Vorhin, da habe ich mir gewünscht, dass du … also …«
Norman küsste seinen Nacken und sog den guten Duft dort ein. Er schmeckte Salz auf den Lippen. Er spürte die Hitze, die ihn halb verbrannte.
»Was hast du dir gewünscht?«, fragte er.
+++ An dieser Stelle muss ich leider wieder zensieren. Sorry! +++
Er spürte weder die kalte Mauer im Nacken noch den eisigen Wind. Alles, was er wahrnahm, war Heimfrieds warmer Körper an seinem, dessen wohlige Seufzer, das sanfte Nachglühen und die unzähligen Sterne, die über ihnen funkelten. Einen Moment lang sah er etwas vor sich. Etwas, das sich rasch verflüchtigte. Etwas, das verschwand, so wie Magie, nur … dass die immer da war. Das, was er erblickt hatte, war jetzt weg.
Hab ich mir bestimmt nur eingebildet, dachte er und küsste Heimfrieds seidigen Schopf.

24.  Ein neuer Tag

»Guten Morgen!« Norman grinste Eterna an, so breit, dass sie fast hintenüber gekippt wäre.
Wie immer war er das Erste. Nach dem Morgenlauf hatte er pfeilschnell geduscht, sich den dämlichen Bademantel angezogen und war hergeeilt, um noch vor allen anderen mit ihr zu sprechen. Ebenfalls wie immer saß sie mit überkreuzten Beinen in dem sonnendurchfluteten Raum und meditierte.
»Guten Morgen, mein bockiges Schäfchen.« Sie lächelte. Die Apfelbäckchen leuchteten. »Wie geht es dir?«
»Gut.« Er plumpste vor ihr auf den Boden. »Wussten Sie, dass unser Magienetz Kugeln abhält?«
»Klingt, als hättest du ein interessantes Wochenende gehabt.«
»Jupp, kann man so sagen.«
Er verkniff sich das Erröten. Seit gestern konnte er Heimfried kaum noch in die Augen schauen. Er war regelrecht vor ihm geflüchtet, weil bei jedem Wort, das der Kleine sagte, die Erinnerung an gestern Abend auf dem Dach wieder hochkam. Und an das, was sie anschließend im Bett getan hatten. Und das, was sie vorgestern …
»Mein Schäfchen, geht es dir gut? Du glühst ja förmlich.«
»Neinallesgut.« Norman hustete laut.
»Deine Ausstrahlung ist verändert«, sagte Eterna. »Hast du darüber nachgedacht, was ich dir über eure Verbindung erzählt habe?«
Er nickte.
»Das dachte ich mir. Ich habe deinen Motor heute beim Frühstück gesehen. Das Mäuschen läuft jetzt wie ein Kater. Ganz anders. Er wirkt richtig befreit. Was hast du mit ihm gemacht, Schäfchen?«
»Das … Also … Ich habe ihn ermutigt und bestärkt. So, wie Sie gesagt haben. Hat funktioniert. Ich meine, klar hat das funktioniert, ich bin schließlich der Beste.« Er lachte stolz.
»Bist du das?«
»Jau. Sie werden schon sehen. Ich hab echt viel dazugelernt über das Wochenende.«
Vor allem hatte er gelernt, dass Heimfried viel mutiger war, als er gedacht hatte. Wie sich vor ihn geworfen hatte, als diese Verbrecher angekommen waren. Wer sonst hätte sich vor Norman geworfen? Höchstens seine Mutter.
Oh, und er hatte drei weitere Stellen gefunden, an denen man den Kleinen nur kraulen musste, um ihn wachsweich zu machen. Und hammerhart. Alles in allem ein gelungenes Wochenende …
»Schäfchen?« Eterna sah ihn besorgt an. »Du schaust so verträumt.«
»Tu ich nicht. Äh. Genau. Unser Magienetz hält ja Kugeln ab. Wieso wusste ich das nicht?«
»Vermutlich, weil Magier eher selten unter Beschuss geraten. Es sei denn, sie heißen Norman Skødling.« Sie knetete ihre Unterlippe. »Aber es macht Sinn. Wir können auch den Klauen der Monster widerstehen, solange die Netze uns schützen. Das hat mich damals auf der Mauer oft genug gerettet.«
»Damals, als Sie mit Gunnar zusammen die Stadt beschützt haben?«, fragte Norman. »Ich habe … Sie kommen in »Die Legende von Gunnar Krafft« vor, wussten Sie das? Aber die spinnen irgendwie. Die tun so, als wären Sie voll das ängstliche Weibchen.«
»Früher war ich das vielleicht«, sagte Eterna. Ihr Lächeln wirkte gezwungen. »Aber nie so schlimm wie in diesem verfluchten Stück.«
»Ach, Sie haben es mal gesehen?«
»Leider. Lina und mich haben sie vollkommen verbockt. Aber Gunnar stellen sie ganz passend dar.«
»Ja, die zeigen gut, warum er der Größte ist.«
»Ich meinte eher, dass er ein selbstverliebter, eitler …«
Die Tür flog auf und unterbrach Eterna. Gudrun Lovell stolzierte herein. Sie rümpfte die Nase, als sie Norman erblickte.
»Was machst du denn schon hier, Schäfchen?«, höhnte sie. »Vom zu früh kommen wirst du auch nicht besser.«
»Wer sagt, dass ich zu früh … Äh, ne, aber ich bin jetzt trotzdem besser. Viel besser als du, Wieselchen.« Er verschränkte die Arme. »Wirst schon sehen.«
»Da bin ich ja mal gespannt.« Sie grinste. »Wenn du heute mehr als einen Eierbecher Magie aufnehmen kannst, darfst du an unserem Tisch sitzen.«
»Ich will nicht an eurem blöden Tisch sitzen«, log er.
»Na klar, du verbringst lieber Zeit mit diesem Würmchen, das umfällt, wenn man es böse anschaut …«
Sie verstummte. Irgendetwas in seinem Gesicht musste ihr eine Heidenangst machen.
»Er ist kein Würmchen«, knurrte Norman. »Wart’s ab, beim nächsten Hindernislauf machen wir Tore und dich fertig.«
»Das will ich sehen.« Sie schnaubte. Eterna hatte sich zurückgezogen und begrüßte die anderen Schüler. Gudrun schaute so sauer, dass er einfach fragen musste.
»Sag mal, wieso hast du dir eigentlich Tore ausgesucht? Stehst du auf die alte Hackfresse?«
»Nein.« Sie blickte drein, als hätte sie einen Zitronenbaum verschluckt. »Überhaupt nicht.  Dein dummer Kumpel hat eindeutig eine Schwäche für mich.« Sie spuckte die nächsten Worte fast aus. »Er hat mich angelogen. Der Mistkerl hat mir erzählt, dass er der Klassenbeste unter den Motoren wäre.«
»Ach, und dann dachtest du, er ist ’ne gute Partie?«
Sie knurrte leise.
»Tja.« Er wiegte verständnisvoll den Kopf. »Pech gehabt. Der ist genau so mies wie du.«
»Was noch nicht so mies ist wie du und das Würmchen.« Sie verschränkte die Arme. »Hast du schon vergessen, dass ihr den Hindernislauf verloren habt? Ich habe gehört, du hättest versucht, die Wand zu schmelzen, indem du darauf gepullert hast.«
Norman spürte, dass er rot wurde. Rückblickend war das doch keine so brillante Idee gewesen. Wussten das etwa alle?
»Na, und?«, murrte er. »Hätte ja fast geklappt.«
Sie schüttelte traurig den Kopf.
»Versager«, murmelte sie und wandte sich ab.

Aber er war kein Versager. Spätestens, als er eine ganze Magieschwade in die linke Hand saugte und mit der rechten wieder abgab, war es allen klar. Die starrten ihn an, als wären ihm drei neue Nasen gewachsen. Nur Gudrun schaute, als wollte sie ihm die Eier abreißen.
Er wusste auch nicht, was sich verändert hatte. Immer noch war die Magie eiskalt und prickelte, als würde sie seine Organe mit Gänsehaut überziehen. Doch wenn die Panik in ihm aufstieg, dachte er daran, wie der Kleine sich vor ihn gestellt hatte. Und obwohl das total dämlich von Heimfried gewesen war, wurde ihm ganz warm, sobald er sich daran erinnerte.
»Na, damit sitzt du heute wohl an unserem Tisch«, presste Gudrun Lovell zwischen strichdünnen Lippen hervor. »Glückwunsch.«
Die anderen Katalysatoren lächelten unsicher. Bis auf Gudrun waren die immer noch ziemliche Lappen. Selbst Ove, der Klassenbeste, duckte sich, wenn ein Motor an ihm vorbeiging.
»Na gut.« Norman zuckte mit den Achseln. »Aber mein Motor ist dabei, klar?«
»Als ob wir das nicht wüssten.« Gudrun verdrehte die Augen. »Ihr seid doch unzertrennlich.«
»Gudrun, du könntest etwas netter sein«, murmelte Anna und verstummte sofort wieder, weil Gudruns Augen schmal wurden. »Oder auch nicht. Äh. Du musst ja nicht.«
»Bist du sauer, weil du jetzt die Schlechteste bist, Lovell?«, fragte Norman fröhlich. Er hörte leise Schritte. Die anderen zogen sich äußerst vorsichtig in die Ecken des Raums zurück.
»Was hast du gesagt?«, zischte Gudrun und ballte die Fäuste.
»Schäfchen, Wieselchen, wie schön, dass ihr euch so gut versteht.« Eterna trat zwischen sie und strahlte. Sie legte eine Hand auf Gudruns und eine Hand auf Normans Schulter. »Macht fein so weiter, ja? Kameradschaft ist das Wichtigste. Wenn ihr eines Tages zusammen auf der Mauer steht, müsst ihr euch aufeinander verlassen können.«
Auf einmal hatte Norman keine Lust mehr auf Streit. Und Gudrun offenbar auch nicht, denn sie schnaubte wütend und wandte sich ab. Wie machte Eterna das?

Heimfried wartete auf ihn. Er lehnte neben der Tür des Speisesaals und wirkte richtig entspannt. Das herzförmige Gesicht leuchtete auf, als er Norman erblickte. Und Norman hätte schwören können, dass sein eigenes Herz einen Schlag aussetzte, sobald er den Kleinen sah.
»Norman!«, rief Heimfried. »Magst du mit am Motorentisch sitzen? Die anderen haben mich eingeladen.«
»Ach was.« Norman legte den Kopf schief. »Bist du etwa auch besser geworden?«
»Nein, kein bisschen«, sagte Heimfried fröhlich. »Meine Feuerbälle sind immer noch winzig. Ich verstehe auch nicht, was mit den anderen los ist.«
Norman ahnte es. Der Kleine hatte an Selbstbewusstsein gewonnen und das merkte man. Entweder wollten die anderen Motoren herausfinden, was geschehen war oder sie fanden ihn jetzt einfach sympathischer.
»Ich würde ja, Heimi. Aber mich haben die Katalysatoren eingeladen.« Er deutete auf seine Klasse, die hinter ihm die Treppenstufen herunterkam. »Hab sie schon gefragt, ob du dabei sein kannst. Aber wenn du bei den anderen sitzt …«
»Oh. Das ist bedauerlich.« Heimfried grübelte sichtlich. »Dann müssen wir uns wohl trennen. Für heute. Wollen wir morgen wieder zusammen sitzen? Ganz gleich, wo?«
»Klar.« Norman grinste. »Ich würde gern mal mit Pessni an einem Tisch sitzen. Vielleicht fällt ihm ja rein zufällig meine Suppe in den Schoß.«
»Ja, das … Das glaube ich. Bis nachher.« Heimfried senkte die Stimme. »In unserem Zimmer.«
Ein Feuerpfeil traf Normans Magengegend. Ein sehr kribbliger Feuerpfeil. Er räusperte sich und hätte sich fast verschluckt.
»Äh, ja. Bis … dann.« Er atmete tief ein. »Ich freu mich.«
Heimfrieds Lächeln strahlte heller als tausend Sonnen.
»Kommst du, Schäfchen?«, motzte Gudrun Lovell.

Beim Essen stellte Norman nicht ohne Entsetzen fest, dass er sich gut mit ihr unterhalten konnte. In Gudruns Augen las er dasselbe Grausen. Aber irgendwie hatten sie mehr miteinander gemeinsam als mit den anderen Katalysatoren.
»Schau mal, wie die sich aufführen.« Angewidert beobachtete sie, wie Brenna und Pessni so laut diskutierten, dass der halbe Saal mithörte. Brenna sprang schließlich auf den Tisch und feuerte eine gekochte Rübe auf einen Zweitjahres-Katalysator. Die Aufsicht war sofort bei ihr.
»Das sind halt Motoren«, sagte Ove und die anderen Katalysatoren nickten ergeben.
»Ne, das sind Arschlöcher«, brummte Norman. Heimi tauchte in seinem Blickfeld auf. Der Kleine unterhielt sich freundlich mit einer Motorin am Tischende. »Na, fast alle. Aber die meisten. Die meinen doch, sie wären die Größten, weil überall Motorenstatuen rumstehen.«
»Genau.« Gudrun tunkte ihre Brotscheibe in die Suppe, als wollte sie sie darin ertränken. »Und Gemälde und Mosaike und verdammte Wandteppiche. Die sollen sich mal nicht so haben. Wenn wir die nicht mit Magie versorgen würden, wären sie gar nichts.«
»Das stimmt«, sagte Norman. Wieder sahen sie sich misstrauisch an. Egal. »Das hat sogar Gunnar gesagt.«
Er deutete auf die Balustrade, hinter der Gunnar gerade ein Steak verzehrte. Zwei schöne Frauen und drei Hohe Magier saßen bei ihm.
»Hat er das?«, fragte Gudrun. »Hast du etwa mit ihm geredet?«
Norman nickte. Ein helles Feuer ließ Gudruns Augen aufleuchten.
»Was, echt?« Mit einem Mal war ihre Stimme viel höher. »Hast du ihn einfach angesprochen? Was hat er noch gesagt?«
»Der war total nett.« Norman beugte sich zu ihr vor. »Ehrlich, überhaupt nicht so arrogant wie die anderen Hohen Magier. Er meinte, ohne Katalysatoren wäre er aufgeschmissen. Wegen ihm will ich der … Will ich ein besserer Katalysator werden.«
Vielleicht sollte er sich mit »der Größte auf der ganzen Welt« zurückhalten, bis er nicht mehr der Letzte beim Hindernislauf war.
»Gunnar Krafft ist so …« Gudrun lächelte und biss sich auf die Lippen. »So toll. Wegen ihm wollte ich zum Arkanen Institut. Ich wollte schon immer seine Katalysatorin werden.«
Ihre Wangen röteten sich, als hätte sie zuviel verraten. Doch Norman verstand sie.
»Ja, ich auch«, gab er zu. »Also früher wollte ich noch genau so werden wie er. Ein Motor halt. Aber jetzt …« Er grinste schief. »Sieht aus, als wären wir Konkurrenten, Lovell.«
Sie grinste ebenfalls. Beide blickten sie zu Gunnar hoch, der gottgleich ein Salatblatt aufspießte. Er sah echt toll aus. Doch irgendwie … Norman überlegte. Nicht ganz so toll wie sonst. War Gunnar übermüdet? Oder hatte Normans Sicht auf ihn sich verändert? Klar war der Kerl nach wie vor der Größte (der Allergrößte!), aber … Nun, Norman konnte sich fast vorstellen, dass es eventuell irgendwo auf der Welt einen schöneren Mann geben könnte. Zumindest einen süßeren.
»Ich kann’s kaum erwarten, bis ich mit ihm auf der Mauer stehe«, sagte Gudrun. »Endlich nicht mehr mit dieser Pfeife Tore zusammenarbeiten.«
»Oh.« Norman glotzte sie an. Richtig, wenn er Gunnars Katalysator wäre, würde er nicht mehr Heimis sein. »Ach, weißt du was, Lovell? Ich überlasse dir Gunnar.«
Er lehnte sich zurück.
»Geht’s dir gut?« Sie kräuselte ihr Näschen. »Du tust so, als gäb’s was Besseres, als mit dem Magier der tausend Klingen zu kämpfen. Der Kerl ist eine Legende!«
»Klar gibt’s was Besseres.« Er verschränkte die Arme.
»Ach ja? Was denn?«
»Na, selbst zu einer Legende zu werden.«
Sie sah ihn an, als hätte er behauptet, dass er fliegen könnte.
»Zu einer Katalysatorenlegende? Wo gibt’s denn sowas?«
»Eterna ist doch eine.«
»Frau Solmgard ist eine Ausnahmeerscheinung.«
»Tja.« Norman blickte sie arrogant an und stellte sich vor, er wäre Heimis dämlicher Nachbar. »Das haben Legenden nun mal so an sich.«
»Werd erstmal Vorletzter beim Hindernislauf, du Eispisser«, fauchte sie.
»Mach ich. Und du wirst Letzte.«
»Das werden wir ja sehen.« Ihr Mund wurde zu einem schmalen Strich. Sehr gut. Alles wie gehabt.

Die Woche verging wie im Rausch. Plötzlich stritt er sich mit Ove darum, der Klassenbeste zu sein. Allerdings schwankte Normans Leistung stark, je nachdem, ob er sich gerade konzentrierte, wütend oder hungrig war … oder ob er an Heimfried dachte.
Das tat er ständig. Dabei sahen sie sich doch dauernd. Mittags saß er entweder bei ihm am Motorentisch oder Heimfried hockte mit ihm bei den Katalysatoren. Wenig überraschend verstand Heimfried sich ausgezeichnet mit den Katalysatoren-Schwächlingen. Mit ihm selbst und den Motoren klappte es eher mittelmäßig. Pessni hasste ihn und Brenna und Tore ignorierten ihn.
Aber langweilig war ihm nie. Vor allem nachts nicht. Dafür sorgte Heimfried, der ihn mit seiner Begeisterungsfähigkeit so sehr ansteckte, dass er dem Kleinen bei Sonnenaufgang kaum noch in die Augen blicken konnte. Egal, wie hübsch die waren.
Er trainierte Heimfried nun. Schließlich kam es bei dem Hindernislauf nicht nur auf Magie, sondern auch auf Stärke an. Als der Freitag kam, schaffte der Kleine erstmals beim Morgenlauf die gesamte Strecke. Zwar mit Abstand als Letzter, doch immerhin klappte er nicht vorher zusammen. Er schlief lediglich während des Mittagessens ein. Sah echt niedlich aus, wie er schnorchelte und das Kartoffelpüree als Kopfkissen benutzte.
Dann kam der Samstag und mit ihm der zweite Hindernislauf.

25.  Nächster Versuch

»Heimi, wir schaffen das«, wiederholte Norman. »Keine Angst, klar?«
Heimfried schüttelte den Kopf.
»Ich bin lediglich etwas nervös.« Er schaute in dem feuerfesten Raum umher. Anspannung lag in der Luft. Überall saßen sich Motor-Katalysator-Paare gegenüber und trainierten. »Es wird neue Hindernisse geben, nicht wahr?«
»Ja, aber da kommen wir rüber«, sagte Norman. »Und weißt du auch, warum?«
Er sah Heimfried herausfordernd an.
»W-weil wir die Größten sind«, sagte der brav. »Allerdings … Ich meine, alles wird mit Feuer oder Muskelkraft überwindbar sein und … also in beidem bin ich schlecht.«
»Du?« Norman beugte sich zu ihm vor und senkte die Stimme. »Alter, du hast eine zehn Meter hohe Feuerwand hinbekommen. Wenn das einer gesehen hätte, hätten wir lebenslänglich Putzdienst wegen Brandgefährdung bekommen.«
»Das habe ich nur einmal geschafft«, flüsterte Heimfried. »Seitdem bin ich wieder ein Glühwürmchen.«
Schien ihn nicht groß zu stören. Norman wäre stinksauer gewesen, wenn er sich dermaßen zurückentwickelt hätte.
»Woran liegt’s?«, fragte er. »Hast du ’ne Ahnung? Wir müssen gleich gewinnen, also denk hart nach, klar?«
Bei dem Wort »hart« leuchteten Heimfrieds Augen auf.
»Heimi. Konzentrier dich.«
»Äh, ja. Ich habe eine Vermutung …«
»Na, ihr Verlierer?« Zwei blankpolierte schwarze Lederstiefel standen neben ihnen. Große Füße. Norman sah hoch und schaute in das mürrische Gesicht von Friedhelm. »Übt ihr auch? Oder habt ihr schon aufgegeben?«
»Wir geben nie auf«, behauptete Norman. »Und es läuft super.«
»Ach ja?« Ein spöttischer Zug erschien um den Mundwinkel des rothaarigen Magiers. »Dann lasst mal sehen, was ihr könnt.«
Seine Augenbrauen hoben sich, als Norman Magie einsaugte und das lila Netz den ganzen Körper umhüllte. Doch dann berührte Norman kurz Heimfrieds Hand, schoss Magie hinein, merkte, dass die Hälfte verlorenging, zog sie zurück … und über Heimfrieds Handfläche entstand ein Feuerball. Umfangreicher als letzte Woche, aber … Na ja, er wurde etwa faustgroß und verpuffte sofort. Heimfried sah ihn bedauernd an.
»Das dachte ich mir.« Friedhelm grunzte leise und stiefelte davon.
»Heimi, du gibst dir nachher Mühe, sonst …« Norman stoppte sich. »Ich meine, du schaffst das. Richtig … gut und so.«
»Danke.« Der Kleine nickte. »Aber du musst mich nicht in Watte packen.«
Norman sah ihn zweifelnd an. Heimfrieds Wangen röteten sich.
»Nicht mehr«, motzte er und verschränkte die Arme. »Ich bin jetzt ein Mann.«
»Ah ja.«
»Schau nicht so ungläubig. Ich habe dem Tod ins Auge geblickt. Der Hindernislauf und Friedhelm beeindrucken mich nicht mehr.«
»Hm.« Norman blinzelte. »Ja, stimmt, so kann man das auch sehen. Aber wir gewinnen, klar? Wir sind die Größten.«
»Wir sind die Größten«, bestätigte Heimfried.

