Geblogge

Ich wollte doch noch meine Erkenntnisse aus dem Lesen von „The Bestseller Code“ weitergeben. 😉 Das hier sind ein paar Sachen, die ich spannend fand. Kopiert aus meinen Notizen und hoffentlich irgendwie verständlich:

Bestseller-Texte haben:
– Umgangssprache (»natürlichen« Sound)
– viele Fragen
– wenig Ausrufezeichen
– viele Ellipsen/Auslassungszeichen/… (»natürlicher« Flow)

Verben sind aktiv, Protagonisten sind aktiv. Erste Sätze z.B. deuten gleich Konflikt an/es wird sofort eine zweite Person miteinbezogen. Der Prota ist aktiv bzw. entschlossen.
Beispiele (frei aus dem Gedächtnis übersetzt):
»Das ist der Himmel«, dachte Mae.
»Anstrengender kleiner Hurensohn«, dachte Jack.
Belle stand nackt vor dem deckenhohen Spiegel und bereitete sich auf einen 35.000-Dollar-pro-Stunden-Fick mit dem fünfzehnjährigen Sohn eines arabischen Ölscheichs vor.

Top-Verben: brauchen, wollen, vermissen, lieben: stark, aktiv und eindeutig

Auch gut: sagen, mögen, hören, lächeln, greifen, ziehen, stoßen, beginnen, arbeiten, wissen, rennen, sterben, leben, schlafen, schießen

Nach wörtlicher Rede gut: fragen, sagen
(
„Was bist du denn für ein Trottel?“, fragte sie.)

brauchen, wollen!

»Nicht-Bestseller-Verben«: anhalten, zögern, fallenlassen, verlangen, warten, verharren, unterbrechen, wirbeln, schleudern, zögern, annehmen, nicht mögen, gähnen

Nach wörtlicher Rede eher ungut: verlangen, nachfragen, bitten, rufen/schreien, murmeln, protestieren/widersprechen, verkünden, beginnen, anmerken, murmeln

besonders schlecht: scheinen, wirken, wünschen (statt wollen/brauchen)

Das heißt natürlich nicht, dass man das nicht so machen darf. Es sind halt Wörter, die laut dem Buch überdurchschnittlich oft in Bestsellern vorkommen. Ich fand es spannend, auch wenn ich bisher nicht viel an meiner Schreibe verändert habe.  🙂

Wordcounttechnisch habe ich erneut mein Ziel nicht erreicht. Na gut. 🙁 Aber ich glaube, ich weiß jetzt, woran es liegt: Ich stelle mir immer einen Timer auf eine Stunde, in der ich nichts mache, als zu schreiben. In der Zeit schaffe ich einiges, grob geschätzt 1.400 Wörter im Durchschnitt. Aber die Pausen dazwischen sind zu lang, weil ich die nicht messe. Das sollte ich mal tun. Bringt für Freitag aber auch nicht viel, da ein wichtiger Arzttermin morgens und Besuch abends 8.000 Wörter unmöglich machen. Obwohl … Üben kann ich ja schon mal.

Auf der Plus-Seite habe ich eine Erotikszene geschrieben, mit der ich halbwegs zufrieden bin. Und das, obwohl ich mich ziemlich umstellen musste. Zwei Frauen sind doch was anderes als zwei Männer (ja, wirklich!).

Wordcount heute:  5.735 Wörter
Wordcount „Shirley“ insgesamt: 47.587 Wörter

Lieblingsstelle heute:
»Sorry«, flüsterte sie. »Zu fest?«
»Nein.« Die Haut an Gwens Lippen wurde ein paar Grad heißer. »Zu … gut.«
»He.« Ermutigt machte sie weiter.