Geblogge

Sonst jammere ich in der Mitte der Geschichte immer, aber diesmal fällt mir das Schreiben erstaunlich leicht. Vielleicht, weil es romantisch wird. Oder, weil es einfach so zahlreiche Gelegenheiten für Flachwitze gibt. Leider ist erneut nicht alles überarbeitet, bzw. muss ich eh einen Teil zensieren. Heute also nur ein Kapitel. Ich muss langsam Feierabend machen. 🙂

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22.  Gefahr

»Das ist er, richtig?« Der Zylinderkerl grinste die drei Typen anbiedernd an.
Die Drei trugen viel zu weite Anzüge. Ihre Kleidung sah aus, als müssten sie noch hineinwachsen. Vor allem an den Schultern. Die Hutkrempen waren so breit, dass man in den dunken Schlagschatten darunter kaum die Gesichter ausmachen konnte. Sie hätten beinahe lächerlich gewirkt, hätte Norman nicht gewusst, wer sowas trug. Mobster. Der in der Mitte hatte sogar Nadelstreifen. Musste der Anführer sein.
Er hob den Kopf und Norman erkannte ihn. Hindrik, das Halbgesicht. Man nannte ihn so, weil zwei lange Narben seine rechte Gesichtshälfte verwüsteten. Sie zogen sich über Wange und Mund, so tief, dass man die Knochen durchschimmern sah. Und Hindrik arbeitete für …
Verdammt. Norman spürte Kälte in allen Adern. Es fühlte sich an, als würde das Leben aus ihm weichen.
»Na klar ist er das«, knurrte Hindrik und trat einen Schritt näher. Unwillkürlich wich Norman zurück. »Sieht man doch schon an der Rübe. Svens Bastarde haben alle solche Quadratschädel.«
»He, stimmt.« Der Kerl rechts von ihm kicherte schrill. Hindriks Gefährten sahen aus wie Marder: spitzzahnig und blutrünstig. Waren die verwandt? »Aber die Quadratschädel platzen auch, wenn man ’ne Kugel reinjagt.«
Er hob das Gewehr. Scheiße. Scheißescheiße …
»Was wird das?«, krächzte Norman. »Haben die beiden Arschgeigen euch angeheuert, weil ich … weil wir ihre blöde Schummelei am »Hau den Lutz« durchschaut habe?«
Hindrik schaute ihn an, als hätte er versucht, ihm ans Bein zu pissen.
»Wir arbeiten nicht für diese Clowns.« Er warf dem Zylinderkerl und seinem Assistenten einen verächtlichen Blick zu. Die beiden schraken zurück. »Wir arbeiten für Agnes. Die Trottel hier waren so nett, uns auf dich hinzuweisen.«
Hindrik lächelte. Ein furchtbarer Anblick. Auch dass er für Agnes arbeitete war übel. Richtig übel. Die Alte hatte das organisierte Verbrechen von Løbago übernommen, noch bevor sie Svens Leiche vom Galgen geholt hatten.
Norman spürte den Tod heranschleichen. Kamen die Wände näher? Warum zur Hölle hatte er sich in eine Sackgasse ohne Fluchtmöglichkeit manövriert? Viel zu dunkel und abgelegen, um um Hilfe zu rufen. Nicht mal den Schuss würde man hören. Hinter ihm ragte die Ziegelwand auf, neben ihm auch, zu eng, um auszuweichen und … Heimfried! Verdammt! Nein, sie durften ihm nichts tun!
»U-und was wollt ihr von mir?« Mist, seine Stimme bebte. »Was will die alte Agnes? Steht die auf Quadratschädel?«
»Ganz im Gegenteil.« Hindrik zündete sich eine Zigarette an. Ein guter Moment, um loszustürmen. Leider richteten die anderen beiden Kerle die Gewehre noch auf Norman. »Sie zahlt fünfzig Spechte für jeden Quadratschädel, den man ihr bringt. Ohne lästigen Körper dran.«
»Ah. So.« Mist, er musste sie am Reden halten. Nur noch ein bisschen. Irgendwie. Aber ihm fiel nichts ein.
Glücklicherweise war Hindrik eine Laberbacke.
»Sie will die Bastarde vom alten Sven loswerden. Alle. Als Warnung und damit ihr keiner was streitig machen kann.« Hindrik schüttelte den Kopf. »Mann, du glaubst nicht, was für ’ne harte Arbeitswoche wir hatten. Haben die halbe Stadt nach euch Quadratköpfen durchkämmt. Zum Glück seid ihr leicht zu finden. Du bist der … der wievielte, Olov?«
»Der Dreißigste.« Marder Zwei grinste.
»Der Dreißigste!« Wieder dieses furchtbare Lächeln. »Kannst dich geehrt fühlen. Oder nicht. Mir egal.« Er hob die Waffe.
»Wartet!«
Ein blonder Schopf erschien vor Norman. Heimfried?
»Ich … Bitte nicht schießen«, rief der Kleine.
»Heimi!« Norman packte die schmalen Schultern. »Aus dem Weg, aber sofort! Das ist gefährlich!«
Heimfried wehrte sich gegen seinen Griff.
»Ich kann euch mehr zahlen als diese Agnes!«, rief er Hindrik und den Mardern zu. »Wenn ihr ihn in Ruhe lasst, bekommt ihr hundert Spechte!«
Hindrik überlegte.
»Hast Geld, was, Kleiner?« Seine Stimme klang wie eine knarzende Tür.
»Sieht man doch, Boss.« Marder Eins zeigte auf Heimfrieds Samtjackett mit dem aufgestickten Monogramm. »Und adlig ist er auch noch.«
»Ach du Scheiße.« Hindrik schüttelte den Kopf. »Den müssen wir besonders gründlich verschwinden lassen, sonst gibt’s Ärger.«
»V-verschwinden?« Heimfried war so geschockt, dass Norman ihn endlich hinter seinen Rücken zerren konnte.
»Bleib da«, befahl er. Aber Heimfried zappelte und strampelte wie ein Wahnsinniger. »Heimi! Lass das!«
»Aber sie wollen dich …« Tränen schwammen in den blassblauen Augen.
»Schnauze!«, donnerte Hindrik. »Kleiner, da gibt’s ’ne Sache, die du nicht kapierst.«
»Ach ja?« Heimfried schob trotzig die Unterlippe vor. Er zitterte wie ein Blatt im Sturm, aber … Er war wütend. Was war auf einmal los mit ihm? »Was denn?«
»Wenn du tot bist, kriegen wir dein Geld eh. Müssen es dir nur aus den Taschen holen.«
»Oh.« Heimfried wurde blass. »Das … macht Sinn.«
»Aber dann sind die Scheine zerlöchert und blutig«, sagte Norman. Er bibberte und ihm war schlecht, aber er musste etwas tun. Die durften Heimfried nicht abknallen! »Lasst ihn doch einfach laufen. Er gibt euch die Kohle und darf abhauen. In Ordnung? Ihr wollt eh mich. Für seinen Mini-Schädel kriegt ihr nichts. Gut, er ist blond, aber dem nimmt keiner ab, dass Sven sein Vater ist.«
»Nein!«, rief Heimfried und schaffte es, sich neben ihn zu schieben. »Ich bleibe bei dir!«
»Gut«, schnarrte Hindrik, der offensichtlich genug hatte. Er hob die Waffe. Die Marder ebenfalls. »Bleibt genau so stehen, Jungs. Ist gleich vorbei, ich versprech’s.«
Wie in einem bösen Traum, in dem alles sich zog, als würde man durch Schlamm waten, sah Norman, wie die Gewehre sich auf sie richteten. Wie ihre dunklen Läufe aus den düsteren Schatten ragten. Schockstarr blickte er in die unbewegten Fressen von Hindrik und den Madern, die erwartungsvollen Mienen vom Zylinderkerl und seinem Assistenten.
Nein, schrie Norman innerlich. Nein, ich kann jetzt nicht sterben, ich … ich wollte doch noch … irgendwas tun! Egal was! Was mache ich? Ich muss sie aufhalten, sie bringen mich um und Heimi, Heimi ist … Ich muss etwas tun!
Er spürte eine Berührung. An der rechten Hand. Eiskalte, nasse, zitternde Finger schoben sich zwischen seine. Heimfrieds Finger.
Eine ausgezeichnete Idee. Norman spreizte die linke Hand. Fühlte.
»Schau mal, sie halten Händchen«, feixte der Zylinderkerl. »Wie süß …«
Er erstarrte. Norman hatte eine Magieschwade erwischt, genau zwischen den Fingern. Keine Zeit für Angst. Er saugte sie ein, blitzschnell, hob die Hand, suchte nach weiteren, spürte die Magie mehr, als dass er sie sah. In seiner Brust wurde es kalt. Lila Licht flammte auf und das Netz umhüllte ihn. Dann schoss er die Magie in Heimfrieds Finger. Den warf es nach vorne, aber das goldene Netz war sofort da, so hell wie das lilafarbene, das Normans Körper umschloss und … Sie mussten …
»Scheiße, das sind Magier!«, brüllte Hindrik. »Feuer!«
Sie drückten ab. Norman sah Kugeln auf sich zufliegen. Schemen, die durch die Luft wischten, blitzschnell, die auf seinen Bauch zielten, auf Heimfried neben ihm.
Aber sie trafen nicht. Erstaunt hörte er, wie die Patronen mit einem metallischen Klackern zu Boden fielen. Genau vor seine Füße.
»Heimi! Feuerball!«, rief er. »Sofort!«
Erstaunlicherweise gehorchte Heimfried. Zitternd hob er die rechte Hand. Die Linke hielt Normans Finger so fest, dass die Knöchel knackten. Norman betete, dass die Idioten sich von kleinen Feuerbällchen beeindrucken ließen … Mist, der Kleine zielte nicht auf die Typen, sondern vor ihre Füße!
»Heimi!«
Heimfried schrie.
Und dann war alles heiß und hell. Die Verbrecher waren verschwunden. Eine Feuerwand türmte sich vor ihnen auf, so hoch wie die Mauern, an denen die Flammen leckten. So sengend, dass Norman spürte, wie seine Augenbrauen sich kräuselten. Die Gesichtshaut drohte zu platzen. Schreie drangen zu ihnen durch. Schmerzensschreie. Heimi jaulte auf.
»Ich habe sie umgebracht!«
Die Feuerwand verschwand. Fünf Figuren kamen zum Vorschein, die sich schreiend im Dreck wälzten. Hindriks Nadelstreifenanzug war vorne schwarz. Einer der Marder hielt kurz inne und Norman erkannte, dass sein Gesicht knallrot und der Bart verkohlt war.
»Haut ab«, brüllte Norman. Seine Stimme hallte von den Wänden wider. »Verpisst euch, oder es gibt die nächste Ladung.«
Die Fünf schraken zusammen. Hektisch rappelten sie sich auf und eine Sekunde später waren sie verschwunden. Sie hatten die Bretterwand fast niedergerissen, so eilig hatten sie es.
Die Schritte verhallten. Die Magienetze um Normans und Heimfrieds Körper verblassten. Das Zischen des Feuers auf den Wänden endete und ließ geschwärzte Ziegel zurück. Stille senkte sich über sie. Immer noch hielten sie sich an den Händen, als wollten sie nie wieder loslassen.
»Heimi …«, sagte Norman und starrte auf die Stelle, an der die Feuersäule emporgeschossen war. »Das war saugeil.«
Er hörte ein Wimmern. Heimfrieds Gesicht verzog sich. Dann plärrte er los wie ein verdammtes Kleinkind. Norman seufzte. Sanft schloss er den Kleinen in die Arme und schob die nasse Wange an seine mächtige Schulter.
»Ist ja gut«, murmelte er. »Das hast du toll gemacht, Heimi.«
Ein markerschütterndes Jammern war die Antwort. Heimfried bebte und flennte, so laut, dass es Norman echt peinlich war. Er drückte einen Kuss auf den blonden Scheitel.
»Das war eine erstklassige Idee«, flüsterte er. »Woher hast du gewusst, dass ich jetzt Magie durch den ganzen Körper leiten kann? Oder war das nur Glück?«
»W-wa… Wovon redest du?«, heulte der Kleine.
»Na, dass du mir deine Hand gegeben hast, damit ich Magie reinschieße. Das war genial!«
»War es nicht.« Ein ohrenbetäubendes Schniefen. »Ich hatte nur Angst. Furchtbare Angst. Sie hätten uns fast … Ich wollte nur … nur getröstet werden.«
»Oh.«
Fast wäre Norman sich dumm vorgekommen. Aber dann erinnerte er sich daran, wie sie diese Vollpfosten rundgemacht hatten und ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. Sie hatten sie zermalmt. Mit Magie.
»Mit Magie. Mit echter, richtiger Magie, zum Hades.« Er lachte. »Mann, das war der Hammer! So viel Feuer kriegen nicht mal Pessni und Brenna hin! Scheiße, vielleicht nicht mal Gunnar!«
Er riss Heimfried hoch und wirbelte ihn herum.
»Du bist der Größte, Heimi! Ne, wir sind die Größten!«
Er konnte gar nicht aufhören, zu lachen. Heimfried lachte auch, glucksend, zwischen den Heulkrämpfen. Norman setzte ihn auf dem Boden ab.
»Wirklich?«, fragte der Kleine. »Nicht mal Gunnar?«
Statt einer Antwort küsste Norman ihn. Hart. Er presste die Lippen auf Heimis, so fest er konnte. Aber selbst das reichte nicht, also packte er den schlanken Körper und drängte ihn gegen die Ziegelwand, hob ihn hoch und küsste ihn, als wollte er mit ihm verschmelzen. Erst als er ein leises Jammern hörte, kapierte er, was er tat. Mist.
»Oh, sorry, Heimi.« Er ließ den Kleinen herunter. »Hab ich dir wehgetan?«
»Nein.« Die Augen hinter den beschlagenen Brillengläsern strahlten wie tausend Sterne. Heimfrieds Wangen glühten und sein Atem ging stoßweise. »Das war geil.«
»Heimi, wie redest du denn?« Norman war entsetzt. Andererseits hätte er gern weitergemacht, ihn wieder gepackt und … Aber er traute sich nicht und der Moment verstrich. Heimfried wurde ruhiger. Auch er schien nicht zu wissen, was er tun sollte.
»Äh«, sagte er. »Entschuldige, ich war nur so … aufgewühlt. War ich wirklich besser als Gunnar?«
»Auf jeden Fall genauso gut.«
Ein strahlendes Lächeln erschien und Normans Herz wummerte. Heimfried trat an ihn heran, legte ihm die Hände an die Wangen und küsste ihn. Nur ganz kurz, aber Norman fühlte es. Die letzten Reste der Magie flossen aus ihnen heraus und prickelten über ihre Lippen.
»Also.« Heimfried schaute ihn an, als wäre er ein Dreigängemenü. Das leckerste auf der Welt. »Gehen wir zurück ins Institut?«
Norman starrte ihn an. Er spürte Heimfrieds Erregung an seinem Oberschenkel. Er sah das Verlangen in den blauen Augen. Und schluckte.
»Klar«, krächzte er. »Ist ja schon … Wird ja bald dunkel.«
Keiner von ihnen erwähnte den Zweizüngler noch.

Geblogge

Muss mal wieder sofort los. Pizza essen mit der Schwiegerfamilie. 🙂 Aber Norman und Heimfried kommen ja alleine zurecht. Vermutlich …
Der Text ist noch nicht zu 100% überarbeitet, ich verbessere ihn morgen nochmal. Wer allergisch auf Wortwiederholungen reagiert, wartet besser bis dann.
+++ UPDATE: Ist überarbeitet. +++

Wordcount heute: 5.586 Wörter
Wordcount »Magische Deppen« (Arbeitstitel) insgesamt: 46.691 Wörter

20.  Schauspiel und Chaos

Sobald er sich beruhigt hatte, war Heimfried wie ein junger Hund. Aufgeregt wetzte er von einem Stand zum nächsten. Sie verbrachten Ewigkeiten bei den gebrauchten Büchern und als sie schließlich gingen, musste Norman die Tasche tragen. Zehn Bände »Gruselige Gruftgeschichten–furchtbar und wahr« waren zu schwer für den Kleinen.
»Vielen Dank für deine Hilfe.« Heimfried strahlte. Bevor Norman »Passt schon« brummen konnte, wirbelte er wieder herum. »Was findet dort statt?«
Norman folgte seinem Blick zu der bunt geschmückten Theaterbühne. Die Kulisse wurde gerade aufgebaut. Drei schwitzende Kerle schoben eine künstliche Mauer aus bemalten Brettern vor eine Reihe Holzkisten. Vor der Bühne war es schon so voll, dass kaum noch Platz war. Die Menge schubste und motzte vor sich hin. Fast alle futterten irgendeine Kürbisspezialität. Norman grinste.
»Das da? Das ist das Beste überhaupt. Weißt du, was sie gleich aufführen?«
Heimfried schüttelte den Kopf.
»Was ist es?«
»Die Legende von Gunnar Krafft. Das beste Stück, das es gibt. Über den besten Mann, der je gelebt hat.«
»Oh.« Seltsamerweise freute Heimfried sich nicht. Er wirkte sogar ein wenig betrübt. Aber nur einen Moment lang.
»Schauen wir es uns an?«, fragte er.
»Na klar.« Norman stemmte die Hände in die Hüften. »Ich schau das jedes Jahr an, bei jedem einzelnen Fest. Hab ich dir mal erzählt, dass ich Gunnar damals gesehen habe? Vor zehn Jahren, als er uns gerettet hat. Als er Worringen gerettet hat. Kein anderer Magier hat sich dazu herabgelassen, zu uns zu kommen, aber Gunnar …« Er seufzte leise. »Wegen ihm wollte ich immer Magier werden, weißt du? Schon als so kleiner Stöpsel.« Er deutete etwa auf Hüfthöhe.
»Das ist schön.« Heimfrieds Lächeln wirkte etwas gequält. »Dann … gehen wir?«
»Na klar!«

Norman schubste Heimfried in der Menge vor sich her, bis sie in ihrer Mitte standen und es nicht weiterging. Auf dem Weg traf er ein paar alte Bekannte, die anscheinend alle bei der Aufnahmezeremonie gewesen waren.
»He, Normi! Guter Auftritt letzte Woche!« Naomi, eine Metzgerin, zeigte ihm ihr zahnlückiges Lächeln.
»Jou. Danke«, brummte Norman. Sie grinste noch breiter.
»Bist ganz schön rumgeschleudert worden, was? Aber lustig war’s!«
Norman machte, dass er weiterkam.
»Norman, alter Katalysator!« erschallte es von rechts. Die mageren Zwillinge, die dort aus der Menge ragten, lachten einstimmig. »Hast du dich abgeregt oder machst du den feinen Magiern immer noch Feuer unterm Arsch?«
»Wie denn, als Katalysator?« Norman verzog den Mund. Die beiden wieherten.
»Norman! Hab dich bei der Zeremonie …«, begann der picklige Typ, an dem sie sich vorbeiquetschten.
»Mann, war echt jeder bei dieser Kackzeremonie?«, fuhr er ihn an. Der Kerl lachte. Beißender Atem schlug Norman ins Gesicht.
»Na klar! Das konnten wir doch nicht verpassen! Deine Mutti hat mir fast den Arsch versohlt, als ich gelacht hab.«
Norman erstarrte. »Sie war da?«
Zwei Gefühle stritten in ihm: Scham und Rührung. Sie dachte also doch noch an ihn. Wollte wissen, wie es ihm ging, obwohl sie deutlich gemacht hatte, dass er jetzt auf eigenen Füßen stehen musste. Was er auch tat, zum Hades!
Gerade hielt die Menge um ihn herum ihn allerdings aufrecht. Als kein Durchkommen mehr war, blieben stoppten sie. So, dass Heimfried genau hinter der Lücke zwischen zwei Köpfen stand. Es handelte sich um die grauen Schädel von zwei älteren Damen, die lautstark »Anfangen! Anfangen!« riefen. Es war schweinelaut hier.
»Kannst du sehen, Heimi?«, flüsterte Norman in sein Ohr. Der Kleine nickte aufgeregt. Normans Hände lagen immer noch auf seinen Schultern, weil er ihn vor sich hergeschoben hatte wie einen schmächtigen Rammbock. Wohin damit? Durfte er … Sein Puls ging schneller, sobald er die Finger langsam an Heimfrieds schmalem Rücken abwärts wandern ließ. Er spürte den Brustkorb unter dem weichen Samtjackett, dann die Seiten und schließlich den flachen Bauch.
»Gut so?«, flüsterte er in Heimis Ohr, das sich leicht gerötet hatte.
»Ja«, gab der zurück. Er musste sich halb umwenden, um mit ihm zu sprechen. Die Augen glitzerten. »Ja, sehr gut.«
Das gab Norman den Mut, ein wenig fester zuzupacken. Er legte die Hände auf Heimfrieds Bauch übereinander und wartete ab, bis hinter ihm wieder jemand drängelte. Daraufhin schob er sich noch näher heran. Beinahe unauffällig. Er hatte keine Ahnung, was er tat. Aber es fühlte sich gut an.
»Gleich geht’s los«, raunte er in Heimfrieds Ohr, nur, um das zarte Kitzeln seiner Haare an der Wange zu spüren. »Das wird dir gefallen.«
Heimfried schnurrte etwas Zustimmendes und drängte sich dichter an Norman heran. Um sie herum kapierte niemand, was sie taten. Die waren zu sehr damit beschäftigt, »Anfangen!« zu brüllen und außerdem standen alle so eng beieinander, dass kein Mensch etwas außer anderen Köpfen sah. Der Geruch nach Schweiß und schwerem Parfüm war allgegenwärtig und der Lärm wurde immer wüster.
Aber Norman bemerkte es kaum. Alle Sinne waren auf den warmen Leib vor ihm gerichtet. Vor allem auf den Bauch unter seinen Handflächen, durch die er Heimfrieds Atem spürte, und … und da war ein sehr fester Hintern, der sich gegen seinen Schritt presste. Mist. Norman räusperte sich. Er versuchte, an etwas Ekliges zu denken, aber es half nicht. Sein Unterleib erwachte zum Leben. Vor ihm färbten sich Heimfrieds Ohren dunkelrot. Ja, der hatte es gemerkt.
Norman wusste nicht genau, was er sagen sollte. Gab es etwas zu sagen? Er hatte keine … oh. Oh! Aus dem sanften Druck von Heimfrieds Po wurde ein zögerndes Kreisen. Hitze schoss in Normans Schritt. Kribblige Hitze, die ihn endgültig hart werden ließ.
»W-was machst du da?«, flüsterte er und erneut kitzelten die weichen Haare seine Wange.
Er spürte, dass sich Heimfrieds Körper versteifte. Aber nur kurz. Gleich darauf war er wieder anschmiegsam wie ein Kätzchen. Als er sich zu Norman umdrehte, war sein Blick verschleiert und ein wenig herausfordernd.
»Das gefällt dir, oder?«, murmelte er zurück. Norman starrte ihn an. Seit wann war der Kleine so … so … so verführerisch? Wo war der unsichere Schwächling geblieben?
»Merkst du doch«, brummte Norman. Seine Wangen brannten. Und Heimfried schien das als Ermutigung zu verstehen. Die Hüften kreisten weiter, bis Norman sich auf die Lippen beißen musste, um ein Stöhnen zu unterdrücken. Es kribbelte und pochte und am liebsten hätte er ewig so weitergemacht. So lange, bis … aber die Öffentlichkeit und der raue Stoff seiner Unterhose ließen das nicht zu.
»Aufhören«, keuchte er. Eine volle Ladung Anisduft erwischte seine Geruchsnerven. Lecker. »Sonst wird’s peinlich.«
Heimfried seufzte enttäuscht. Doch die festen Backen hielten inne. Die waren echt perfekt. Gerade so nachgiebig, dass ihre Berührung ihn keuchen ließ. Unauffällig sah Norman nach links und rechts. Immer noch blickten alle zu Bühne hinauf. Die Attrappen waren fast fertig aufgebaut und eigentlich sollte es langsam losgehen. Das Gemurmel im Publikum wurde intensiver. Klang wie ein Wespenschwarm kurz vorm Angriff.
»Anfangen!«, brüllte Norman mit den anderen, um sich selbst von seiner peinlichen Lage abzulenken. Allerdings ohne die Hände von Heimfrieds Bauch zu lösen. Auch die Rufe wurden lauter. Mehr Menschen fielen ein und ein Rhythmus entstand. Ein Rhythmus, der aus unkoordinierten Rufen eine heranbrandende Lärmwelle machte.
Ein Wesen sprang auf die Bühne. Es machte einen Salto und landete polternd und federnd auf den Holzdielen. Die Rufe endeten in einem überraschten Aufschrei. Das Ding war ein Mensch. Er war mit einem roten Anzug bekleidet, an dem unzählige orange und gelbe Bändchen baumelten. Der Kopf war unter einer grauenerregenden Maske verborgen. Sie ähnelte einem brüllenden Löwen mit den seitlichen Kieferklauen eines Skorpions. Alle wussten, was das Vieh darstellte.
»Ich bin ein Lavamonster!«, rief die Gestalt. Eine männliche Stimme, theatralisch-böse verstellt. »Ich werde euch alle fressen!«
»Buuuuh!!!«, schrie Norman, gemeinsam mit dem Rest des Publikums. Er spürte, wie Heimfrieds Rücken sich anspannte und gleich darauf wieder entspannte. Das Gedränge wurde schlimmer. Wie ein Sog, der alle zur Bühne hintrieb. Norman bekam kaum noch Luft und wegen all der Körper um ihn herum schwitzte er langsam wie ein Schwein. Aber das war ein Teil des Vergnügens.
»Geh heim, du hässliches Mistvieh!«, kreischte eine hohe Stimme von hinten. Zustimmender Jubel erklang.
»HahAA!!«, fauchte das Lavamonster. »Einen Scheiß mache ich! Ich fresse euch und eure Kinder und eure Enkel und eure Nachbarn und …«
»Buuuuh!!!«
»Die Kefzenräude soll dich holen!«, grölte die Metzgerin.
»Ne, die Olpe!«, rief ein Mann.
»Verreck an der Sprötze, Flammenarsch!«, brüllte Norman.
»Und an Takelfusssporen!«, blökte jemand anders.
»IHR werdet verrecken!«, schrie das Monster, griff sich in den Schritt und machte obszöne Gesten in ihre Richtung. Die Menge keuchte entsetzt auf.
»Buuuh!«
»Ich verbrenne eure Häuser! Und ihr könnt nichts dagegen machen, ihr elendes Gewürm!« Das Biest legte den Kopf in den Nacken und lachte ohrenbetäubend. Ein Regen von Kürbisresten ging auf es nieder, doch es wieherte nur noch lauter. »Brennen sollt ihr! Alle! Ihr Schwächlinge könnt nicht gegen mich gewinnen!«
»Können wir wohl!«, rief ein kleines Mädchen, das auf den Schultern ihres Vaters auf und ab hüpfte. »Wir haben Gunnar Krafft, du Lavafotze!«
Zustimmendes Gebrüll. Normans Trommelfell platzte fast, aber er grinste wie ein Wahnsinniger. Das war das Beste! Das absolut Beste! All seine Sinne waren auf die Bühne gerichtet. Na, und auf Heimfried in seinen Armen. Doch dem schien es gut zu gehen. Er brüllte sogar mit, so laut, dass sein Bauch knallhart wurde.
»Gunnar!«, rief die Menschenmenge. »Gunnar! Gunnar! Gunnar!«
Obwohl das garantiert unmöglich war, schwoll die Lautstärke noch einmal an. Lärm erfüllte die Atmosphäre. Wie Magie, nur tausendmal dichter. Die Härchen auf Normans Körper stellten sich auf, während er mit allem grölte, was die Lungen hergaben und dann …
Dann erschien Gunnar Krafft. Und das wütende Gebrüll wurde zu einem schrillen Jubel.
»Gunnar!«, brüllten alle, absolut alle.
Natürlich war es nicht Gunnar, sondern ein Schauspieler, der als Gunnar verkleidet war. Sie hatten tatsächlich einen gefunden, der fast so gut aussah wie der echte. Helle, weibliche Seufzer hallten über den Platz. Und ein paar männliche.
Der Gunnar-Schauspieler marschierte auf die Mitte der Bühnen und stemmte die Hände in die Hüften. Er trug keine Augenklappe, so dass man zwei stahlblaue Heldenaugen bewundern konnte. Sein Anzug war der Uniform der Motoren nachempfunden und der Umhang war noch viel länger als Gunnars richtiger. Sie warfen die Windmaschine an und das Teil flatterte heldenhaft hinter ihm her.
Das Lavamonster schreckte zurück. Es zischte böse.
»Mach dich vom Acker, Feuerfresse!«, donnerte der falsche Gunnar. Lauter Jubel aus der Menge. Das Monster wich noch einen Schritt rückwärts. Es zog die Schultern hoch und zitterte so stark, dass all die Bänder schlotterten.
»G-Gunnar Krafft«, stotterte es. »Oh nein!«
»Oh doch! HahahAA!« Gunnar lachte heldenhaft. Einen Moment lang glaubte Norman fast, dass es der echte Gunnar wäre. »Und ich mach dich platt, wenn du nicht gleich abhaust! Mich kannst du nicht besiegen!«
»Hm, nein, wohl nicht.« Das Monster ließ die Schultern hängen. Die Windmaschine hörte auf und all die Bänder hingen traurig hinunter. Ein Zittern ging hindurch. Hämisches Kichern erklang und das Monster legte den Kopf schief. »Aber meine Brüder können dich erledigen.«
Zwei weitere Monster stürmten mit Salti auf die Bühne. Genau hinter Gunnar.
»Pass auf, Gunnar!«, dröhnte es aus dem Publikum. Gunnar fuhr herum, gerade rechtzeitig, um der Pranke eines der Biester auszuweichen. Die waren mit messerscharfen Klingen bewehrt.
Ein wilder Kampf entbrannte. Ein Kampf, der ein halbes Ballett war. Gunnar tänzelte zwischen den Viechern durch, sprang über ihre Klauen und duckte sich, immer in letzter Sekunde. Das Grölen der Menge untermalte jede Bewegung. Schließlich holte er aus und donnerte einem der Monster die Faust auf die Nase. Na ja, er tat so. In Wahrheit stoppte er kurz davor, und der Schauspieler, der das Monster gab, machte einen Salto rückwärts. Der Kerl schrie auf und blieb liegen.
Gunnar erwischte das zweite Biest mit dem Fuß. Auch es prallte auf die Dielen, dass das Bühnenbild wackelte. Das dritte kreischte auf und verharrte. Gunnar wirbelte zu ihm herum und sah es siegessicher an.
»Aha!«, polterte er. »Nun bist du dran, Unhold!«
»Oh nein!«, wimmerte das Lavamonster, zog die Schultern hoch und presste beide Hände auf den Bauch. Ein dünner Strahl schoss zwischen den roten Beinen hervor. Die Pfütze, die sich zu den Klauenfüßen bildete, war knallgelb. Vermutlich Kürbislimo aus einem Beutel unter dem Kostüm. Die Menge tobte und johlte.
»Er hat sich eingepisst!«, kreischte das kleine Mädchen.
»Eingepisst! Eingepisst!«, jubelte die Menge.
Norman lachte. Was für ein erstklassiges Theaterstück! Das Monster krümmte sich beschämt, packte die anderen beiden Viecher am Kragen und zerrte sie von der Bühne. Dröhnendes Gelächter kam aus dem Publikum, als es erst in der Limonadenlache auf dem Boden ausrutschte und dann seinen »Bruder« hindurchschleifte.
»Gunnar Krafft!«, erschallte eine Stimme von der falschen Stadtmauer. Eine blonde Frau erschien, deren Katalysatorenuniform so tief ausgeschnitten war, dass man den Dreck in ihrem Bauchnabel erkennen konnte. »Hör auf anzugeben und komm wieder hoch!«
Ein Pfeifkonzert begann, weil sie sich lasziv über die Zinnen lehnte und die Hand ausstreckte.
»Alles, was du sagst, Lina«, rief Gunnar galant. Er nahm die Hand und hüpfte die Mauer hoch, bis er neben ihr stand.
»Oh, Gunnar!«, sagte die blonde Frau und legte die Brüste auf seinem Arm ab. »Warum bist du nur so waghalsig? Das wird dich noch mal den Kopf kosten!«
»Höchstens ein Auge, Kleine!«, sagte Gunnar und lachte laut. »Ich kann halt nicht anders. Sobald ich ein Monster sehe, muss ich es töten. Das bin ich der Stadt schuldig. Alle, die ich liebe, sind hier, hinter diesen Mauern.«
Er machte eine ausschweifende Geste, die all die aufgemalten Häuser und Wolken umfasste.
»Und ich? Ich bin auch hinter diesen Mauern. Bedeutet das, dass du mich liebst?«, zwitscherte Lina. Gunnar wollte etwas sagen, wurde aber jäh von zwei Leuten unterbrochen, die von rechts zu ihnen stießen.
»Na, Gunnar, altes Haus?«, dröhnte ein bärtiger Fettwanst und haute ihm auf die Schulter. Gunnar flog fast über die Zinnen, so kräftig war der Schlag. Hinter ihm tänzelte eine weitere großbrüstige Frau heran. Sie trug die Katalysatorenuniform und hatte ein lilafarbenes Tuch um ihre Wespentaille geknotet. Norman wusste, wen sie darstellte. Auch wenn sie inzwischen ganz anders aussah.
»Berfeid! Eterna!« Gunnar strahlte. »Schön, euch zu sehen, an diesem düsteren Tag!«
»Er ist oh so düster!«, jammerte die falsche Eterna und rang die Hände. »Meine Tränen kennen kein Ende! Schon fünf unserer Brüder und Schwestern haben die Monster heute hingemetzelt. Was soll nur aus uns werden?«
Sie gab einen Klagelaut von sich und Norman verzog das Gesicht. Das war nicht Eterna. Klar war die saumäßig seltsam, aber eine Heulsuse war sie bestimmt nicht. Oder hatte sie sich so stark verändert?
»Weine nicht, Eterna«, sagte Gunnar und schloss feinsinnig die Augen. »Schon bald wird ein Lichtstreif den Horizont erhellen – Au!«
Etwas hatte ihn an der Schläfe getroffen. Ein kleiner Kürbis, der nun über die Holzdielen polterte.
»Was soll das?!«, motzte der falsche Gunnar.
»Magierpack!«, brüllte jemand von ganz hinten. Ach du Scheiße. Mit einem leisen Knurren wandte Norman sich um.
»Magierpack!! Geht arbeiten!«, erklang es erneut. Aus vielen Hälsen. Schon sah Norman etwas Grünes hinter den Köpfen in der Menge aufblitzen.
»Wer ist das?«, flüsterte Heimfried in sein Ohr. »Sind die gefährlich?«
»Ne, die sind Arschlöcher.« Norman hätte am liebsten ausgespuckt, aber dann hätte er einen der Umstehenden getroffen. Zarte Finger krallten sich in seinen Ärmel. Ach, Kacke.
»Heimi.« Er sah ihm fest in die Augen und hob die Stimme, damit der Kleine ihn im aufkommenden Gemurmel und Geschimpfe hören konnte. »Du musst keine Angst haben. Echt nicht. Dir passiert nichts, hast du verstanden?«
»J-ja.« Heimfried schien nur halb überzeugt. Aber er hob das Kinn und machte ein tapferes Gesicht.
»Das sind nur diese Arschgeigen, die keine Magier mögen. Die nerven bei jedem Stück. Und das wird immer schlimmer.« Norman schüttelte den Kopf. »Kein Gedächtnis haben die Wichser. Dabei haben die Magier uns alle gerettet. Öfter, als diese Grünlinge ’ne feuchte Fotze gesehen haben. Viel öfter.«
»Aha.« Heimfried knabberte an der Unterlippe, und obwohl in diesem Moment das Gedränge und Geschubse losging, konnte Norman sich kaum von dem Anblick losreißen.
Die Menge wirbelte und schob, als käme ein Strudel in Gang. Das Stück war vergessen. Eine Hälfte versuchte, nach hinten zu gelangen, wo die blöde grüne Truppe anrückte. Die andere Hälfte wollte der Schlägerei entkommen. Feiglinge.
Normans Fäuste juckten schon. Den Verrätern würde er es zeigen! Er wünschte, Heimfried könnte mehr als einen Feuerball erzeugen, den sie denen um die Ohren schleudern … Ups. Heimfried. Der gehörte nicht in eine Klopperei. Schweren Herzens entschied Norman sich, ihn erstmal aus der Gefahrenzone zu befördern.
»Bleib bei mir, Heimi«, sagte er. »Ich bring dich hier raus.«
»G-gut.«
Klamme Finger verhakten sich mit seinen. Norman schubste Leute aus dem Weg und setzte die Schulter ein, um zum Fuß der Theaterbühne zu gelangen. Heimfried stolperte hinterher.
Als die tobende Schar sie ausspuckte, war Norman schweißgebadet. Heimfried ebenfalls. Doch er wirkte erstaunlich gelassen. Sie fanden einen Platz am Rand der Bühne, von dem aus sie das neue Schauspiel betrachten konnten.
»Geht’s dir gut, Heimi?«
Heimfried nickte. Er sah zurück ins Publikum. Das bewegte sich nun geschlossen nach hinten. Hinten, wo die grüne Truppe stand. Jede Menge Schlägertypen, aber auch kräftige Frauen und breitschultrige Knaben.
»Wer sind die?«, fragte Heimfried.
»Habt ihr noch nichts von ihnen gehört?«, fragte Norman erstaunt. »Das ist die Anti-Arkane Front. Ein paar Spinner, die meinen, wir hätten zu viele Rechte.«
»Was?« Heimfried sah verblüfft auf den Punkt, an dem das Publikum auf die AAF prallte. »Warum? Wir beschützen doch die Stadt.«
»Magier geht arbeiten!«, brüllte ein Kerl hinten und donnerte die Faust gegen die Schläfe eines Mannes in Lederschürze. »Faules Pack!«
»Faules Pack?« Heimfried sah ihn fragend an.
»Na, sie meinen, wir würden zu viel Geld vom Staat bekommen. Dafür, dass wir zweimal im Jahr die Stadt schützen. Sie finden, in der restlichen Zeit sollten wir keine Kohle kriegen oder so.« Norman grunzte verächtlich. »Die Pfeifen möchte ich mal auf der Stadtmauer sehen. Die würden sich sofort einscheißen und wegrennen.«
»Also sie möchten …« Heimfried versuchte offenbar, in all dem Chaos einen Gedanken zu fassen. »Sie denken, wir sollten der Allgemeinheit dienen, wenn gerade keine Monstersaison ist? Das klingt … nicht unangemessen.«
»Scheiße klingt das!«, fuhr Norman ihn an. Heimfried stolperte rückwärts. »Wir retten die verdammte Stadt, jedes Jahr! Zweimal! Die sollen nicht rumheulen! Und den Rest vom Jahr trainieren wir! Da haben wir keine Zeit für … He.« Er räusperte sich. »He, ist schon gut. Keine Angst, Heimi.«
Heimfried schüttelte den Kopf. »Mir geht es gut. Danke. Was ist mit dir?«
»Mir mir?« Norman sah an sich herunter, konnte aber keine Verletzungen finden. »Alles gut, wieso?«
»Du möchtest doch dort hinein, oder?« Heimfried deutete auf das Geschubse, das inzwischen zu einer ausgewachsenen Prügelei geworden war. »Du willst mitmachen, nicht wahr? Geh ruhig. Ich komme alleine zurecht.«
»Bist du sicher?« Norman sah ihn fragend an. Heimfried nickte. Und etwas in seiner Haltung überzeugte Norman.
»Bin gleich wieder da, Heimi.« Er grinste, winkte, und warf sich mit einem Aufschrei ins Gedränge.
»Viel Erfolg!«, rief Heimfried hinter ihm. Süß.