Geblogge

Ich bin im Oktober auf der Frankfurter Buchmmesse. Am Stand von Greenlight Press werde ich Postkarten signieren. Was für Postkarten? Postkarten mit den Charakteren, die ich für „Das Erbe der Macht“ gezeichnet habe. Zum Beispiel Max und Kevin. 🙂 Ich bin schon sehr gespannt auf meine erste FBM. 🙂

Mein Wortziel habe ich SCHON WIEDER verfehlt. Gründe: Facebook (diesmal nur wenig), Rumgetrödel am Morgen und Plotten und Schreiben im Café. Mir fehlte immer noch Handlung. Aber die ist jetzt da und die holprige Mitte ist offiziell überwunden. Was bedeutet, dass ich mich damit morgen nicht mehr rausreden kann. Schlecht ist mein Wordcount aber auch nicht, also … akzeptiere ich den jetzt einfach. Und ich glaube, das Buch ist gar nicht mehr so lang, wie ich dachte. Jetzt müsste alles ziemlich rapide vorangehen. Moment, habe ich das gestern schon behauptet?

Wordcount heute:  6.032 Wörter
Wordcount „Shirley“ insgesamt: 41.949 Wörter

Lieblingsstelle heute:
»Beeilen wir uns«, schnarrte Molten. »Ich habe nachher noch einen Termin.«
»Oh, was für einen Termin denn?«, fragte Gwen.
»Einen Kindergeburtstag.« Moltens Mundwinkel hingen bis zu seinen Kniekehlen. »Ich bin im Nebenberuf Clown.«
Gwen prustete los. Sie konnte nicht anders. Zu nervös.
»Das ist nicht lustig.« Molten erdolchte sie förmlich mit seinem Blick. Gwen schluckte.
»Aber Sie sind ein Clown.«
»Das ist eine ernsthafte Profession, junge Dame. Aber ich erwarte nicht, dass Sie das verstehen.«

Geblogge

Leider habe ich mein Wortziel heute nicht erreicht. Zu viele Anrufe und Dinge, die erledigt werden mussten. Ich hätte einfach das WLAN komplett aus lassen sollen. Hoffentlich kriege ich das morgen besser hin. Heute gab es ein paar kleine Haker in der Story. Ich bin tatsächlich in der Mitte angekommen (endlich!) und die macht immer ein paar Probleme. Allerdings folgen jetzt nur noch 2,3 Kapitel, in denen ich nicht so genau weiß, was ich tun soll und dann … geht alles Schlag auf Schlag bis zum Ende.

Wordcount heute: knapp über 6000 Wörter
Wordcount „Shirley“ insgesamt: Keine Ahnung, die alte und die neue Version von Papyrus widersprechen sich.  Irgendwas zwischen 35.917 und … mehr.

Lieblingsstelle heute:
»Der bricht mir nicht das Herz«, zischte sie. »Und jetzt hört auf, euch wie Dorftrottel zu benehmen. Das ist meine Sache und … Warum regt ihr euch nicht über Josh auf? Der ist schließlich auch hinter irgendwem her.«
»Das klappt doch eh nicht.« Marc winkte ab.
»Hey!« Josh knallte seinen leeren Becher auf den Tisch.
»Shirley, du bist unsere Schwester.« Nils klang trügerisch sanft. »Wir müssen dich beschützen.«
»Einen Scheiß müsst ihr.« Sie stieß ein Knurren aus. Gut, so langsam wurde sie wütend auf die beiden Trottel. Und auf Josh auch, den Verräter. »Ihr müsst mich nicht anders behandeln als ihn! Das ist total sexistisch!«
»Wir behandeln dich nicht anders, weil du ein Mädchen bist«, sagte Nils. Er versuchte, aufrichtig zu schauen, aber das misslang. »Du bist halt zarter und … schwächer und … sensibler als …«
Marc prustete los. Dieser Depp. Josh kicherte und selbst auf Nils‘ Gesicht breitete sich ein Grinsen aus.
»Ach ja, die arme, sensible Shirley.« Marc klang, als hätte er Schluckauf. »So schüchtern und verletzlich. Ein zartes, zartes Reh …«
»Arschkopf.« Shirley packte ihren Becher und trank ihn mit einem Zug leer.