21.  Trinkgefährten

Als Norman mit zwei Beulen und einer blutenden Nase aus dem Getümmel kam, fühlte er sich so entspannt, als wäre er stundenlang massiert worden. Es ging echt nichts über eine gesunde Prügelei.
Das Geschrei und Getose war ruhiger geworden. Mindestens die Hälfte der Leute hatte schon aufgegeben. Normalerweise wäre Norman bis zum bitteren Ende dabei gewesen. Aber er wollte den Kleinen nicht allzu lange allein lassen.
Heimfried war gar nicht allein. Ein mopsnasiger Kerl mit Lockenschwanzkopf und einem vergoldeten Samtjackett stand bei ihm am Rand der Bühne. Sie unterhielten sich angeregt. Heimfried nickte, lächelte und schien sich prächtig zu amüsieren. Hinter dem Lockenschwanzjungen hatte sich ein breiter Typ mit kurzgeschorenen braunen Haaren postiert. Argwöhnisch beobachtete er die Menge. Er warf Norman einen misstrauischen Blick zu, als der näherkam. Hä? Egal.
»Hast du einen Freund gefunden, Heimi?«, fragte Norman und steckte die Hände in die Hosentaschen.
»Norman.« Heimfried strahlte. »Wie war der Schlagabtausch?«
»Supergut. Wer bist du?«, fragte er den adligen Kerl. Der musste ungefähr so alt wie sie beide sein. Der Mopskopf schaute an Norman auf und ab. So angeekelt, als hätte er ihm auf den Fuß gekackt.
»Von Mømpelgard, ist das dein Diener?« Er wandte sich zu Heimfried um. »Recht anmaßend. Du solltest ihn besser erziehen.«
»Aber nein.« Heimfried schüttelte den Kopf. Treuherzig sah er den Hohlkopf an. »Norman ist mein Freund. Er ist so freundlich, mir heute die Stadt zu zeigen. Norman, darf ich vorstellen? Das ist Grobert von der Skarsolme.«
»Tach.« Norman nickte unfreundlich. Grobert rümpfte die Nase. Heimfried schien davon nichts mitzubekommen.
»Es war eine große Überraschung, Grobert hier zu treffen. Seine Familie besitzt das Gut neben unserem, weißt du? Er ist in die Stadt gekommen, um einen Teil der Kürbisernte zu verkaufen.«
»Von Mømpelgard, das klingt, als würde ich selbst hinter dem Stand stehen und herumschreien.« Grobert lachte hell. »Kürbisse! Frische Kürbisse! Reif und lecker!«, äffte er die Händler nach. »Das erledigen selbstverständlich die Bediensteten. Ich bin zum Vergnügen hier. Auch wenn es wenig vergnüglich ist, mit dem Pack hier in Berührung zu kommen. Glücklicherweise hält mir Sverre den schlimmsten Pöbel vom Leib.«
Er nickte dem Braunhaarigen zu. Hätte Norman es nicht besser gewusst, hätte er gedacht, dass Heimfried verärgert schaute. Aber das war vollkommen unmöglich.
»Das ist vortrefflich, Grobert.« Heimfried lächelte und es wirkte leicht gezwungen. »Welch angenehme Überraschung, an diesem Ort jemanden aus dem Nördlichen Flussreich anzutreffen.«
»Die echte Überraschung ist, dass ihr es bis hierher geschafft habt.« Norman musterte die beiden verächtlich. »Im Nördlichen Flussreich gibt es nur Schwächlinge, das weiß doch jeder.«
Die beiden schauten schockiert. Heimfried zuckte nicht mit der Wimper.
»Ich habe mich wohl verhört«, begann Grobert, aber der Dunkelhaarige unterbrach ihn.
»In der Stadt gibt’s nur Schwächlinge«, knurrte er. »Ihr versteckt euch doch die ganze Zeit hinter euren Mauern und heult.« Er klopfte sich auf die Brust. »Wir brauchen keine Mauern. Wir kommen so mit den Monstern klar.«
Norman schnaubte verächtlich.
»Ihr habt eure hundert Flusszweigchen zum Verstecken. Ihr müsst doch nur ein paar Brücken umklappen und schon seid ihr sicher. Außerdem greifen die Viecher euch fast nie an. Die wissen, wo es die richtigen Leckerbissen gibt. Hier.«
»Meinst du echt, du schmeckst besser als ich?«, grunzte der Braunhaarige. Sverre hieß der, oder?
»Um Längen besser. Darum greifen die Viecher ja auch hier an und nicht bei euch Stinkern.«
»Wen nennst du hier Stinker?« Der Kerl ließ die Knöchel knacken. Norman grinste.
»Hast du was auf den Ohren? Oder seid ihr Nordländer alle so blöd?«
»Nun, den neuesten Forschungen zufolge liegt es daran, dass die Monster sich über ihren Geruchssinn orientieren«, sagte Heimfried schnell. »Große Städte verströmen nun einmal mehr Menschengeruch als verstreute Häuser und Dörfer, aber das ist nicht so wichtig, denn wir müssen nun aufbrechen.« Er wirkte leicht panisch. »Nicht wahr, Norman? Du wolltest doch noch, äh … Kürbisschnaps probieren.«
Norman zögerte. Dann zuckte er mit den Achseln.
»Ja stimmt. Macht’s gut, ihr Schwächlinge.«
»Selber, Mettgesicht«, höhnte Sverre.
Sein Meister schaute schockiert. Immer noch. Heimfried verabschiedete sich in aller Höflichkeit bei ihm und eilte Norman hinterher. Die Schlägerei war wohl vorbei und der Jahrmarkt nahm den üblichen Betrieb wieder auf. Stumm gingen sie nebeneinander her.
»Tut mir leid«, sagte Norman schließlich. Er musste blinzeln, weil ihm Grillrauch in die Augen stieg. »Habe ich deinen Kumpel und seinen Knecht beleidigt?«
»Seinen Diener.« Heimfried grinste. Echt, er grinste. Schon wieder. »Um ehrlich zu sein, kann ich Grobert nicht leiden. Ich war ein wenig froh über seinen Gesichtsausdruck, als du ihn als Schwächling bezeichnet hast.«
»Warst du das?« Auch Norman musste grinsen. »Soll ich zurückgehen und ihm noch sagen, dass er aussieht wie ein Schwein, das vor die Wand gelaufen ist?«
Heimfried kicherte. Er steckte die Hände in das Jackett und seufzte.
»So gern ich das mitanhören würde, fürchte ich, dass wir es verschieben müssen. Ich habe ein dringendes Bedürfnis, das keinen Aufschub duldet. Weißt du, wo ich hier einen Abort finde?«
»Hä? Ach so.« Norman rieb sich den Nacken. »Das passt gut, ich muss auch schiffen. Aber wir gehen nicht zu dem Abort hier. Auf keinsten.«
»Warum nicht?«
»Das merkst du, wenn wir daran vorbeikommen. Ne, ich kenne was Besseres.«
»Ist es weit?« Heimfried wirkte leicht beunruhigt.
»Ne, keine Sorge.«
»Und was ist mit dem Abort hier auf dem Fest?«
»Das riechst du dann.«
Sie rochen es schon hundert Meter vorher. Süßlich-beißender Gestank erfüllte die schmalen Gassen zwischen den Ständen. Die Händler hier sahen sehr unglücklich aus. Kein Wunder, selbst Norman verging bei dem Mief der Appetit auf Kürbiskuchen am Spieß.
»Was ist das?«, fragte Heimfried.
Er war etwas blass um die Nase. Er wurde noch blasser, als sie an der Steinrinne vorbeikamen, die als Abort diente. Sie führte direkt in den Kanal und stank so beißend, dass Norman sich die Nase zuhielt, als er daran vorbeieilte. Unrat quoll über ihre Ränder und meterweit zeugten braune Fußspuren davon, dass man hier nie sauber davonkam. Mehrere Menschen erleichterten sich gerade öffentlich. Sehr öffentlich Frauen hoben ihre Röcke, Männer standen mit geöffneten Hosen da und unterhielten sich, während sie pissten. Einer beugte sich plötzlich vor und übergab sich mitten in die Rinne. Der Kerl, der neben ihm hockte und der Welt seinen blanken Arsch präsentierte, beschwerte sich lautstark.
»Sauf halt nicht so viel!«, brüllte er. »Du eklige Sau!«
Aber es war nicht das Bier. Es war der Geruch. Der schnitt in die Naseninnenwände wie winzige Klingen. Schlimmer als ein Schweinestall. Norman konnte gar nicht schnell genug vorbeihasten. Er sah Heimfried stolpern und sich wieder fangen.
»Was ist das?«, fragte der Kleine. Seine Augen waren tellerrund vor Entsetzen. »Das war ja barbarisch. Das … das könnte ich nicht.«
»Das könnte nicht mal ich«, sagte Norman. »Erstmal ist das saueklig und dann kostet es noch zwei Spechte, das Drecksloch zu benutzen. Die nutzen es echt aus, dass man keine Wahl hat.«
»Übel«, stimmte Heimfried zu. Je weiter sie sich entfernten, desto gesünder sah er wieder aus. Auch wenn sein Körper etwas verspannt wirkte. War wohl dringend.
»Ist wirklich nicht weit«, sagte Norman und Heimfried nickte.
»Schade, dass wir den Rest des Stücks verpassen. Ich schätze, sie setzen es fort?«
»Weiß nicht.« Norman hüstelte. »Die Hälfte von den Schauspielern hat bei der Schlägerei mitgemacht. Kommt echt darauf an, wie verhauen die sind. Letztes Jahr hat der falsche Gunnar sich einen Arm gebrochen und konnte nicht weitermachen.«
»Ah. Ärgerlich. Wie geht das Stück eigentlich aus?«
»Na, Gunnar macht sie alle fertig.« Norman sah ihn verwundert an. »Was denkst du denn? Er geht als Einziger nach Worringen, wo die Monster die Stadtmauer überrennen, zerstört die Mistdinger und rettet alle. Und verliert ein Auge dabei.«
»Als Einziger?« Heimfried sah ihn verwundert an. »Er muss doch einen Katalysator dabeigehabt haben.«
»Ach so, na klar. Seine Katalysatorin ist auch dabei. Stimmt.« Norman kratzte sich den Hinterkopf. »Darüber redet irgendwie keiner. Dabei hat die auch … hm. Ich wollte halt so lange ein Motor werden, dass ich gar nicht darüber nachgedacht habe. Ganz schön gemein eigentlich.«
»Das sehe ich ebenso.« Heimfried schaute fast böse. »Mir ist aufgefallen, dass beinahe alle Statuen im Institut Motoren darstellen. Als wären die Katalysatoren bei deren Großtaten nicht dabei gewesen.«
»He.« Norman schnaubte. »Freu dich doch, Heimi. Vielleicht gibt’s ja bald ’ne Statue von dir.«
»Sicher.« Heimfried hob eine Augenbraue. »Meinst du, die stellt dar, wie ich bei der Zeremonie in Ohnmacht falle oder wie ich den kleinsten Feuerball der Welt erzeuge?«
Norman lachte laut und haute Heimfried auf die Schulter.
»Heimi, du bist echt witzig, wenn du willst.«
»Danke.« Heimfried lächelte.
»Ne, echt.« Norman sah ihn an. Sie verließen soeben den Marktplatz und bogen in ein spinnwebartig gefächertes Netz düsterer Gassen ein. Die verschluckten sie, wie sie auch das Licht verschlangen. Es wurde kälter. »Du schaust auch gar nicht mehr, als würdest du dir gleich vor Angst in die Hose machen.«
»Ich mache mir gleich in die Hose, weil ich drei Kürbisbiere getrunken habe«, murmelte Heimfried. »Das war mindestens eins zu viel. Mein Kopf ist schon ganz leicht.«
»Dafür ist Bier doch da«, sagte Norman.
Sie bogen um die Ecke und standen vor einer halb verrotteten Bretterwand. Er packte sie und hob sie an. »Hier entlang.«
Heimfried zögerte nicht einmal, bevor er hindurchschlüpfte. Norman folgte ihm und ließ die Bretter wieder herunterklappen. Nun befanden sie sich in einer schmalen Sackgasse zwischen zwei Häuserblöcken, die wie eine fensterlose Schlucht über ihnen aufragte.
»Hier riecht’s auch nicht ganz frisch, aber besser als da hinten«, sagte Norman.
»Das ist eine grobe Untertreibung«, erwiderte Heimfried. Er eilte ans Ende der Sackgasse und öffnete schon im Laufen die Verschnürung der Hose. »Norman, würdest du … würdest du dich umdrehen?«
Norman wurde bewusst, dass er darauf gelauert hatte, dass ein Stück nackte Haut zwischen Jackett und Hose aufblitzen würde. Blitzschnell wandte er sich ab. Er spürte die Hitze an seinem Hals hochkriechen. Hatte Heimfried etwas gemerkt? Obwohl es ihn wohl nicht gestört hätte, oder? Sie waren doch … irgendetwas. Keine Ahnung. Vor diesem Grobert hatte Heimfried gesagt, dass sie Freunde wären. He. Irgendwie gefiel ihm das. Es brachte etwas in seiner Brust zum Hüpfen.
»D-du magst Gunnar Krafft, oder?«, fragte Heimfried, bestimmt, um das leise Plätschern zu übertönen.
»Ja, klar. Er ist halt der Größte«, sagte Norman und hielt den Blick starr auf die Rückseite der ranzigen Bretter gerichtet. »Der Allergrößte. Er hat uns alle gerettet und … Hm.« Er wartete auf etwas. Auf ein Gefühl, das sich nicht einstellte. Vielleicht war der Druck auf der Blase gerade stärker. »Ich hab doch gesagt, dass ich ihn gesehen habe. Damals. Vor zehn Jahren. Eigentlich durfte ich nicht, weil die Monsterattacken so übel waren. Normalerweise hat man sich da eingeschlossen, aber Brenna und ich waren zu stur. Früher schon. Wir sind abgehauen und haben uns rausgeschlichen. War im Grunde total blöd, aber … Sonst hätte ich ihn nicht gesehen. Hab genau um die Ecke geguckt, als das Monster über die Mauer gekommen ist. Ein paar Nachbarn waren auch da. Die konnten es nicht glauben. Es gab einen Alarm da oben und dann … dann war das Vieh auf einmal da. Ich hab gekreischt wie ein Schwächling. Hatte noch ’ne ganze Weile Alpträume, na ja … Gunnar hat es ja besiegt. Er hat seine tausend Klingen abgeschossen und das war’s mit dem Biest. Und mit den anderen beiden, die es versucht haben. Alle vereist. Er ist halt der Größte.«
»Er hat ein Auge dabei verloren.« Heimfried klang bockig.
»Das war Pech. Er ist zu nah an das eine ran und das hat sich nochmal bewegt. Er hat geschrien. Aber nur ganz kurz. Dann hat er weitergekämpft. Bis zum Morgengrauen.«
»Das … klingt sehr mutig«, murmelte Heimfried. Direkt neben Norman. »Ich bin fertig.«
»Na endlich!«
Nachdem er sich auch erleichtert hatte, trat er zu Heimfried. Der sah zu Boden und kaute an seiner Unterlippe herum. Was schaute er jetzt so traurig?
»Was ist, Heimi?«
»Ich werde nie ein zweiter Gunnar Krafft werden.« Er klang so niedergeschlagen.
»Ne, natürlich nicht. Es gibt nur einen Gunnar Krafft.« Norman sah ihn verwundert an. »Aber warum willst du ein zweiter Gunnar werden?«
Heimfried zuckte mit den Achseln und schwieg.
»Heimi.« Ermutigen! Bestärken!, rief Eterna in seinem Kopf. »Du bist doch auch ziemlich gut. Irgendwie. Schau mal, heute Morgen hattest du noch Angst, überhaupt in die Stadt zu gehen. Und jetzt treibst du dich schon mit Schlägertypen wie mir in dunklen Gassen rum.«
Ein kleines Lächeln leuchtete auf. Heimfried sah ihn an und dieser Blick verschlug ihm den Atem.
»Immerhin«, sagte er und klang … ungewöhnlich rau und männlich. »Aber weißt du … Ich bin nur so mutig, weil du bei mir bist.«
Norman starrte ihn an. Diesen Moment nutzte Heimfried, um ihm die Hände in den Nacken zu legen und ihn zu küssen. Normans ganzer Körper wurde stockstarr und kribbelig. Sowas wie Strom flirrte durch ihn, ausgehend von Heimfrieds Lippen. Sowas wie Magie. Nur warm, nein, heiß. Erst nach Ewigkeiten kam er auf die Idee, die Arme um Heimfried zu schlingen und ihn näher zu ziehen. Der Kleine presste die Lippen nur noch fester auf Normans. Ein leises Seufzen ließ die schmale Brust erbeben. Norman spürte es, durch das Jackett und den Mantel hindurch. Er wollte …
»Da sind sie!«
Häwaswie? Norman blinzelte. Ewig langsam ließ er Heimfried los und wandte sich um.
Scheiße.
Da standen der Zylinderkerl und sein Gehilfe. Und drei andere Typen. So viele, dass sie kaum in die enge Gasse passten. Zwischen ihren Händen glänzte kaltes Metall. Gewehre.

Geblogge

Heute ist der Text aus Zeitmangel nicht ganz so gut überarbeitet wie sonst. Sorry! Die Unterhaltung über Normans Mutter kam schon vor, aber sie war mir an der Stelle zu lang. Also habe ich sie hierher verfrachtet.

Wordcount heute: 2.579 Wörter
Wordcount »Magische Deppen« (Arbeitstitel) insgesamt: 41.303 Wörter

Eine Viertelstunde später traten sie auf den Gunnar-Krafft-Platz hinaus. Der Herbst war eindeutig angekommen und kroch unter Norman abgetragenen Mantel und Heimfrieds besticktes Samtjackett. Aber ab und zu kam die Sonne zwischen den bleigrauen Wolken hervor und beleuchtete das Kopfsteinpflaster. Heimfried zögerte, als sie die Gasse auf der anderen Seite erreichten.
»Wir verlassen das Institutsgelände«, sagte er und straffte sich. »Also dann.«
Norman sah ihm verwundert nach, als er mit hoch erhobenem Kopf an ihm vorbeimarschierte.
»So mutig heute, Heimi?«
»Wenn ich schon in d-die gefährlichste Stadt der Welt gehe, darf ich nicht wie ein Opfer aussehen.«
Du siehst immer wie ein Opfer aus, wollte Norman sagen. Aber das hätte Heimi einen Dämpfer verpasst, also tat er es nicht. Außerdem wäre es schlicht gelogen gewesen. Heimi wirkte anders als sonst. So aufrecht in den edlen Klamotten: einem lilafarbenen Samtjackett und einer glänzend braunen Lederhose und kniehohen Stiefeln, die einen Hauch dunkler waren. Die Sonne ließ sich mal wieder blicken und glitzerte auf den goldenen Haaren und dem Brillengestell. Ein richtig feiner Herr. Ja, doch, er war heute männlicher. Zum ersten Mal nahm man ihm ab, dass er achtzehn Jahre alt war.
Norman steckte die Hände in die Taschen seines mehrfach geflickten Mantels und holte auf.
Die Stadt öffnete sich vor ihnen wie eine Blume. Eine dreckige, graue Blume aus Stein und Beton. Sie schlenderten durch düstere Gassen und breite Straßen. Überall eilten Menschen über die Bürgersteige, wurden Kutschen beladen, fluchten Automobilbesitzer, weil ihre Mistkarren rauchend und schnaufend stehengeblieben waren. Man wusste nie, welcher Geruch einen beim nächsten Atemzug erwischen würde: schwerer Bratenduft oder frischer Pferdeapfel.
Selbst das Pflaster wechselte stetig. Unebene Wackersteine, dann wieder die polierten Fliesen der großen Plätze. Mehrfach schritten sie über den getrockneten Schlamm der Gassen, der nach ausgepisstem Bier stank.
Die Gebäude überragten sie wie erstarrte Titanen. Inzwischen waren die meisten mindestens zehn Stockwerke hoch. Die letzten kleinen Häuser quetschten sich zwischen diese Giganten wie verkrüppelte Kinder.
»Pass auf deinen Kopf auf, Heimi«, sagte Norman, als sie durch eine besonders stinkige Gasse gingen. »Die leeren ihre Pisspötte hier immer noch aus dem Fenster.«
Heimfrieds Blick flitzte panisch nach oben. Über die Ziegelmauern, die man unter der dichten Staub-Patina kaum erkannte.
»I-ich dachte, Spülklosetts wären hier längst die Norm.«
»Jou, schon, aber es gibt nur eins pro Etage.« Norman trat einen Rattenkadaver aus dem Weg. »Nachts sind die meisten zu faul zum Treppen laufen. Vor allem, wenn’s so kalt ist. Und in den Gassen kommt keiner vorbei, der sie deshalb anzeigen könnte.«
»Aha.« Heimfried sah den Rest der Strecke über immer wieder beunruhigt nach oben. Das Kürbisfest war eine Viertelstunde entfernt. Es würde auf dem Pimpernellenplatz stattfinden, nicht allzu weit von Normans altem Viertel. Worringen.
»Norman?«
»Ja?«
»Heute Abend, also später … äh. Du hast gesagt, du kennst mehrere Orte, wo … Gibt es im Haus deiner Mutter auch Männer? Gehen wir dort hin?«
»Nein und nein.« Norman starrte zu Boden und beschleunigte seinen Schritt.
»Warum nicht?« Heimfried hatte sichtlich Mühe, nicht ins Laufen zu verfallen. Norman wurde wieder langsamer.
»Ich hab sie nicht mehr gesehen, seit sie mich rausgeschmissen hat.«
»Wie?« Heimfried stolperte, fing sich aber wieder. »Warum? Was hast du getan?«
»Gar nichts.« Norman sah ihn verwundert an. Was hatte der Kerl? »Die Vorbereitungskurse haben halt angefangen.«
»Und da hat sie dich aus dem Haus geworfen?«
»Die Kurse waren doch eh im Internat. Da konnte ich pennen.«
»Aber …«
»Heimi, bei uns läuft das anders. Mutti hatte mir alles beigebracht, bis auf das Eine.«
»Das Eine?«
»Na, alleine klarzukommen. Das lernt man nicht, wenn man die ganze Zeit an Mamas Schürze hängt. Das ist wie bei Tauben. Die werfen ihre Kleinen auch aus dem Nest.«
»Ja, aber …« Der Kleine starrte ihn an. »Äh. Und du bist ihr gar nicht böse?«
»Ne.« Ein unwillkommenes Gefühl breitete sich in Normans Brust aus. Etwas Schweres, Trübseliges. Er ignorierte es. »Ne, das muss halt so. Ich bin froh, dass ich sie hatte. Sie hat mir gezeigt, wie man boxt und … wie man sich durchsetzt und dass man immer an sich glauben muss.«
»Wie man boxt? Mit den Fäusten?«
»Womit denn sonst? Mit der Nase wär ’ne schlechte Taktik.« Norman dachte an seine Mutter: Breitschultrig, stets ein Lächeln auf den Lippen und nie um einen klugen Spruch verlegen. »Mutti war Boxerin, als ich klein war. Ich hab ihre Kämpfe schon gesehen, als ich noch ein Stöpsel war.« Er lächelte bei dem Gedanken an die lärmerfüllte Boxhalle. »Sie hat fast immer gewonnen. Die Feuerwalze haben sie sie genannt. Sie hat rote Haare und, na ja, wenn sie will, walzt sie alles nieder. Nach den Kämpfen sind wir essen gegangen, bei Johann an der Ecke. Kuttelsuppe mit Brot. Ihr Brot hat sie mir dazugegeben, damit ich groß und stark werde.«
»Das hat wohl funktioniert«, sagte Heimfried fröhlich.
»Ich wär gern größer«, murrte Norman. »Aber stark hat sie mich gemacht. Sogar als die Krise war und keiner was zu essen hatte, hat sie mich durchgebracht. Als ich sieben war, hatten wir einen Winter über fast nichts zu futtern. Jeden Tag eine Schnitte Zuckerbrot für jeden, das war alles. Aber wir haben immer geteilt.«
»Zuckerbrot? Ist das etwas Ähnliches wie Zuckerschnecken?«
»Ne, das ist ’ne Scheibe Roggenbrot mit Zucker drüber. Sorgt für Energie.«
»Oh. Das ist nicht viel.«
»Ne, das war mies. Ein paar Tage lang saßen wir echt auf der Straße und da … Mann, ich hab Leute krepieren sehen. Vor Kälte und vor Hunger. Aber Mutti hat mich warmgehalten und, na, ich … ich hab geklaut. Ist leichter, wenn man klein ist. Sie hat nichts gesagt. Aber als er uns besser ging und ich nochmal mit ’ner fremden Brieftasche heimgekommen bin, hat sie mir den Hintern versohlt.«
Heimfried japste.
»Was?«, fragte Norman. »Hat dir nie einer eine gescheuert?«
»Nein. Selbstverständlich nicht.« Der Kleine schaute entsetzt. »Das heißt … Einmal wollte Lou mir eine Ohrfeige geben, aber meiner Mutter hat sie aufgehalten.«
»Was hast du gemacht?«
»Ich war zu wild und habe eine Vase umgestoßen.«
»Du warst zu wild?« Norman sah ihn ungläubig an.
»Viel zu wild. Einmal habe ich sogar eine Wand vollgekritzelt. Mit Kohle.«
Norman schnaubte.
»Und? Gab’s Ärger?«
»Meine Mutter ist ohnmächtig geworden«, sagte Heimfried kleinlaut. »Ich … habe das selbstverständlich nie wieder gemacht. Sie meinte, ich hätte sie fast ins Grab gebracht. Und ich wollte nicht, dass sie stirbt.«
»Ach so.«
»Norman?«
»Ja?«
»Hast du einen Vater?«
»Na klar, hat doch jeder.«
»Ja, aber meiner ist gestorben. Und deiner?«
»Äh. Der ist auch tot. Seit drei Jahren. Aber der war eh … na ja.«
»Ja?«
»Habt ihr im Nördlichen Flussland von Sven dem Blonden gehört?«
Heimfried stolperte wieder. Seine entgeisterte Miene war Antwort genug. Norman nickte.
»Jupp. Der war’s.«
»Der … der Kopf des organisierten Verbrechens?« Lauchis Augen waren kugelrund. »Der Pate von Løbago? Der Waisenschlächter und Gurgelschlitzer? Der Marionettenspieler mit den hundert Armen?«
»Du kennst dich ja aus.« Norman lachte. »Durftest du etwa Zeitung lesen?«
»Ja, selbstverständlich. Das bildet schließlich. Und meine Mutter wollte, dass ich die Gefahren der Stadt kenne.«
»Eine Gefahr war der Alte bestimmt. Aber vor drei Jahren hat er ja gebaumelt.«
»Oh, richtig. Sie haben ihn aufgehängt.« Der Kleine überlegte. »Äh. Darf ich dich noch etwas fragen, Norman?«
»Klar.«
»Warst du dabei? Als er gehängt wurde?«
»Jupp. War packevoll an dem Tag. Das wollte echt jeder sehen. Ich bin kaum bis in die erste Reihe gekommen und ich kann fast jeden aus dem Weg schubsen.«
»Oh. Und … war es sehr schlimm für dich?«
»Es geht.« Wann hatte sich das letzte Mal jemand nach Normans Gefühlen erkundigt? Seltsamer Kerl. »Er war nie wie ein Vater oder so. Er hat meine Mutter geschwängert und ist weitergezogen. Ich glaub, er hat mindestens hundert Bastarde und gekümmert hat er sich um keinen. Mutti war eh nicht sicher, ob ich von ihm bin, bis sie meine Fresse gesehen hat.« Er lachte leise. »Sven hatte auch so einen Quadratschädel. Weißt du, ab und zu hat es was gebracht, sein Sohn zu sein. Auch, wenn er nie da war. Wenn man mal mit Leuten zu tun hatte, die sich noch nicht gut ausgekannt haben. Dann hat Tore immer behauptet, ich wäre Svens Lieblingssohn und dass sie mir mal besser ein Bier ausgeben sollen.«
»Ah. Immerhin.«
»Jupp. He, schau mal, wir sind fast da.«
Immer mehr Leute strömten über die breite Straße, auf der sie nun gingen. So viel, dass die Menschenmassen über die Bürgersteige quollen und den Kutschern im Weg waren, die sich lautstark beschwerten. Noch ein paar Schritte und Norman konnte bereits Zuckerwatte und Kürbisschnitzel riechen. Lecker.
»Ist es da vorne?«, fragte Heimfried. Sein Gesicht war nicht länger ängstlich, sondern aufgeregt. Jetzt, wo er ins kalte Wasser gesprungen war, schien er es zu genießen. Norman verspürte einen seltenen Anflug von Stolz.
»Ja, der Platz ist gleich hinter den Häusern. Der größte von Løbago, Heimi. Dir werden die Augen überquellen.«
»Du meinst übergehen?«
»Das auch.« 19.  Kürbisfest

Köstliche Düfte schlängelten sich durch das dichte Stimmengewirr. Mampfende, lachende, motzende Menschen waren überall. Häufig musste Norman einen Arm um Heimfried legen und ihn aus dem Weg bugsieren, weil er vor Staunen nicht aufpasste, wer ihm entgegenkam. Die blassblauen Augen waren ungefähr doppelt so groß wie sonst. So niedlich. Immer, wenn Norman ihn ansah, spürte er ein wildes Ziehen hinter den Rippen. Verdammt seltsam.
»Sind die echt?«, fragte Heimfried und deutete auf einen Stand mit Trockentieren. »Existieren solche Kreaturen tatsächlich? Das ist ja außerordentlich!«
Norman ließ den Blick über die verschrumpelten Viecher auf geschnitzten Holzsockeln wandern. Er schnaubte leise. Eine behaarte Meerjungfrau war das zentrale Stück, fast so groß wie eine seiner Pranken.
»Ne, die sind alle falsch. Ich kenn den Alten, der sie verscherbelt. Der hat mal in der Nähe gewohnt. Siehst du die Fischfrau?«
Heimfried nickte. Jemand rempelte ihn an, aber er schien es kaum zu bemerken. Verdammt.
»Heimi, hast du deine Brieftasche noch?«
»Was?«
»Dich hat grad einer angerempelt. Hat er die geklaut?«
Heimi befühlte seine Brust.
»Noch alles da. Mutter hat mir geraten, mein Geld stets nah am Körper zu tragen. Meine Brieftasche steckt in der Brusttasche und die befindet sich in der Weste.« Er fasste in die Jacketttasche. »Oh. Das war tatsächlich ein Taschendieb. Aber er hat nur die Täuschungs-Brieftasche erwischt.«
»Die was?«
»Die leere Brieftasche. Mutter riet mir, stets eine dabei zu haben, die ich Schlägern und Halunken aushändigen kann, falls ich überfallen werde.«
»Du hast eine falsche Brieftasche?«
»Zwei.« Heimfried lächelte. »Die andere trage ich auf der rechten Seite … Ja, die ist noch da.«
»Ach … so.« Norman neigte den Kopf. Einerseits war das keine üble Idee. Andererseits sollte man sich verdammt nochmal verteidigen, wenn man überfallen wurde. Und den Kerlen keine leeren Brieftaschen schenken. Aber anderer-andererseits … würden die mit Heimfried den Boden aufwischen, also machte er es wohl genau richtig.
»Norman, du sprachst gerade von der interessanten Meerjungfrau. Was ist mit ihr?«
»Ach, die. Das ist keine Meerjungfrau. Das ist ein Fischschwanz, auf den der Alte einen Rattenkörper genäht hat. Das Gesicht ist ein Affe.«
»Oh.« Heimfrieds Schultern sanken. »Es ist eine Fälschung?«
»Ne, das ist ein echter Rattenkörper und ein echter Fischschwanz. Nur keine Meerjungfrau.«
Heimfried verschränkte die Arme.
»Taschendiebe und Betrüger. Diese Stadt ist exakt so, wie Mutter gesagt hat.«
»Ab und zu.« Norman zuckte mit den Achseln. »Aber solange du weißt, wie die Gauner arbeiten, passiert dir nichts. Du kommst ja ganz gut mit den Taschendieben klar. Ich zeig dir die anderen Tricks, wenn du willst.«
»Ja, gern. Gut.« Heimfried schaute immer noch zweifelnd.
Doch in der nächsten halben Stunde taute er auf. Nicht nur wegen des Kürbisbieres. Das holten sie sich an einem Stand, der ein orangefarbenes Dach hatte und mit Kürbisranken verziert war. Nein, Heimfried wurde gelassener, weil Norman da war. Er merkte ganz deutlich, wie seine Anwesenheit den Kleinen beruhigte. Es machte ihn irgendwie stolz.
Er erklärte, welche Tricks die Betrüger anwandten. Dass die Perle in Wahrheit immer im Ärmel des Hütchenspielers steckte. Dass die unteren Dosen im Stapel mit Steinen gefüllt waren, so dass man sie nicht umwerfen konnte. Die Ringe, durch die man Holzbälle warf, waren viel zu klein.
Heimfried sog all die Informationen auf wie ein trockenes Handtuch. Staunend stand er neben Norman beim »Hau den Lutz«, während eine ganze Reihe Männer versuchte, mit dem Hammer so kräftig auf ein Brett zu hauen, dass der Anzeiger bis ganz nach oben ging.
Hau den Lutz war immer gut. Alle lachten, wenn es nur zum »Schnullersäugling« oder zum »Hungrigen Hering« reichte. Sie jubelten, wenn einer ein »Kraftklotz« oder ein »Bullenbär« wurde. Ganz bis nach oben schaffte es niemand. Da stand »Stärkster Mann der Welt« und man gewann 50 Spechte, wenn man es hinkriegte.
»Wer will noch mal? Wer hat noch nicht?«, dröhnte der Mann mit dem juwelenbesetzten Zylinder und sah sich in der Menge um. »Nur fünf Spechte! Wenn ihr kräftig genug seid, könnt ihr fünfzig daraus machen!« Er deutete ausgerechnet auf Heimfried. »Was ist mit dir, Kleiner? Beweis uns, dass du ein echter Kerl bist!«
Im ersten Moment schrak Heimfried zusammen. Dann schüttelte er den Kopf.
»Ich würde es nicht mal bis zum Schnullersäugling schaffen«, sagte er ernsthaft und alle wieherten los.
»Lass mich mal, Heimi.« Norman trat vor.
»Aha! Ein Freiwilliger! Du siehst vielversprechend aus! Küren wir nun endlich den stärksten Mann der Welt?« Der Zylinderkerl grinste in die Menge. Alle starrten Norman an. Gut.
Er zahlte fünf Spechte und ließ die Schultern kreisen. Der Assistent des Zylinderkerls trat vor. Er drückte ihm den Hammer in die Hand. Das Ding war gigantisch und schwer und der Stiel so lang wie er selbst. Norman grinste. Als er sich vor dem Lutz aufbaute, merkte er, dass Heimfried ihm zusah. Norman zwinkerte ihm zu. Die Wangen des Kleinen färbten sich rosa. Hm. Irgendwie fühlte er sich komisch. Ein bisschen flatterig und so, als dürfte er jetzt auf gar keinen Fall versagen. Gut. Er holte so tief Luft, dass die Lungen beinahe platzten. Dann hob er den Hammer hoch über den Kopf, spannte alle Muskeln an und ließ ihn auf die Platte heruntersausen.
Krach! Pling!
Lauter Jubel ertönte in seinem Rücken.
»Bullenbär!«, verkündete der Zylinderkerl. Norman fühlte sich fast wie bei der Zeremonie, als der Direktor »Katalysator!« gerufen hatte.
Ich bin kein Bullenbär. Ich bin der stärkste Mann der Welt, wollte er sagen. Aber er hatte keine Lust, wieder ausgelacht zu werden. Also reichte er dem Assistenten den Hammer zurück.
»Hast gedacht, du bist besser, was?« Dem Kerl fehlten mindestens fünf Zähne. Und eine Zahnbürste. »Das denken sie alle.«
»Ich bin gut«, brummte Norman.
»Aber nicht gut genug.«
Norman überlegte, ihm eine reinzuhauen. Doch er wandte sich ab und zwängte sich durch die Menge. Er verließ sich darauf, dass Heimfried ihm folgen würde. Tat er auch.
»Norman!« Eine kleine Hand an seinem Ärmel versuchte, ihn zurückzuhalten. »Ich … also …«
Norman sah ihn an.
»Was?«, fragte er. »Willst du mich trösten, weil ich ein Schwächling bin?«
»Nein, ich … also … Ich muss dir etwas sagen.«
Norman blieb stehen. Sofort lief jemand gegen ihn, nörgelte, warf einen Blick auf sein Gesicht und flüchtete. Die Menge teilte sich wie ein Strom um sie herum.
»Was ist, Heimi?«
»Die beiden am Lutz sind auch Betrüger.« Heimfried wirkte richtig empört. »Weil du mir all diese Dinge erklärt hast, habe ich darauf geachtet und … als du den Hammer gehoben hast, stand der Assistent direkt hinter dem Lutz, und … Ich glaube, er hat mit dem Fuß einen Hebel umgelegt.«
Norman erstarrte.
»Was?! Das … Heimi, wenn das stimmt, hau ich dem seinen Hammer in die Fresse.«
»Nein!« Heimfried wurde blass. »Das kannst du nicht …«
»Und dir geb ich ein Bier aus. Komm mit!«
Er walzte durch die Menge. Schon stand er vor dem Lutz. Gerade hob ein Kerl, der zu neunzig Prozent aus Stiernacken bestand, den Hammer. Wie ein Fallbeil sauste er nieder.
Krach! Pling!
Lauter Jubel erklang.
»Kraftkarl … Nein, sogar ein Bullenbär«, rief der Zylinderkerl und lachte, dass sein Hut zitterte. »Nicht übel! Aber der stärkste Mann der Welt bist selbst du nicht.«
Der Stiernacken lief rot an und trollte sich. Norman trat vor. Das Lächeln rutschte dem Zylindertypen aus dem Gesicht, als er die geballten Fäuste und die zornige Miene sah.
»Du schon wieder!« In Sekundenschnelle strahlte der Kerl erneut. »Mein Freund, leider darf jeder nur einmal den Lutz hauen!«
»Was macht dein Kumpel da mit seinem Fuß?!«, bellte Norman und der Kerl wurde blass. Leises Gemurmel aus der Menge. Der Assistent zog schnell und viel zu auffällig den Fuß zurück. Anscheinend hatte er den Hebel gerade wieder zurechtgerückt. Gut. Norman packte den Zylinderidioten am Kragen.
»Ich hau den hässlichen Lutz jetzt nochmal, kapiert? Und dein Gehilfe bleibt weg vom Gerät oder ich zieh ihm eins mit dem Hammer über.«
»Also …« Die dunklen Augenbrauen des Zylinderkerls zogen sich zusammen. »Schlechter Verlierer, was? Versuch es halt nochmal, mein Freund. Das Ergebnis wird dasselbe sein, das garantiere ich dir.«
»Danke.« Norman marschierte zu dem Assistenten und entriss ihm den Hammer.
»Lass deine Füße wo sie sind«, knurrte er ihm zu.
Die Schweinsäuglein des Assistenten verengten sich. Er war stark. Die Arme waren so dick wie Schweinehälften und die Adern darauf wie Seile. Doch er rührte ich nicht.
Alle beobachteten ihn. Misstrauen schwappte aus der Menge herüber und das Gemurmel wurde immer lauter. Norman sah, wie ein Schweißtropfen über die Schläfe des Zylindertyps lief.
Er stellte sich auf, holte aus, donnerte den Hammer mit aller Macht auf die Platte …
Krach! Pling!
… und war der stärkste Mann der Welt. Der stärkste Mann der Welt! Norman riss die Fäuste in die Luft und jubelte. Er hörte Klatschen und bewunderndes Pfeifen. Aber das Gemurmel wurde immer lauter.
»… eben hat er das noch nicht …«
»….WAS macht der Mann mit seinem Fuß?«
»… Nachschauen …«
»… Betrug …«
Den Hammer fest in den Händen haltend, baute Norman sich vor dem Zylinderkerl auf.
»Kohle her.« Er hielt die Pranke auf. Der Zylindertyp schaute ihn hasserfüllt an.
»Mein Freund«, brachte er hervor. »Wollen wir den Einsatz verdoppeln? Du kämpfst gegen Lars, meinen Assistenten …«
»Nö.« Norman stieß ihm mit der offenen Hand vor die Brust. »Wer einmal schummelt, schummelt immer. Und in ’nem fairen Kampf würde ich deinen Lars umnieten. Geld her.«
Er bekam seine 50 Spechte. Scheiße, das war ein Monatslohn. Hammer! Er verließ die Menge, die stetig aufgebrachter murmelte. Es waren genug »Bullenbären« darunter. Wenn der Zylinderkerl Pech hatte, würden sie gleich auf ihn losgehen.
Wo war Heimfried? Ah, da. Er stolperte sich aus dem Publikum heraus und richtete die Brille.
»Das war gefährlich!«, jammerte er und sah Norman vorwurfsvoll an. »Diesen Betrügern ist alles zuzutrauen! Was, wenn sie dich angegriffen hätten?«
»Vor den Leuten? Dann hätten die erst recht kapiert, dass hier was nicht stimmt.« Norman steckte das Geld ein. Ein paar Scheine in jede Hosentasche, ein paar in den Mantel.
»Aber …« Mist, Heimfried zitterte am ganzen Leib. »Ich hatte Angst um dich.«
»Oh.« Norman starrte ihn an. Wann hatte das letzte Mal jemand Angst um ihn gehabt? Er war nicht sicher, was er tun sollte. »Äh … schlimme Angst?«
Der Kleine nickte. Die Augen hinter den Brillengläsern schwammen. Verdammt. Norman kratzte sich den Hals.
»Äh … Tut mir leid?«
Plötzlich war Heimfried bei ihm. Er umklammerte Norman, kräftiger, als er es ihm zugetraut hätte. Der Blondschopf bohrte sich in Normans Halsgrube und die Haarspitzen kitzelten über seine Wange. Er hörte ein leises Wimmern. Ach du Scheiße. Ratlos hob er die rechte Hand und tätschelte Heimfrieds Kopf.
»Schon gut«, brummte er. »Ist ja nichts passiert. Ich bin zäh.«
Heimfried nickte gegen seinen Hals. Mist, das war viel zu schön. Er konnte doch nicht einfach hier im Gedränge stehen und Heimfried umarmen, oder? Wie sah das denn aus?
Aber er konnte es. Langsam legte er beide Arme um den Kleinen und spürte den warmen, mageren Leib, der sich gegen ihn presste. Wieder rempelten irgendwelche Idioten an ihnen vorbei. Norman war das egal. Selbst, wenn die ihm einen oder zwei Scheine klauten: unwichtig. Er musste sich um Heimfried kümmern. Na, und irgendwie genoss er es, ihn im Arm zu halten. Er roch den zarten Anisduft, der von ihm ausging und sein Herz flatterte.
»Ist schon wieder gut«, flüsterte der Kleine. »Es tut mir leid, ich … ich war erneut zu schwach.«
»Ach was, Heimi«, log Norman. »Du machst dich. Hey, du warst der Einzige, der die Masche da hinten geblickt hat und das, obwohl du so ein adliger Weichling bist. Sei mal ein bisschen stolz auf dich.«
»Danke.« Heimfried schien genau so wenig loslassen zu wollen wie er selbst. Als sie sich schließlich voneinander lösten, raste Normans Puls. Er schaffte es kaum, dem Kleinen in die Augen zu sehen.
»Heimi, du hast mir gerade 50 Öcken eingebracht«, sagte er. »Ich kauf dir ein Bier.«
»Noch ein Bier? Das wären schon zwei!« Heimfried starrte ihn entgeistert an.
»Du kannst auch eine Kürbislimo haben, wenn du willst.«
Heimfried schien zu überlegen. Endlich straffte er sich.
»Nein«, sagte er. »Ich bin ein Mann und kein kleiner Junge.«
»Genau, Heimi!« Norman haute ihm auf den Rücken. »Alles wieder gut? Können wir weiter?«
»Ja!«

 

Geblogge

Mal wieder ein Tag, an dem ich viel gearbeitet, aber wenig geschrieben habe. Was macht man als halb-erfolgreiche Autorin und Selfpublisherin noch so? Na, zum Beispiel:

-Meine Daten sammeln, bearbeiten und verschicken, weil ich jetzt offiziell zu einem Gay-Romance-Kollektiv gehöre. Whoooh! Dazu bald mehr!
-Erfahren, dass die Hälfte der Links auf meiner Website einen Fehler haben und die alle erneuern
-In diversen Foren und auf Facebook antworten, Mails verschicken, mit Lesern Komplimente austauschen, mit anderen Autoren geheime Projekte planen (wichtig, aber ein übler Zeitfresser, wenn man es nicht beschränkt. Mein neuester Plan ist, das alles morgens zu erledigen und dann das Mailprogramm zu schließen und mich überall auszuloggen. Abends darf ich dann nochmal schauen. -> Update: Hat nicht geklappt. Morgen gibt es einen neuen Versuch.)
-Alle Ideen aufschreiben, die ich für einen geplanten Roman habe (allein das hat fast eine Stunde gedauert)
-Mich darum kümmern, dass die verdammte Newsletter-Anmeldung wieder funzt
-ein Cover für ein Buch entwerfen, das frühestens nächstes Jahr erscheint
-Kaffee trinken
-Kuchen essen
-Diesen Post schreiben und auf meiner Autorenseite teilen

Ich gebe zu: Ein Teil war pure Zeitverschwendung. Wie immer.