Allgemein

Für die nächsten drei Tage habe ich mir 8000 Wörter am Tag vorgenommen. Shirley muss endlich vorankommen, jetzt, wo der Großteil der anderen Aufträge abgearbeitet ist. Sobald ich schreibe, ist es auch super und läuft wie geschmiert. Heute habe ich mein Ziel jedenfalls knapp erreicht und bin zufrieden.

Übrigens habe ich am Sonntag ein sehr interessantes Buch gelesen: »The Bestseller Code«. Das hat bei Erscheinen (vor einem Jahr oder so) für sehr viel Aufmerksamkeit gesorgt. Ich bin erst jetzt dazu gekommen, es zu lesen. Kurz gesagt, geht es darum, dass zwei Leute einen Computer mit tausenden von Büchern gefüttert haben, Bestsellern und Nicht-Bestsellern. Anhand dieser Daten konnte der Rechner dann prognostizieren, wie erfolgreich ein Buch sein würde. Wenn sie ihm ein neues Buch gegeben habe, lag er in ungefähr 80% der Fälle richtig.
Sehr spannend, leider auch voll mit eher unnützem Gelabere. Allerdings amerikanischem Gelabere, das ist wenigstens unterhaltsam. Das Buch bringt einem als Autor so mittelviel, aber ein paar interessante Fakten waren auf jeden Fall dabei. Falls ich demnächst mehr Zeit habe, könnte ich mal darauf eingehen. Und, da ich gerade merke, wie negativ das alles klingt, spreche ich eine absolute Kaufempfehlung aus. Alles, was kein Gelaber ist, ist nämlich verdammt interessant und oft sogar verdammt nützlich.
Ich bin inzwischen halt ein wenig realistischer geworden, was Schreibratgeber angeht (und dieses Buch will ja gar keiner sein). Aus den meisten zieht man 1-3 Dinge, die man wirklich brauchen kann, den Rest kennt man entweder schon oder es bringt einem nichts. Die einzigen Ausnahmen waren für mich »On Writing« und »How not to write a novel« und die Website von Andreas Eschbach. Sollte er die je in Buchform rausbringen, kaufe ich das E-Book, das Taschenbuch und das Hardcover, nur, um mich zu bedanken. 🙂

Wordcount heute: 8.111 Wörter
Wordcount „Shirley“ insgesamt: 32.125 Wörter

Lieblingsstelle heute:
»Magst du mich überhaupt?« Gwen klang so verletzlich.
Was war jetzt los? Wenn … Shirley jetzt Nein sagte, dann wäre sie … Wäre sie Gwen dann für immer los? Würde Gwen dann so verletzt sein, dass sie ihr ganzes Chaos und ihre Begeisterungsfähigkeit und ihren köstlichen Duft einpacken und verschwinden würde? Also, sobald sie hier rauskamen? Aber Shirley machte den Fehler, Gwen anzusehen, und konnte nicht mehr sprechen. Von dichten Wimpern umkränzte Veilchenaugen sahen sie an. Angst schwang darin, echte Angst.
Shirley nickte. »Ich mag dich«, gab sie zu, so leise, dass sie nicht sicher war, ob Gwen sie verstand.

Geblogge

… komme ich voran. Zur Zeit habe ich noch vier andere Aufträge außer „Ein voll süßes Buch schreiben“, daher geht es weiter langsam vorwärts. Aber ich habe noch die ganze nächste Woche, um fertig zu werden. Wobei … auch nicht ganz.
Ich habe mehr oder weniger eingesehen, dass ich zur Zeit keine ganzen Schreibtage habe und schreibe zwischendurch, wenn es gerade passt.  Und dabei kommt auch etwas zusammen. 🙂 Die Story macht jedenfalls Spaß. Ich habe das Gefühl, dass ich etwas ins Labern verfalle, weil mir die Dialoge zwischen den beiden Protas so viel Spaß machen. Manchmal ist es fast, wie einem Film zuzuschauen, nur, dass ich tippen muss, damit er weiter läuft. Recht entspanntes Schreiben also. 🙂