Wordcount heute: 1.148 Wörter (immerhin mehr als gestern)
Wordcount »Magische Deppen« (Arbeitstitel) insgesamt: 38.724 Wörter

»Ja, natürlich«, flüsterte er. Dann sah er auf. Seine Augen wurden groß, als er Norman direkt vor sich erblickte. Ein schwaches Lächeln sauste über die geschwungenen Lippen. Es verschwand, während er weiter lauschte und lauschte. Und lauschte. Die Person am anderen Ende schien ohne Punkt und Komma zu reden. Wer zum Hades war das?
»Ja«, murmelte Heimfried in das Mundstück. »Nein, das tue ich selbstverständlich nicht. Ja, sehr gefährlich.« Anschließend schwieg er wieder. Norman nahm ihm das Ohrstück aus der Hand. Zögernd ließ der Kleine es los und sah ihn fragend an.
»Und denk daran, dass du nur abgekochtes Wasser trinkst«, schrillte es aus dem Hörer. Norman zuckte zusammen. Klang wie eine ältere Dame. »Wenn du auch nur einmal jenes aus der Leitung zu dir nimmst, könnte das dein Ende bedeuten. Vorgestern erst habe ich in der Gazette gelesen, dass drei Menschen gestorben sind, weil sie unabgekochtes Wasser getrunken haben und du willst wahrlich nicht wissen, wie sie … Ach, du bist ja ein großer Junge, also erzähle ich es dir: Ihre Fingernägel sind schwarz geworden und ausgefallen. Und dann die Zähne. Plopp, plopp, plopp, wie Kieselchen sind sie ihnen aus dem Mund gepurzelt. Und weißt du, was als Nächstes dran war? Ihr Zumpferl! Erst verschrumpelt, dann verschimmelt und schließlich abgefallen wie ein Tomatenstrunk! Als sie nach Wochen endlich dahingeschieden sind, war das eine Erleichterung, haben ihre Verwandten gesagt! Willst du, dass es dir so geht? Nein, das willst du nicht. Oh, und bitte, BITTE, falls du doch einmal das Institut verlassen solltest: Gehe nicht an Orte mit zu vielen Personen! Die Pümpelgrippe ist im Umlauf und daran sterben noch mehr Menschen als an …«
Je länger Norman der panischen Stimme zuhörte, desto erschöpfter fühlte er sich. Als würde sich eine düstere, bleischwere Decke auf ihn senken. Dabei hatte er keine Ahnung, was ein Zumpferl war. Hoffentlich nicht das, was er vermutete.
»Alter«, flüsterte er. »Wer ist das?«
»Meine Mutter«, murmelte Heimfried. Er hielt das Mundstück zu.
»Ist die immer so? Da wird man ja vom Zuhören schon geknickt.«
»Sie … Ja.« Heimfried lächelte schwach. Sehr schwach. Er sah wieder aus wie am Tag, an dem sie sich kennengelernt hatten. Schreckstarr und lebensunfähig.
Norman nahm ihm auch noch das Mundstück ab.
»Ups, eine Störung«, raunzte er hinein. Er donnerte das Ohrstück auf die Gabel.
Heimfried sprang auf.
»Du hast aufgelegt!«, rief er, als hätte Norman eine Mutter nicht abgewürgt, sondern erdrosselt. Mindestens. »Was … Sie wird sich Sorgen machen!«
»So, wie’s klingt, macht sie sich immer Sorgen.« Er packte Heimfried im Genick und schubste ihn von den Phonografen weg. Sofort warf sich ein anderer Magieschüler in den Sessel und begann ein Gespräch. Die Phonografen waren beliebt.
»Aber …«, jammerte Heimi. Norman bugsierte ihn ein paar Schritte weiter, bis sie außer Hörweite waren.
»Mann, Heimi.« Norman schüttelte den Kopf. »Wie hältst du das aus? Kein Wunder, dass du so ein Schisser bist. Hat sie dir jeden Tag so einen Käse eingeredet?«
»Das ist kein … kein Unfug. Das hat sie alles in der Tageszeitung gelesen.«
»Und das glaubt sie? Die schreiben da doch alles rein, was die Leute lesen wollen!«
»Aber …« Heimfried schob die Unterlippe vor. Sie zitterte. Das war ja nicht auszuhalten.
»Das reicht.« Norman stemmte die Hände in die Hüften. »Wir ziehen uns jetzt um und dann gehen wir auf das Kürbisfest!«
»Das Kürbisfest?!« Heimfried riss die Augen auf. »Da sind doch mit Sicherheit … Massen an Menschen, die alle die Eumelitis haben! Oder die Krupskrauke!«
»Bei der Erweckungszeremonie waren auch Leute und du bist nicht verreckt!«
»Ja und das war das reinste Wunder! Ich habe Menschen gesehen, die offensichtlich kurz davor waren, an Alkoholismus zugrunde zu gehen.« Heimfried verschränkte die Arme. Er schien sogar ein wenig wütend zu sein. Gut, wütend war besser als ängstlich. Vielleicht konnte Norman ihn einmal richtig böse machen?
»Versoffenheit ist nicht ansteckend. Was lernst du eigentlich?«
»Ich … Nein.« Heimfrieds Mund war ein weißer Strich. In den Augen blitzte pure Panik. »Bitte … bitte zwing mich nicht. Ich möchte hierbleiben.«
Hm, Mist. Jetzt schaute er wieder wie ein getretener Welpe. Eternas Rat kam Norman in den Sinn. Ermutigung. Positive … Dings.
»Heimi, ich will dich doch nicht zwingen.« Norman sah schnell nach links und rechts. Nicht, dass noch jemand mitkriegte, dass er verständnisvoll war. Doch bis auf die Bande an den Phonografen war niemand im Flur. »Ich will dir was Gutes tun. Glaub mir, es ist nicht so gefährlich da draußen. Fast gar nicht. Aber wenn du hier versauerst, verpasst du Sachen, die dir total Spaß machen würden.«
»Was denn zum Beispiel?«, fragte Heimfried und legte den Kopf schief. Misstrauisch war gar kein Ausdruck.
»Na, Kürbiskuchen und Kürbisbier und Kürbisbrot. Theater mit Spezialeffekten. Letztes Jahr hatten sie sogar eine Windmaschine! Und es gibt Musik und Stände, da kannst du alles kaufen was du dir vorstellen kannst. Heilsteine und bunte Laternen und magische Tinte und … Bücher.« Aha! Heimfrieds Augen leuchteten auf. Norman grinste. »Wusst ich’s doch. Du wirst es lieben! Da kannst du dir alle Bände von Gottfriedas grässlichen Abenteuern zulegen. Bestimmt auch deine komischen Schinkenwälzer. Und es gibt total viele Bücher, von denen du noch nie gehört hast, zum Beispiel, äh, die grauslichsten Fälle von Generalinspektor Grobian. Aber die verpasst du, wenn du nicht rausgehst. So!«
Er verschränkte die Arme vor der Brust. Heimfried knabberte an seinem Daumennagel.
»Aber …« Er zappelte, als würde in einer Schlange vor der Latrine warten. »Aber … es ist … Ich weiß nicht.« Erschöpft ließ er die Arme hängen und schaute todunglücklich. Norman räusperte sich.
»Heimi«, sagte er leise. Er sah sich um, aber niemand lauschte. Verschwörerisch legte er einen Arm um Heimfried. »Da gibt’s noch eine Sache, die dich interessieren könnte. Ich hab dir doch versprochen, dass ich dich mit in den Puff nehme, oder?«
Heimfried starrte ihn an. Norman wusste nicht, was runder war: die Augen oder der Mund.
»Oh, das … Stimmt, dafür müsste ich das Institut verlassen …«
Neugier und Angst huschten in rascher Folge über sein Gesicht. Schließlich gewann die Neugier.
»Aber … Weißt du, wo wir hingehen könnten? Gibt es einen … ein Freudenhaus mit Männern?«
»Eins? Mindestens drei.« Norman rückte näher, bis er mit den Lippen fast Heimfrieds Ohr berührte. »Ich hab gehört, dass im Pinselpalast einer arbeitet, der zwei Zungen hat. Zwei! Überleg mal, was der damit anstellen kann.«
Heimfried überlegte sichtbar. Oben und unten.
»Und da könnten wir … Oh.« Er nickte verträumt. »Das würde … das wäre … hm. K-können wir dort gemeinsam hingehen?«
»Ja klar. Wir können uns sogar ein Zimmer teilen, wenn du Angst hast mit dem Zweizüngler allein zu sein. Aber ich bin zuerst dran, klar?«
»Klar.« Heimfried straffte sich. »Gut, ich … Lass uns gehen.«
Norman lachte.
»Erst umziehen, du Hurenbock. Wär besser, wenn man uns nicht gleich ansieht, dass wir Magieschüler sind.«
»Was? Warum?«
»Na, erstmal sind wir nicht überall so beliebt wie hier. Und dann wär das Institut sauer, wenn wir in voller Trainingsmontur in einen Puff marschieren. Wär schlecht für ihr Ansehen, weißt du?«
»Oh. Das stimmt. Das ist schließlich … frivol.« Die blassblauen Augen glitzerten. So wie heute Morgen, als Heimi den neuen Haarschnitt betrachtet hatte. Süß. Sehr süß und ein bisschen … verwegen. Eigentlich war das das letzte Wort, das Norman mit ihm in Verbindung gebracht hätte.

Eine Viertelstunde später traten sie auf den Gunnar-Krafft-Platz hinaus.

Geblogge

Heute nur ein Häppchen. Ich lasse es gemütlich angehen, weil ich gesundheitlich immer noch angeschlagen bin.

Wordcount heute: 956 Wörter
Wordcount »Magische Deppen« (Arbeitstitel) insgesamt: 37.576 Wörter

18.  Mütter und Monster

»Kleena, du kommst ja alleine klar, wa?«, krächzte der Hausmeister. Er war wie jeder Hausmeister, bei dem Norman je Strafdienst verrichtet hatte: Grau, verbittert und mit würzigem Raucharoma. Eine feuchte Kippe zitterte in seinem Mundwinkel, wenn er sprach.
»Klar«, brummte Norman. Der Alte wollte sich nur vor der Arbeit drücken. Aber er hatte zu gute Laune, um sich daran zu stören. Schwungvoll schob er die Tür zum Dach auf.
»Wart, ma, Kollege.« Der Hausmeister winkte ihn zurück.
»Was?«
»Hier« Er drückte Norman einen Eisenring mit zwei Schlüsseln in die Hand. »Ist für die Tür und den Putzschrank. Dann kannste morgen gleich weitermachen und musst mich nich wecken. Wenn du hier oben fertich bis, kannst du im siebten Stock loslegen.«
»Und was machen Sie?«
»Verantwortung tragen, Kleena. Richtich schwere Verantwortung.« Er schüttelte traurig den Kopf. »Also: Erst Dach, dann runter in den siebten, dann wieder hoch. Kapiert?«
»Ich hab kapiert, dass Sie ein faules Schwein sind.« Norman nickte. Der Hausmeister krächzte verächtlich und schlurfte davon.
Norman stieg pfeifend die Treppen hinauf. Die Sonne war gerade aufgegangen und frischer Herbstwind kitzelte seinen Nacken. Er hätte fast geseufzt, aber das tat er natürlich nicht. Nur Weichlinge seufzten. Na ja, und Heimi. Dem stand das gar nicht schlecht. Heute Morgen war er so verdammt niedlich gewesen, als er Norman schlaftrunken angelächelt hatte. Wie er sich über die neue Frisur gefreut hatte!
Mutter würde toben, hatte er geflüstert, als er sich im Spiegel betrachtet hatte. Toben! Ich sehe aus wie ein Bürgerlicher!
Schien ihn zu freuen. Norman freute sich auch. In Nullkommanix hatte er das Dach gefegt. Nicht mal die Magieschwaden beunruhigten ihn heute. Er pustete sie durcheinander, wenn sie ihm vor die Nase kamen. Ein paar Motoren, die hier oben Leibesübungen machten, sahen ihn verwundert an.
»Sauger. Die haben alle einen Schaden«, hörte er einen von ihnen flüstern. Selbst das störte ihn nicht. Trotzdem scheuchte er die Kerle mit energischen Besenschwüngen aus dem Weg. Sie konnten ihm ohne Magie ja nichts tun.
Zum ersten Mal seit der verfickten Erweckungszeremonie hatte er richtig gute Laune. Verdammt gute. Und er hatte fast einen ganzen freien Tag vor sich. Das Kürbisfest. Und dann … würde er was trinken gehen und warten, bis die Freudenhäuser aufmachten.
Sollte er Heimi wirklich mitnehmen? War der zu zart dafür? Obwohl, gestern Abend … Norman räusperte sich unwillkürlich. Der Kleine war beinahe forscher gewesen als er. Beinahe … mutiger. Er selbst hatte ewig gebraucht, bis er mit dem Gefühlskrempel klargekommen war.
Nachdenklich stützte er sich auf den Besenstiel. Am Anfang war es ein wenig gewesen wie … wie mit der Magie. Etwas in ihm hatte sich gesträubt. Fast als hätte er Angst gehabt, was er selbstverständlich nie hatte. Nie.
Eine Schwade Magie glitt ihm an Nase vorbei. Norman zuckte nicht einmal mit der Wimper. Ohne darüber nachzudenken, berührte er sie mit der linken Hand und wirbelte sie durcheinander. Sie wand sich um die Finger als wäre sie ein anhängliches Tierchen. Norman lächelte. Das kühle Prickeln war eigentlich ganz drollig. Bevor er kapiert hatte, was er tat, hatte er die Schwade aufgesaugt. Erst als er die Kälte in der Brust spürte, schrak er zusammen. Mist. Mist! Da war … Magie in ihm. Viel zu tief.
Ruhig, dachte er. Ganz ruhig. Einfach wieder raus damit. Hm.
Er versuchte, sich an das Gefühl gestern Abend zu erinnern. Ans Loslassen. Und es klappte. Er wurde gelassener. Sanft stupste er die Magie in sich an und sie schwebte bereitwillig aus ihm heraus. Aus dem anderen Arm. Verwundert sah er zu, wie sie aus den Fingerspitzen strömte, aufstieg und sich mit den übrigen Schwaden vereinigte.
Hatte er gerade Magie aufgesaugt und abgegeben? Durch den gesamten Oberkörper? Das hatte er noch nie geschafft! Das musste er Heimi erzählen.
»Aba erst ma zu Ende putzen, Kleena«, brummte er und machte sich wieder an die Arbeit.
Er brauchte zwei Stunden, was verdammt schnell war. Aber Norman hatte schon so oft Strafdienst geleistet, dass er die reinste Putzfee war. Man musste einfach wissen, welche Ecken man auslassen konnte.
Zufrieden schmetterte er das Putzzeug zurück in die Besenkammer und schloss sie ab. Den Schlüsselring steckte er ein. Freier Zugang zum Dach. Gar nicht übel.
Gut, wo war Heimi?
Er fand ihn im Erdgeschoss bei den Phonografen. Die Geräte hingen in einer Reihe an der samtbezogenen Wand und waren besetzt. Alle. In jedem der Polstersessel saß ein Magier. Der Lärm  von einem dutzend Stimmen war ohrenbetäubend.
Ganz am Ende hockte Heimfried in einem Stuhl, in dem er wie ein schmächtiges Kind aussah, und schaute elend. Hä? Heute Morgen war er doch so gut drauf gewesen. Er bemerkte nicht einmal, dass Norman sich näherte, so konzentriert lauschte er in den Hörer. Ab und zu nickte er, als könnte die Person am anderen Ende das sehen.
Er presste sich das muschelförmige Ohrstück so fest an den Kopf, dass die Knöchel weiß waren. Die Hand, mit der er das messingverzierte Mundstück hielt, zitterte.
»Ja, natürlich«, flüsterte er. Dann sah er auf. Seine Augen wurden groß, als er Norman direkt vor sich sah. Ein schwaches Lächeln sauste über die geschwungenen Lippen. Es verschwand, während er weiter lauschte und lauschte. Und lauschte. Die Person am anderen Ende schien ohne Punkt und Komma zu reden.

Neuerscheinung

Mein neuer Roman ist da! Zunächst nur als eBook, aber ich arbeite am Print. Worum es geht? DRAMA!!! Okay, ein paar Lacher sind dabei. Und ein wenig Zucker selbstverständlich auch. 🙂 Hier ist der Klappentext:

Vor zwei Jahren wurden Kai und Arthur auseinandergerissen. Beide glauben, der jeweils andere sei schuld. Zwei Jahre der Verbitterung folgen. Zwei Jahre, erfüllt von Schmerzen, Veränderungen und frischen Wunden.
Nun sind sie erneut am selben Ort: einem Internat voller düsterer Intrigen und tödlicher Geheimnisse. Einem Ort, der droht, beide zu verschlingen. Es sei denn … sie finden wieder zusammen.

Ja, mein neuestes Paar hat es nicht leicht. 🙁 Wenn ihr mitleiden wollt: Das eBook gibt es auf Amazon. Falls ihr erstmal reinlesen wollt: Hier sind die ersten beiden Kapitel.
1.  Kai, 15

Kai öffnete die Tür und da stand er.
Der Gentleman.
Gepflegt, in einem perfekt geschnittenen Hemd, auf das die Sonne fein gesprenkelte Flecken warf. Seine rostbraunen Haare waren akkurat frisiert und der Seitenscheitel zog eine unverrückbare Grenzlinie durch den glänzenden Schopf.
Sofort wollte Kai sich in die eigenen Haare greifen, um sie zu ordnen. Als ob das möglich gewesen wäre. Einmal hatte er versucht, die ausgebleichten Strähnen in etwas zu verwandeln, das nicht wie ein elektrisierter Staubwedel aussah. Stundenlang hatte er sie gebürstet. Hatte nichts gebracht.
Die Augen des Gentlemans weiteten sich, als er Kai erkannte. Er erkannte ihn? Irgendwie machte das Kai ein wenig stolz. Sein Herz legte einen Trommelwirbel hin, während sich alles andere zu verlangsamen schien. Die Vögel zwitscherten gedehnter, der Wind in den Pappeln rauschte dröhnend träge und das Lächeln, das sich auf dem Gesicht des Gentlemans ausbreitete, erschien im Zeitlupentempo. Erst tauchten blitzende, gerade Zähne auf, dann tiefe Grübchen, und dann verengten sich seine Augen zu leuchtenden Schlitzen.
Er sah so schmerzhaft vollkommen aus. Wie alt mochte er sein? Kaum älter als Kai. Kaum älter als fünfzehn.
Er wurde sich bewusst, dass er den Kerl anstarrte. Aber ihm fiel nichts ein, was er sagen konnte. Sein Kopf, in dem sonst hundert Rädchen gleichzeitig ratterten, war wie leergefegt.
Zum Glück sagte der Gentleman etwas. Etwas Magisches.
»Hallo.«
Kais Knie verwandelten sich in Gelee.
2.  Arthur, 15

»Fahr schon mal vor«, hatte seine Mutter gesagt. »Wir kommen nach, sobald wir können.«
Irgendeine wichtige Besprechung mit dem Label. Arthur kannte das schon. Trotzdem konnte er nichts gegen die Leere in seinem Bauch tun. Hunger war das nicht. Das war etwas anderes. Seit er klein war, war er seinen Eltern hinterhergerannt. Erst auf rundlichen Stummelbeinchen, dann auf immer längeren. Aber sie waren nie lang genug geworden, um die beiden einzuholen. Immerzu sah er nur ihre Rücken.
Er kannte es nicht anders. Besprechungen, Termine, wichtige Meetings. Arbeit rund um die Uhr. Selbst in den Sommerferien. Selbst jetzt.
Drei Tage lang hatte er sie für sich gehabt. Klar hatten sie jede Mahlzeit durchtelefoniert, aber zwischendurch, für eine oder zwei Stunden, waren sie eine Familie gewesen.
Sie hatten ihn aus der Sprachschule, die er als Zweitbester abgeschlossen hatte, abgeholt und noch ein paar Tage in Paris verbracht. Dann wollten sie in das Ferienhaus weiterziehen, das sie im letzten Jahr gekauft hatten. Das im Schwarzwald, umringt von Bäumen und gewärmt von der süddeutschen Sonne. Heimaturlaub lag voll im Trend, behauptete seine Mutter. Urlaub zuhause waren die neuen Malediven, das sagten auch all ihre Freunde.
Aber so toll hatten sie es im letzten Sommer wohl doch nicht gefunden. Als Arthur abreisebereit die Stufen ihrer Suite herunterkam, hatten sie ihm eröffnet, dass sie sich noch um etwas kümmern mussten. Eine Besprechung halt. Wie immer.
Er war alleine geflogen, hatte alleine ein Taxi genommen, alleine einen horrenden Betrag dafür gezahlt und war schließlich vor ihrer Ferienvilla gelandet. Villa Blau hieß sie.
Der Kies knirschte unter seinen italienischen Lederschuhen, als er ausstieg. Die Nachmittagssonne wärmte seine Kopfhaut und die Ruhe hier überraschte ihn. Nach drei Tagen Paris war es beinahe unheimlich. Der Wald hinter dem Gebäude war so dicht, dass sich alle Details in Schwärze verloren.
Als das Taxi hinter ihm startete und Steinchen verspritzend abfuhr, beschloss Arthur, das Beste daraus zu machen. Das Beste daraus, dass er ganz allein hier festsaß. Vielleicht gab es andere Leute in seinem Alter. Im angrenzenden Dorf oder der nahen Kleinstadt. Vielleicht fand er in der Bibliothek ein Buch auf Französisch oder gar Tschechisch und niemand würde ihn davon abhalten, etwas derart Nutzloses zu lesen.
Vielleicht würde er den Luchs wiedersehen.
Letztes Jahr, als sie das erste Mal hier Urlaub gemacht und seine Eltern beide während des Frühstücks am Telefon gehangen hatten, hatte er ein leises Geräusch vernommen. Aus den Bäumen, die die Villa umgaben.
Der Mischwald begann direkt hinter dem hohen Holzzaun, der die Terrasse einrahmte. In einer der dichten Kronen hatte sich etwas bewegt. Fast unmerklich, aber da war eindeutig ein Geräusch gewesen.
Zwei helle Augen. In einer Eiche, umgeben von dunklem Blattwerk. Arthur war zu Stein erstarrt. Die Kaffeetasse halb zum Mund gehoben, hatte er da gesessen und den Luchs angeglotzt.
Der Luchs war natürlich kein echter Luchs, sondern ein Junge in seinem Alter. Vierzehn war Arthur damals gewesen. Ungeschickt, unsicher, auf verzweifelte Art freundlich und mit Babyspeck an Wangen und Bauch. Der Junge, der da oben auf dem Ast hockte, geduckt wie eine sprungbereite Katze, hatte keinen Babyspeck. Er war schlank, nein, mager. Ungepflegt wie ein wildes Tier, mit einem ausgebleichten Pullover und einer Löwenmähne, die nach allen Seiten abstand.
Arthur hatte ihn nur angaffen können. Er hatte noch auf den Ast gestarrt, als der Luchs längst zusammengezuckt und im Blattwerk verschwunden war. Arthur hatte ein Rascheln auf der anderen Seite des Stamms gehört, als er weggelaufen war. Über den Blätterteppich, durch den düsteren Wald. Den Wald, vor dem Arthur sich fürchtete.
Aber der Luchs hatte sich nicht gefürchtet. Der war Arthur wie eine Wildkatze erschienen, ungezähmt und … frei. Etwas an ihm ließ ein wildes Sehnen in Arthur entstehen. Ein hartes Ziehen, einen Wunsch nach … Er wusste es nicht.
Aber als er sich umgesehen hatte, auf seine Eltern geschaut hatte, die immer noch telefonierten, die gepflegte Terrasse, den Zaun, der sie umgab … Da war er sich vorgekommen wie ein fetter Welpe, der sein Leben in einer Wohnung verbracht hatte. Ein Schoßhündchen. Irgendwie war er das auch.
In den nächsten Tagen hatte er versucht, seine Furcht zu überwinden und den Wald zu erforschen, stets in der Hoffnung, den Luchs wiederzusehen. Hatte er nicht. Und immer, wenn die Villa außer Sichtweite geraten war, hatte es ihn in der düsteren Stille des Waldes gegruselt. Also hatte er jedes Mal kehrtgemacht und war zurück in die Zivilisation geflüchtet.
Aber nun war er fünfzehn. Fast erwachsen. Arthur straffte sich und sah an der verschnörkelten Fassade der staubrosafarbenen Villa empor. Riesige Hängepflanzen ergossen sich aus jedem der orientalisch anmutenden Fenster. Die waren einer der Gründe gewesen, aus denen seine Mutter das Gemäuer gekauft hatte. Sie ließen die Villa exotisch wirken, mehr als die anderen Gebäude in der Gegend. Auch der Pool im Innenhof, der mit türkisblauem Mosaik gekachelt war, trug zu diesem Eindruck bei.
Arthur holte tief Luft. Diesmal würde er sich nicht vor dem Wald fürchten. Und vielleicht würde er den Luchs-Jungen wiedersehen, wenn er sich weit genug hineinwagte.
Mit hoch erhobenem Kopf ging er auf die Eingangstür zu. Herr Petersen war da und würde ihn empfangen, hatte seine Mutter gesagt. Der Gärtner. Wenn Arthur sich so umsah, schien der den Kampf gegen das wuchernde Gestrüpp zu verlieren. Aber Herr Petersen war im letzten Jahr schon krumm und recht schwächlich gewesen, also …
Es war nicht Herr Petersen, der die Tür öffnete. Es war der Luchs.
Arthur erkannte ihn sofort. Er war größer und noch magerer geworden, aber seine Augen waren so hell wie eh und je. Und seine Haare noch chaotischer. Und der Luchs erkannte ihn. So, wie dessen Augenbrauen nach oben wanderten, wie sein schmaler Mund sich öffnete … Er erinnerte sich an Arthur! Das machte ihn seltsam stolz. Er hielt sich nicht für sehr erinnernswert. Bevor er es verhindern konnte, breitete sich ein dämliches Lächeln auf seinem Gesicht aus.
»Hallo«, sagte er.
Der Luchs schwieg einen Moment lang. Er wirkte wieder wie eine Wildkatze, bereit zur Flucht. Als könnte er jederzeit die uralte Tür zuschlagen. Oder in einem Sprung über Arthur hinwegsetzen und in den Wald türmen. Aber er blieb.
»Hallo«, entgegnete er schließlich. Seine Stimme war rau, als wäre er erkältet.
»Ich …« Arthur wusste nicht genau, was er sagen sollte. »Ich bin Arthur von Hasslach. Ich bin schon von Paris aus vorgefahren. Meine Eltern kommen nach.«
Was laberst du da für einen Blödsinn?, dachte er. Du klingst wie ein Kleinkind. Du bist ein Mann, reiß dich zusammen!
»Du bist den ganzen Weg allein gefahren?«, fragte der Luchs und legte den Kopf schief. Er schien tatsächlich beeindruckt davon, dass Arthur seinen rundlichen Hintern erst in einen Flugzeugsitz und dann in ein Taxi verpflanzt hatte.
»Keine große Sache.« Arthur versuchte, mit jeder Faser seines Seins cool zu wirken. »Ich bin auch schon von Kuba nach Berlin geflogen.«
Jetzt klingst du wie ein Angeber, du Idiot.
Der Luchs nickte bedächtig.
»Wir dachten, ihr kommt später«, sagte er. »Ich sollte gar nicht hier sein. Mein Vater kümmert sich noch um den Innenhof.«
»Dein Vater?« Erst Sekunden später brachte Arthur es zusammen. »Herr Petersen ist dein Vater?«
Der Luchs nickte wieder. Gesprächig schien er nicht zu sein. Aber er trat zur Seite und ließ Arthur passieren. Er bot sogar an, ihm mit dem Gepäck zu helfen, aber Arthur lehnte ab. Natürlich lehnte er ab. Wie würde er denn aussehen, wenn er zu schwach war, zwei Koffer die Treppe hochzuschleppen? Er gab sich Mühe, sein Keuchen zu unterdrücken, als er es bis in den Flur geschafft hatte. Dort ließ er sie zu Boden fallen und folgte dem Luchs in den nach Chlor duftenden Innenhof. Je länger er hinter dessen schmalen Rücken herging, desto mehr durchwühlte er sein Gehirn nach etwas, das er sagen konnte.
»Wie heißt du?«, brachte er schließlich heraus. Betont cool hakte er die Daumen in die Schlaufen seiner Jeans.
»Kai.« Der Luchs sah ihn an.
»A-Ach so.« Mist, hatte er das kleine Stottern bemerkt? Arthur wusste nicht, was mit ihm los war. Sein Herzschlag hämmerte in seinem Hals und er spürte den anderen Jungen, als würde er Elektrizität verströmen, durch die Luft oder so. Er schluckte.
»Hilfst du deinem Vater im Garten?«, fragte er. Der Luchs, nein, Kai, nickte.
»Ich soll nicht hier sein«, sagte er und blickte Arthur an. »Kannst du deinen Eltern nichts verraten?«
»Klar.« Arthur zuckte lässig mit den Achseln. »Aber warum? Du hilfst doch.«
»Ich bin …« Der Blonde schien zu überlegen, wie er das ausdrücken sollte. »Ich habe deine Mutter mal getroffen. Angeblich war ich nicht nett.«
»Wer sagt das?«
»Mein Vater. Und deine Mutter. Ich hab irgendwas gesagt …« Kai kratzte sich den Hals. »Ich war unhöflich. Das bin ich manchmal, auch wenn ich das nicht will.«
»Aha.«
Was sollte er darauf antworten? Egal, denn sie betraten den Innenhof. Der wurde fast gänzlich von einem römisch anmutenden Schwimmbecken mit Mosaikmuster eingenommen. Sonnenstrahlen brachten das Wasser zum Glitzern. Der Hof war zu drei Seiten eingerahmt von Wänden voll verschnörkelter Fenster und Balkone, die vor Hängepflanzen überquollen. Die vierte Seite ging auf die Terrasse hinaus, auf der Arthur damals mit seinen Eltern gefrühstückt hatte. Dort war ein gebeugter Mann damit beschäftigt, die Fugen der Bodenfliesen von Moos zu befreien. Er sah auf, als sie näherkamen. Dann sprang er förmlich in die Höhe.
»Arthur.« Er lächelte, ein wenig verzweifelt. »Ich bin fast fertig mit dem Boden. Ich schätze, morgen könnt ihr sicher hier frühstücken. Es tut mir leid, dass es etwas länger gedauert hat …«
»Lassen Sie sich ruhig Zeit«, sagte Arthur. Er sah den grauhaarigen Mann an, den er für älter gehalten hatte, als er sein konnte. Schließlich war er Kais Vater. Sie sahen sich nicht sehr ähnlich. »Ich … Machen Sie bitte genug Pausen. Meine Eltern kommen erst in ein paar Tagen nach und mir ist es egal, wie es aussieht.«
Herr Petersen nickte, scheinbar erleichtert. Er wirkte ständig, als hätte er Schmerzen. Hatte er vielleicht auch, krumm, wie er war. Kai ging zu ihm, mit der natürlichen Eleganz einer Wildkatze, aber Petersen schüttelte den Kopf.
»Ich schaff das schon alleine, Junge. Mach du doch was mit Arthur. Er ist ja ganz allein hier.«
Die Worte waren nicht so gemeint gewesen, aber sie schmerzten. Arthur war allein. Egal, denn nun wandte Kai sich zu ihm um und sein Herzschlag nahm wieder an Fahrt auf. Was sollte er sagen? Kai schwieg, also musste er etwas sagen, nur was? Es musste etwas Cooles sein, etwas total Lässiges, und …
»Zeigst du mir das Haus?«, fragte Kai.
»Hast du es denn noch nicht gesehen?« Arthur runzelte die Stirn.
»Nur den ersten Stock. Paps meint, ich soll mich davon fernhalten.«
»Du machst zu viel kaputt, Junge.« Petersen schüttelte den Kopf. »Du bist einfach zu wild.«
Ein Hauch Röte erschien auf Kais Wangen. Arthur lächelte. Nein, er durfte nicht lächeln. Er musste cool bleiben.
»Ich bin auch zu wild«, log er. »Komm mit, ich zeig dir alles.«
Ein Mini-Lächeln erschien in Kais Gesicht.
»Super.« Es wurde zu einem kleinen Grinsen, das so rasch verschwand, wie es aufgetaucht war.
»Super«, wiederholte Kai, steckte die Hände in die Hosentaschen und räusperte sich.

Arthur verbrachte die nächste Stunde zwischen Panik und überschäumender Freude. Er schaffte es, keine Miene zu verziehen, als sie durch die Bibliothek gingen. Gigantische Holzregale voll dicker Wälzer schraubten sich in die Höhe und verschlugen ihm fast den Atem. Aber er zwang sich, nur: »Bibliothek. Bücher halt« zu sagen und mit den Achseln zu zucken.
Bücher waren schließlich nicht cool. Und Kai schien derselben Ansicht zu sein. Der murmelte irgendetwas Desinteressiertes. Überhaupt sagte er wenig. Aber er wich nicht von Arthurs Seite. Er präsentierte ihm all die sonnigen Zimmer, die Eingangshalle und sein Schlafzimmer mit dem frisch bezogenen Bett. Die Haushälterin war schon dagewesen.
Er machte sich fast in die Hose, als er durch eines der Fenster aufs Dach stieg, nur, um Kai zu beweisen, wie wild er war.
»Nette Aussicht, was?«, sagte er.
Er fürchtete sich entsetzlich, aber er wollte sich vor Kai keine Blöße geben. Der kletterte wie ein Äffchen höher und stellte sich breitbeinig auf den Dachgiebel, ohne sich irgendwo festzuhalten. Arthur kriegte kaum noch Luft, als ein Wind aufkam und Kais helle Haare in sein Gesicht wehte. Der Wind roch nach Holzkohle und frisch geschnittenem Gras. Er spürte die Sonne im Nacken.
»Ich kann mein Haus von hier aus sehen«, rief Kai und grinste wieder. Seine Luchsaugen glänzten. »Guck mal, da hinten.«
Mit angehaltenem Atem krabbelte Arthur die vollkommen verrostete Leiter zum Giebel hoch. Nicht nach unten sehen, nicht nach unten sehen. Er schwang ein zu pummeliges Bein über die Ziegel, so dass er rittlings oben saß. Mehr ging nicht, wirklich nicht. Wenn er sich wie Kai hinstellte, würde er abstürzen, soviel war klar. Weit unter sich sah er den Rasen, viel zu winzig.
»Welches ist es?«, rief er gegen den Wind und hoffte, dass er nicht so bleich aussah, wie er sich fühlte.
»Das da, hinter dem roten Fachwerkhaus!« Kais magerer Finger zeigte in die Richtung. Arthur kniff die Augen zusammen.
»Wo denn? Ich sehe nur diese Bruchbude mit dem löchrigen Dach …« Mist. Mist! Kais helle Augen schauten ihn an. Blinzelten. Arthur kippte fast um, so hastig richtete er sich auf. »Äh, ich … Ich meine … Das sieht … Das ist nicht …«
Mistmistmist, jetzt war er ein Arschloch und uncool und …
Kai lachte.
»Schon gut«. Er schüttelte den Kopf »Ich weiß selbst, was für ein Schuppen das ist. Aber meistens regnet es nicht rein und wir haben auch keine Ratten. Ist denen wohl zu zugig.«
»Äh, ich …« Arthurs Gehirn ließ ihn im Stich. »Echt?«
»Ja.« Kai nickte ernsthaft. »Die letzten haben uns beim Auszug einen Beschwerdebrief geschrieben, weil wir zu sehr stinken. Eingebildete Viecher.«
Ein Kichern drang aus Arthurs Kehle, voll unmännlich.
»So schlimm riechst du gar nicht«, murmelte er. Er spürte das kleine Lächeln, das seine Mundwinkel kräuselte. »Aber vielleicht steht der Wind auch günstig.«
Kai schnaubte. »Als ob du das merken würdest, du Snob. Du müffelst doch zehn Meilen gegen den Wind nach Parfüm.«
Arthur wollte schon an seinem Kragen schnuppern, als er das Glitzern in Kais Augen erkannte.
»Was verstehst du denn von Parfüm?« Er hob eine Augenbraue. »Hast du überhaupt schon mal ein Bad von innen gesehen?«
»Klar, in einem IKEA-Katalog. Mit denen decke ich mich nachts zu, wenn es zu sehr regnet.«
Arthur lachte, als wäre es das Witzigste, was je jemand gesagt hatte. Aber irgendwie kam es ihm so vor. Er entspannte sich immer mehr.
Während sie vom Dach kletterten, erfanden sie munter Geschichten von Kais angeblicher Armut und Arthurs Dekadenz. Als Arthur behauptete, er würde sich mit Blattgold den Arsch abwischen und mit Diamantstaub nachpudern, wäre Kai vor Lachen fast vom Dach gefallen.
Irgendwie schafften sie es, heil zurück in den Innenhof zu kommen. Herr Petersen packte gerade sein Werkzeug zusammen. Kai schoss praktisch auf ihn zu, um ihm die Arbeit abzunehmen. Der alte Mann (der nicht so alt war, wie er wirkte) war grau im Gesicht.
»Ich trag das zum Auto«, sagte Kai und Arthur erinnerte sich an die Rostlaube, die er in der Einfahrt gesehen hatte.
»Ich helfe dir.«
Irgendwie wollte er nicht, dass Kai und sein Vater schon gingen. Vor allem Kai … Aber Arthur konnte ihn schlecht fragen, ob er blieb, oder? Auch wenn der Gedanke, ganz allein in dem riesigen Gebäude zu übernachten, umgeben von düsterem Wald, ihm eine Gänsehaut verursachte. Also schleppte er einen Rechen zu dem grünen Transporter.
»Arthur«, sagte der Alte. »Kommst du hier zurecht?« Sein wettergegerbtes Gesicht drückte eindeutige Zweifel aus. »Du weißt schon, so ganz alleine?«
Arthur warf Kai einen Seitenblick zu und richtete sich zu seiner vollen Größe auf.
»Na klar«, sagte er lässig. »Der Kühlschrank ist ja voll und das Bett gemacht. Ich hab doch keine Angst im Dunkeln oder so.«
Er hatte panische Angst im Dunkeln, immer noch.
»Wenn du meinst …« Der Alte zögerte. »So olle Gebäude können nachts komische Geräusche machen. Das ist ganz normal, hörst du? Du musst dich da nicht fürchten.«
»Ich?« Arthur versuchte, die Gänsehaut aus seinem Nacken zu vertreiben. »Ich fürchte mich doch nicht, ich … Das ist total … spannend.«
»Das stimmt.« Kai nickte. »Ich würde gern mal in so einem alten Gruselkasten pennen.«
Hoffnung stach in Arthurs Herz.
»D-dann bleib doch hier.« Mist, wieder gestottert. »Du kannst hier schlafen, wenn du willst. Äh, wenn du dich traust.«
»Klar trau ich mich.« Kai sah ihn spöttisch an. »Ich hab keine Angst vor den paar Untoten im Garten.«
»Den Unto…« Arthur schnaubte. »Witzig. Ich wette, du kommst nachts rübergeschlichen, wenn du Schiss kriegst. Ich wette, du … du heulst vor Angst, sobald das Licht ausgeht.«
»Und du, puller dich nicht ein, Fettsack, weil …« Kai wurde von seinem Vater unterbrochen, der ihm einen strengen Blick zuwarf. »Wieder zu unhöflich?«, fragte er und schien wirklich erstaunt.
»Ja.« Herr Petersen seufzte. »Aber irgendwann kriegst du es schon noch hin.«
»Mir macht das nichts aus«, behauptete Arthur und es stimmte fast. Bemerkungen über sein Gewicht taten ihm immer weh, aber … na ja, er hatte Kai ja auch geärgert.
»Gut, dann lass dich nicht von dem Kleinen nerven«, sagte der Alte und öffnete die Tür des Wagens. »Er meint es nicht so. Findet nur manchmal das richtige Maß nicht.«
Kai sah zu Boden, als sein Vater ihn »Kleiner« nannte. Fast schien es, als würden seine Ohren ein wenig rot. Aber sein Gesicht war ausdruckslos.
»Mach’s gut, Kleiner. Ich bring dir morgen frische Unterwäsche mit. Und du kannst mir beim Rasenmähen helfen.«
Kai brummte etwas Unverständliches.
Der Transporter fuhr ab, der Kies knirschte, der Motorenlärm verklang und sie waren allein. Arthur biss sich auf die Lippen, um ein nervöses Seufzen zu unterdrücken. Er kapierte nicht ganz, was mit ihm los war. Kai stand direkt neben ihm, so dicht, dass er seine Wärme zu spüren glaubte. So dicht, dass sein Geruch nach Seife und Motoröl in Arthurs Nasenlöcher drang.
»Was jetzt?«, fragte Kai. Als ob Arthur das gewusst hätte. Ihm musste etwas total Cooles einfallen, sofort, etwas, das ihn wie einen Rebellen wirken ließ, der …
Oh, richtig.
»Schauen wir mal, was die Bar hergibt?«, fragte er und freute sich, dass Kai überrascht wirkte.
Ich bin ein Genie, dachte er.

Geblogge

Camp Nano ist gewonnen! 🙂 Nur einen Tag vor Schluss. Ich glaube, so knapp war es noch nie. Aber ich bin zufrieden. Vor allem damit, dass die beiden Jungs sich endlich näher kommen. Ich mag Geschichten über so Trottel-Figuren (und das meine ich liebevoll, echt). In einer anderen Geschichte wären Norman und Heimfried nur Nebencharaktere und vermutlich nicht mal wichtige. Aber ich finde, damit würde man ihnen unrecht tun. Klar mag ich auch große Geschichten über mächtige Helden und Heldinnen. Aber den beiden dabei zuzusehen, wie sie Stück für Stück über sich hinauswachsen (obwohl Norman nie ein Genie sein wird und Heimfried nie ein draufgängerischer Teufelskerl) macht mir viel mehr Spaß als ein gigantisches Epos zu verfassen.

Jetzt mache ich ein paar Tage Pause wegen Burn Out-Gefahr (Ja, es war wieder soweit. Aber früh erkannt ist schnell gebannt oder so). Und Ende nächster Woche erscheint das neue Buch. 🙂 Ich peile den 5. oder 6. Mai an. Mal schauen, ob Amazon mitspielt.