Wordcount heute: 2.336 Wörter
Wordcount „Shirley“ insgesamt: 18.616 Wörter

Lieblingsstelle heute:
Entschlossen schlüpfte sie aus den Schuhen und zog alles herunter, was ihr im Weg sein würde. Sie drückte Shirley ihre cremefarbene Strumpfhose in die linke Hand und den gepunkteten Slip in die rechte.
»Halt das«, sagte sie. »Und wenn ich abrutsche und sterbe, musst du lügen. Sag, ich hätte irgendetwas anderes gemacht.«

Geblogge

In Köln habe ich erwartungsgemäß nicht viel geschrieben. Wenn ich geschrieben habe, war es dafür sehr bequem, denn ich hatte ein wärmendes Neffen-Baby auf dem Bauch. 🙂 Dann kam die Veröffentlichung und nun … sollte endlich, endlich genug Ruhe einkehren. Heute habe ich mit einem Kollegen im Café geschrieben und mich neu in die Geschichte verliebt. Ein wenig Abstand tut manchmal ganz gut. Ich freue mich total auf die Szenen morgen, weil es dann endlich romantisch wird. 🙂

Wordcount heute: 2.756 Wörter
Wordcount „Shirley“ insgesamt: 16.199 Wörter

Lieblingsstelle heute:
»Oh, richtig.« Dom räusperte sich. »Klar, das kann einen schon … Hat deine Mutter eigentlich mal was gesagt? Wer euer Vater war, meine ich?«
»Sie sagt, es wäre besser, wenn wir es nicht wüssten. Und wenn sie das schon meint, hab ich kein Interesse daran, die Wahrheit herauszufinden.«
»Und Josh?«, fragte Dom.
»Der würde es schon gern wissen. Aber sie hält dicht.«
»Hm. Wenn ich von dir ausgehe, ist es ein ältlicher Professor, der am liebsten die Prügelstrafe wieder einführen würde.«
»Haha.«
»Und wenn ich nach deinem Bruder gehe, ist es ein wahnsinniger Künstler, der nebenbei Bomben bastelt.«
Sie versuchte, ihm vor das Schienbein zu treten, aber er wich aus. »Was laberst du da über meinen Bruder, du Snob?«
»Hey, als ich das erste Mal bei euch zu Hause war, hat er gerade einen Vulkan gebaut. Mit kiloweise Schwarzpulver.«
»Höchstens einem halben.«
»Das Ding war so hoch wie eure Decke.«
»Stand ja auch auf dem Küchentisch.«
»Warum hat er das überhaupt gebaut? War das ein Schulprojekt?«
»Nein, das macht er aus Spaß.«

Neuerscheinung

Früher als geplant habe ich Marc und Flo auf die Welt losgelassen. 🙂 Amazon war diesmal so schnell, dass das E-Book schon eine Stunde später da war. Diesmal funktioniert alles, sogar der Blick ins Buch ist schon da. Ich bin begeistert! 🙂 Und das ist der Klappentext:

Rückkehr nach Ebernau
Marc Winter kommt mit so ziemlich allem klar. Weder seine nervige Familie noch sein peinlicher Nebenjob können ihm den Tag versauen. Denn Marc hat ein Ziel: Er will Profi-Snowboarder werden, und zwar so schnell wie möglich. Am besten sofort, aber mindestens, sobald er den Ebernau-Cup gewonnen hat!
Der Einzige, der ihm den Sieg streitig machen könnte, ist Flo, das reiche Muttersöhnchen, das seit ihrer ersten Begegnung seinen Spott abbekommt. Blöd nur, dass Marc plötzlich unerwartete Gefühle für Flo entwickelt. Noch blöder, dass Flo schon vergeben ist. Und am Allerblödesten, dass Marc beginnt, seine Karriere zu vernachlässigen, weil ihn Flo ablenkt.
Selbst Marc Winter weiß bald nicht mehr, was er tun soll. Und wie sieht es überhaupt mit Flos Gefühlen aus?

Enthält Hamster. Nein, wirklich. Außerdem dümmliche Spitznamen, alte Feindschaften und Homoerotik.