Wordcount heute: 3.399 Wörter
Wordcount »Magische Deppen« (Arbeitstitel) insgesamt: 35.119 Wörter
Wordcount Camp Nano insgesamt: 35.119 Wörter + 15.584 Wörter = 47.304 Wörter

16.  Nah, sehr nah

Die Sonne ging langsam unter, aber sie entzündeten eine Kerze und lasen weiter. Heimfried schien die Geschichte gar nicht übel zu finden, obwohl er sich immer wieder über angebliche Fehler aufregte.
»Gottfriedas Mann wurde nicht von Eismonstern gefangen gehalten. Diese Kreaturen halten niemanden gefangen. Dazu fehlt ihnen die notwendige Intelligenz und außerdem sehen sie Menschen rein als Nahrung«, sagte er. Klang entrüstet. Trotzdem schmiegte er sich weiter an Norman.
»Klar war er gefangen.« Norman grunzte leise. »Warum hätte sie denn sonst ins Eisgebirge gehen sollen?«
»Aus wissenschaftlichem Interesse!« Heimfried richtete sich auf, um ihn anzusehen. Er wirkte verändert. Lebendiger. »Weißt du, was wir Frau von Græwenitzsch verdanken? Weil sie diese Expedition unternommen hat, wissen wir, warum die Eismonster uns in jedem Winter angreifen!«
»Klar, das steht ja auch im Buch.« Norman blätterte vor. »Oh Hades!«, las er und verstellte die Stimme zu einem weiblichen Jammern. Klang entsetzlich. »Sie fressen uns, weil sie uns brauchen! Irgendetwas im Menschenfleisch bewirkt, dass ihre Weibchen Kinder bekommen können! Welch grausame Ironie, dass unser Tod ihr Leben ermöglicht!«
Heimfried schaute, als hätte er in eine Zitrone gebissen.
»Das ist nicht vollkommen falsch«, gab er zu.
»Also ist es richtig.« Norman verschränkte die Arme vor der Brust.
»Es ist … ein Grenzbereich«, sagte Heimfried. »Größtenteils stimmt es, aber das »Irgendetwas« ist ein Protein, das in unserem Organismus enthalten ist. Wenn die Weibchen das zu sich nehmen, geht ihr Körper in die fruchtbare Phase über. Das ahnte Frau von Græwenitzsch bereits. Diese Theorie war der Grund, aus dem sie die Expedition unternommen hat. Weder das Arkane Institut noch die Regierung haben ihr geglaubt und deren Forschungseinrichtungen auch nicht. Wusstest du, dass sie die Reise selbst finanziert hat, weil niemand sie bezahlen wollte?
Norman gähnte.
»Das interessiert doch keinen. Hauptsache, sie hat das rausgekriegt und ihren Mann gerettet und diese Monster so richtig rundgemacht.«
»Sie hat nie gegen ein Monster gekämpft.«
»Was? Aber sie war doch eine Motorin, und …«
»Es war eine Forschungsexpedition. Sie wollte etwas herausfinden, nicht kämpfen. Ihr Metier war die Wissenschaft. In diesem Kontext ist vollkommen nebensächlich, dass sie eine Motorin war.«
»Das ist nie nebensächlich. Ein bischen mehr Stolz, bitte, Heimi.«
»Worauf?« Heimfried sah ihn fragend an. Süß, irgendwie.
»Na, darauf, dass du ein Motor bist. Das sind auch eine Menge fabelhafte Drecksäue, also sei stolz drauf. Gottfrieda war ein Motor und Gunnar Krafft natürlich und …«
»Aber die waren gute Motoren«, murmelte Heimfried. »Ich bin … ich.«
Norman wollte ihm sagen, dass er sich zusammenreißen sollte. Aber das funktionierte ja nicht. Stattdessen beugte er sich vor und küsste ihn. Heimfrieds Lippen waren weich und nachgiebig. Sie lösten ein Prickeln aus, als wäre sein ganzer Körper erst in Eiswasser, dann in ein heißes Bad getaucht worden. Als er sich zurückzog, flatterten die Lider des Kleinen.
»War das in Ordnung?«, fragte Norman. »Tschuldige, wir hatten ja gesagt, dass nur du …«
»In Ordnung.« Heimfrieds Gesicht war so erfüllt von Freude, dass Norman ihn am liebsten gleich wieder geküsst hätte. »Es ist … Danke, dass du so rücksichtsvoll bist. Ich vermute, dass meine Furchtsamkeit dich ziemlich ermüdet. Wenn ich könnte, wäre ich stärker.«
»Das wirst du schon werden«, sagte Norman. »Bald. Wir bauen dich von innen heraus auf.«
»Von innen.« Heimfried nickte bedächtig. »Vom Herzen her?«
Norman spürte Hitze in die Wangen schießen.
»Äh, ja. So ähnlich. Ein starkes Herz, äh, sorgt für einen gesunden Körper. Sagt Gottfrieda auch. Irgendwo im letzten Kapitel.«
»Weißt du, ich mag das Buch«, gab Heimfried zu. »Es ist nicht immer adäquat recherchiert, aber … es macht Spaß.«
»Und das ist die Hauptsache«, bestätigte Norman.
»Nein!« Heimfried sah ihn vollkommen entsetzt an. »Die Hauptsache ist, dass Wissen korrekt vermittelt und weitergegeben wird! Romane wie dieser sind pure Unterhaltung, und wenn man zu viele davon konsumiert, verliert man die Fähigkeit, logisch zu denken.«
Norman lachte laut auf.
»Heimi, du bist verdammt komisch, wenn du willst.«
»Ich will nicht …«
Norman küsste ihn wieder. Er war immer noch höllisch nervös, aber … langsam fand er Gefallen daran. Und Heimfried anscheinend auch. Erstaunt spürte Norman ein zartes Händchen im Nacken, das ihn nach vorne zog. Heimfried knutschte ihn, als wollte er ihre Münder durch puren Druck miteinander verschmelzen. Geil.
Als sie sich voneinander lösten, atmeten beide schwer. Heimfrieds Brillengläser waren beschlagen.
»Äh«, murmelte er. »Also … wo waren wir? Im Buch, meine ich.«
»Gottfrieda hat erfahren, dass …« Norman musste sich räuspern. »Dass die Monster uns fressen, weil … die Weibchen dann fruchtbar werden. Wegen dem Menschenfleisch.«
»Aber das ist auch nicht korrekt!« Heimfried verschränkte die Arme. »Jegliches Fleisch, ob tierisch oder menschlich, hat diesen Effekt.«
»Wieso fressen sie dann keine Tiere?«
Heimfried sah ihn an, als ob er bekloppt wäre.
»Das tun sie doch. Wir haben vor elf Jahren unseren halben Schweinebestand an Lavamonster verloren. Das war ein furchtbares Jahr. Zwei Wochen lang mussten wir uns von eingelegtem Gemüse ernähren, bis die Handelsrouten wieder funktioniert haben.«
»Wir hatten gar nichts zu essen.« Norman dachte ungern daran. »Aber wenn sie jedes Fleisch futtern, dann könnte man ihnen doch einfach ein paar Kühe in den Weg schmeißen und sie würden wieder abhauen. Ist nicht toll, aber besser als Menschen, oder?«
»Das wurde ganz früher tatsächlich versucht«, sagte Heimfried. »Doch durch die Fütterungen wurden die Monster zu zahlreich und ihr Bestand hat sich innerhalb von zehn Jahren verdoppelt. Also ist man wieder dazu übergegangen, sie zu bekämpfen. Unter anderem dank Gottfriedas Forschungsergebnissen, äh, ich meine, Frau von Græwenitzschs Forschungsergebnissen.«
»Sie ist tot. Die stört’s nicht mehr, wie du sie nennst.«
»Es ist ein Zeichen von Respekt …«
Die Abendessensglocke läutete. Zum ersten Mal war Norman froh über den blöden Bademantel, den er wieder überstreifte. Immerhin verbarg er die Schwellung in der Hose. Heimfried hatte weniger Glück und musste sich so lange kneifen, bis sie nachgelassen hatte. Dauerte ganz schön lange. Und es tat schon vom Zuschauen weh.

17.  Noch näher

Das Abendessen war, um es mit Heimfrieds Worten zu sagen: unerquicklich. Die Rangliste hing aus und irgendwer musste die anderen Studenten aufgestachelt haben. Es half nicht, dass Friedhelm auf der Liste ihre Kampfnamen »Glühwürmchen« und »Schäfchen« eingetragen hatte.
Ständig flogen ihnen Beleidigungen um die Ohren, während sie schweigend ihren Eintopf löffelten. Selbst ein älterer Beamter nannte Heimfried eine Schande für alle Motoren. Norman boxte ihm in den Magen und bekam sofort fünf Extra-Morgenlaufrunden aufgebrummt. Und Strafdienst beim Hausmeister.
Aber es war nicht so schlimm, wie er gedacht hatte. Unter all dem Lärm und der feuchten, von Essensgerüchen getränkten Luft, waren sie beide wie eine Insel im stürmischen Meer. Sie teilten ein Geheimnis. Eins, das keinen etwas anging.
Immer wieder erwischte er Heimfried dabei, wie er ihn ansah, als ob … er etwas Essbares wäre. Etwas weit Köstlicheres als der schleimige Graupeneintopf, den sie futterten. Ein Sonntagsbraten. Hey, morgen war Sonntag. Fleischtag, endlich. Norman hoffte auf Schnitzel.
Er selbst konnte auch nicht wirklich wegschauen. Er sah Heimfried mit ganz anderen Augen. Seit er wusste, wie sich dessen herzförmiger Mund auf seinem anfühlte, seit er wusste, wie kühl das Metall des Brillengestells war, wenn es gegen die Stirn drückte … kam der Kleine ihm größer vor. Faszinierender. Und zu schmal war er eigentlich nicht. Nur schlank halt. Über die drei Jahre des Studiums würde er schon Muskeln aufbauen, ob er wollte, oder nicht. Ein Drittel des Unterrichts bestand schließlich aus körperlichem Training.

Trotzdem war er erleichtert, als sie nach dem Zähneputzen in ihr Zimmer zurückkehrten. Die alte Schuhschachtel kam ihm wie eine Zuflucht vor. Nicht, dass er je geflüchtet wäre. Aber es war nett, ein paar Stunden auszuruhen.
»Und was machst du morgen, Heimi? Die Stadt anschauen? Du bist noch nicht viel rumgekommen, oder?«
»Ich dachte, ich bleibe hier und lese. Ich hoffe, bald die Arkanen Chroniken des 13. Jahrhunderts zu beenden.«
Heimfried lächelte zaghaft. Norman sah ihn entgeistert an.
»Heimi, wir haben nur einen freien Tag. Den willst du mit Lernen verschwenden? Du bist in der größten und besten Stadt im ganzen Reich! Da draußen«, er deutete auf das Fenster, »ist morgen das große Kürbisfest. Da gibt’s Kürbisschnaps bis zum Abwinken und Theater und Jongleure und Feuerspucker und … Kram halt.«
»Ich weiß nicht.« Heimfried zupfte an der Lederweste herum.
Sie standen zwischen den Betten und berührten sich beinahe. Ging auch nicht anders, bei der Enge. Trotzdem wurde Norman wieder nervös. Er zögerte, den Bademantel auszuziehen, aber ihm war warm und Heimfried hatte ja eh schon gesehen, wie es um ihn bestellt war. Da unten. Wie lange durfte man in diesem Zustand bleiben? War das noch gesund?
»Heimi. Da kommst du endlich von deinem komischen Landsitz weg und dann willst du im Zimmer hocken? Hier in Løbago ist wenigstens was los!«
»Ja, nur … ich habe viel darüber gelesen, wie es um … Also die Kriminalitätsstatistik ist wahrlich erschreckend.« Der Kleine sah zu Boden. Auf dem Weg streifte sein Blick Normans Schritt und er errötete. »Erst im letzten Monat wurde wieder ein brutaler Raubmord verübt. An einem Paar aus Agøln mit zwei Kindern. Zwei Kleinkindern. Und die wurden einfach … Auf dem Weg hierher habe ich aus dem Kutschenfenster zwei Schlägereien gesehen. Und es verschwinden so viele Menschen!«
»Ja, stimmt schon.« Norman wiegte den Kopf. »Und ich glaub, mein Erzeuger hatte mit  ’ner Menge Raubmorde zu tun. Und ’ner Menge normaler Morde. Ich hab ja auch, also nur geklaut, aber …«
»Geklaut! Richtig! Was, wenn man mir mein Geld stiehlt?«, fragte Heimfried. »Die Taschendiebe hier sind so geschickt, die kennen alle Tricks und … und wenn ich dann auf jemanden treffe, der mich überfällt und der mein Geld haben möchte, aber ich habe keins, da  mich schon ein Taschendieb beklaut hat und der Zweite schlitzt mir die Kehle auf und wirft mich in den Fluss …«
»Das passiert nicht, Heimi.«
»Woher willst du das wissen?«
»Um dich in den Fluss zu werfen, müsste er über die Stadtmauer klettern. Und in einen Brunnen kann er dich auch nicht schmeißen, weil das das Wasser vergiftet. Dafür hängt man. Der Kerl würde dich, also deine Leiche, höchstens an einen Metzger verkaufen.«
Heimfried starrte ihn an. Seine Wangen waren entschieden blasser geworden.
»Das ist ja entsetzlich! Wie … wie der Menschenfresser von Grottingen? Der, der tausend Frauen und Kinder in seine Metzgerei gelockt und zu Brühwurst verarbeitet hat?«
»Was? Ach der Typ. Der hat doch nur drei Leute gekillt, bis sie ihn erwischt haben.«
»Aber ich habe in der Zeitung gelesen, dass es tausend waren.« Heimfried ballte die Hände zu Fäusten.
»In welcher Zeitung denn? Dem Ausrufer?«
»Ja, genau.«
»Mann, das ist ein Schundblatt. Die machen aus drei Toten immer tausend.«
»Aber …« Heimfried schien über etwas nachzudenken. »Meine Mutter sagte ebenfalls, dass es mindestens tausend gewesen wären.«
»Woher will die das denn wissen?«
»Sie kennt die Gefahren der Großstadt. Sie wollte mich immer davor beschützen und nun bin ich trotzdem hier.«
»Was weiß deine Mutter denn über die Gefahren der Großstadt?«
»Sie hat hier meinen Vater kennengelernt.«
»Oh nein.«
Heimfried zögerte. »Also, das war natürlich etwas Gutes, aber … Mutter sagt, sie ist so schnell aus Løbago verschwunden, wie sie konnte. Weil es zu beängstigend ist. Sie war heilfroh, als sie daheim in Sicherheit war.«
»Daheim? In Sicherheit? Da, wo dein Vater von ’nem Eismonster vermampft worden ist?«
»Ich … ich fürchte mich nun einmal vor dieser Stadt. Verstehst du das nicht?« Heimfried trat ans Fenster. »Schau doch hinaus«, murmelte er. Er schlang die Arme um den Körper, als wäre ihm kalt. »Man kann kaum das Ende sehen, so viele Häuser sind da. Und die Häuser … Die sind vermutlich voll mit Verbrechern und Mördern und …«
»Die sind voll mit stinknormalen, langweiligen Leuten«, brummte Norman. »Gut, in meinem Viertel gab’s in paar Verbrecher mehr, aber … viele Häuser sind auch viele Schlupfwinkel. Die müssen dich ja nicht kriegen.«
Das schien Heimfried kein Stück zu beruhigen. Der Drang, ihn zu umarmen, überkam Norman, aber er traute sich nicht, äh, riss sich zusammen. Natürlich. Er war ja kein Feigling.
»Ich habe bestimmt Alpträume heute Nacht«, flüsterte Heimfried. »Ich habe Alpträume, seit ich hier bin.«
»Soll ich deine Hand halten?«, fragte Norman, ohne darüber nachzudenken. Ups. Und nun? »Vielleicht, äh, hilft das.«
»Das würdest du tun?« Heimfried drehte sich zu ihm um. »Aber unsere Betten sind zu weit voneinander entfernt, oder?«
Norman schüttelte den Kopf.
»Auf die Matratze mit dir, Heimi«, sagte er und einen Moment lang hatte er schmutzige Gedanken. Verdammt schmutzige.
Dann packte er sein Bettgestell und rüttelte und zog daran, bis er es neben Heimfrieds gezerrt hatte. Ein eher schmales Doppelbett entstand, das zusätzlich auch noch die Tür blockierte. Sehr gut.
Heimfried hatte aufgehört zu beben.
»Du bist echt klug, sagte er und das klang fast, als würde er es meinen.
»Ja, ja«, brummte Norman. Er streckte sich neben Heimfried aus. So nah, dass er den frischen Anisduft riechen konnte. So nah, dass er die Wärme spürte, die von ihm ausging.
Er reichte über das Laken und umschloss Heimfrieds Finger. Mist, jetzt raste sein Herz wieder. Noch mehr, als der Kleine ihm ein Lächeln schenkte und näher rückte. Sehr nah. Zwischen ihre Körper hätte kaum noch eine flache Hand gepasst.
Heimfried beugte sich vor und küsste ihn. Lange. So lange und zärtlich, dass Norman am ganzen Leib zu zittern begann und verdammt, das merkte selbst Heimfried.
»Ist alles gut?«, flüsterte er.
Die Brillengläser waren erneut beschlagen und er fummelte sich das Gestell vom Kopf und legte es auf die Fensterbank. Die Brille hatte Abdrücke auf der eleganten Nase hinterlassen. Das fiel Norman selbst im Kerzenschein auf.
»Klar ist alles gut, brummte er und fürchtete, dass sein Herz ihm den Hals hochklettern und aus dem Mund springen könnte, so brutal pochte das Ding schon wieder. »Was soll sein? W-wir machen ja nichts , das … äh.«
Sie machten nicht mal annähernd das, was er morgen in der Stadt vorhatte. Und trotzdem …
Heimfried biss sich auf die Lippen.
»Also, wenn du nervös wärst, und ich weiß, dass du es nicht bist«, sagte er hastig, als er Normans Blick sah. »Dann wäre das ja nicht schlimm. Dann könntest du mir sagen, wenn du … wenn du eine Pause wünschst.«
»Oder wenn du eine brauchst«, knurrte Norman. »Ich … Ja, würde ich bestimmt machen. Wenn ich nervös wäre.«
Heimfried nickte. Wieder biss er sich auf die prallen Lippen. Etwas in Normans Brust jaulte. Dann streckte der Kleine die Hand aus und strich ihm über die Wange. Die Fingerkuppen erzeugten eine kribblige Spur. Sie erforschten die struppigen Haare, als wären die irgendetwas Tolles. Als sie kraulend den Nacken erreichten, seufzte Norman leise. Er zuckte zusammen. Verdammt, wie peinlich war das denn? Aber Heimfried sagte nichts. Er starrte ihn an, als wäre er aus purem Gold.
»Weiter?«, flüsterte er. Norman schluckte eine Beleidigung herunter und nickte.
Er wusste nicht, wie viel Zeit verging. Es waren Minuten oder Stunden, in denen die zarten Fingerspitzen (der Kleine hatte wohl nie mit den Händen gearbeitet) über sein Gesicht streichelten, über die Arme, und langsam die Brust erkundeten. Das, was der Bademantel davon freiließ. Wo immer sie nackte Haut berührten, entzündeten sie ein neues Feuer. Schon bald hatte er das Gefühl, komplett geschmolzen zu sein. Fast, als wäre er ein Lavamonster. Eins, das sich kaum bewegen konnte.
Um nicht länger wie ein Vollidiot dazuliegen und zu beben, wurde er schließlich aktiv. Er hob die rechte Hand und zerzauste Heimfrieds Locken, die so weich wie ein Kaninchenfell waren.
»Ich schneide die morgen«, hauchte er. »Versprochen.«
Heimfried nickte freudestrahlend. Er hatte kein Problem damit, zu seufzen. Mit genießerisch geschlossenen Lidern gab er sich jeder Berührung hin, egal wie harmlos sie war. Norman fand die Stelle hinter seinen Ohren, die ihn dazu brachte, leise zu wimmern. Verdammt, war das süß. So langsam baute sich etwas in Norman auf. Noch ein bisschen länger und es würde kein Zurück mehr geben.
Sein Daumen fuhr über Heimfrieds Lippen. Raue Haut drückte sich auf seidenglatte und ein dunkles Stöhnen erklang. Verdammt, warum war die Stimme des Kleinen plötzlich so … so anders? Als hätte er einen anderen Heimfried erweckt. Einen, der … Normans Atem stockte. Einen, der die Lippen öffnete und den Daumen in den Mund herein ließ. Der ihn fest umschloss und daran saugte und … Norman keuchte. So laut, dass das Geräusch das ganze Zimmer erfüllte. Heimfrieds Lider flogen wieder auf.
»Entschuldige«, krächzte er. Hades, war dieser Tonfall heiser und … verführerisch. »Ich weiß auch nicht, was … War das falsch?«
»Nein. Nein, das war geil«, flüsterte Norman.
Mit einem Mal war es ihm egal, dass er sich hier vielleicht zum Trottel machte. Dass er sich schwach und nervös und dämlich anstellen konnte. Irgendwie war das in Ordnung. Und Heimfried störte es eh nicht.
Norman atmete tief ein und stieß die Worte aus, die ihm in der Kehle gesteckt hatten.
»Ich kann nicht mehr.«
Im warmen Kerzenschein sah er die erstaunte Miene des Kleinen. Die Lippen, die sowieso schon verführerisch glänzten, verformten sich auch noch zu einem fragenden »O«.
»Wie meinst du das?«, fragte er leise.

*** Ja, sorry, die Stelle musste ich leider zensieren. Jugendschutz geht vor. Kauft euch im Juni das eBook, wenn ihr sie lesen wollt 😉 ***

Heimfrieds Körper entspannte sich.
Norman kicherte leise. Und er kicherte sonst nie. Das war ein Schwächlingsgeräusch. Aber so, wie Heimfried da lag, die Hose in den Kniekehlen, der Unterkörper frei, selig schlummernd und im Schlaf immer noch nuckelnd … Das war verdammt komisch.
Männer, hörte er seine Mutter sagen. Wenn die gekriegt haben, was sie wollten, pennen die dir weg. Da kannst du nicht mal bis drei zählen.
»Du bist ein echter Kerl, Heimi«, flüsterte er.
Bleierne Müdigkeit drückte seinen Körper in die Matratze. Er gähnte ausgiebig. Vorsichtig zog er den Daumen aus Heimfrieds Mund, drehte den Kleinen um und schmiegte sich an ihn. Und dann entschwand auch er ins Reich der Träume.