 

Und hier sind die ersten Kapitel:

1. Prolog

»Was willst du denn hier?«, war das Erste, was Marc Winter je zu ihm sagte. Flo wusste nicht, was er darauf antworten sollte.
»Ich, also …«, begann er und hatte keine Ahnung, wie er weitermachen sollte. »Kennen wir uns?«
Hellgrüne Augen durchbohrten ihn. Selbst mit dreizehn sah dieser blonde Typ schon so arrogant aus wie ein uralter englischer Lord. Alle normalen Dreizehnjährigen waren wie Flo: unsicher, ungelenk und verpickelt. Na ja, vielleicht nicht ganz so unsicher wie Flo. Er war, wie stets, ein besonders erbärmliches Exemplar der Spezies »Junge«.
»Ich weiß, wer du bist«, sagte der Blonde und schnaubte verächtlich. »Du Schwächling. Du bist ihr Sohn.«
»I-ihr …« Flo verstummte. Jeder in Ebernau wusste, wer seine Mutter war, aber normalerweise bekam er deshalb keinen Ärger. Eher Bewunderung. Seine Mutter war das Mädel aus dem Fleischhauerviertel, das den reichsten Mann der Gegend geheiratet hatte. Die härteste Arbeiterin von ganz Ebernau. Marie, die inzwischen zwölf Chalets und ein Restaurant besaß.
Flo machte einen Schritt zurück. Der Blonde folgte ihm. Flos Kniekehlen stießen gegen eine der Holzbänke, in die Generationen von Skischülern ihre Initialen gekerbt hatten. Diese Hütte hatte mehr Kerben als glatte Stellen. Die rot-gelben Banner des Wintersportvereins verdeckten die schlimmsten Macken, aber es war offensichtlich, dass die Wände so alt und verbraucht waren wie die kalte Luft. Die elf Jungs und Mädchen, die sich hier versammelten, wirkten in der Umgebung wie blankpoliert. Ihre neuen Snowboard-Anzüge leuchteten vor den dunklen Wänden.
Nur der komische Junge, der Flo anfeindete, trug eine grüne Jacke, der die Hälfte der Knöpfe fehlte. Ihr Kragen war speckig und auf dem linken Ärmel prangte ein verwaschener Fleck. Der Kerl hätte schäbig ausgesehen, wenn sein hübsches Gesicht nicht gewesen wäre. Flo war sich noch nicht zu hundert Prozent sicher, dass er auf Jungs stand. Aber er musste jetzt schon zugeben, dass dieser Idiot ein gutaussehender Idiot war. Und ein Arschloch, offensichtlich.
»Gibst du zu, dass du ihr Sohn bist?«, fragte das Arschloch herausfordernd.
Flo ballte die Fäuste. Sie zitterten. Ja, er war schüchtern. So schüchtern und scheu, dass er sich kaum traute, mit Fremden zu sprechen. Doch selbst seine Geduld hatte Grenzen. Beleidigte dieser Trottel seine Mutter?
»Hast du ein Pro-problem mit meiner Mutter?«, fragte er den Blonden. Der schnaubte schon wieder. Ein fieses Lächeln huschte über seine Mundwinkel.
»Stotterst du auch noch?« Er verdrehte die Augen. »Nur dass du’s weißt: Deine Mutter hat meiner Mutter vor siebzehn Jahren die Skiköniginnenkrone geklaut. Sie wär’s garantiert geworden, wenn deine Alte nicht mit dem Richter angebandelt hätte.«
»Was? Das, äh, höre ich zum ersten Mal.« Flo straffte sich. »Und selbst wenn, was ist das für ein blöder Grund? Das ist ewig her. Vor siebzehn Jahren waren wir beide noch nicht geboren.«
»Waren wir beide noch nicht geboren«, höhnte der Arschlochidiot. »Das ist egal. Meine Familie vergisst nie, merk dir das.«
»Deine Familie?« Flo starrte ihn an. »S-seid ihr berühmt oder so? Wieso hab ich dich dann noch nie gesehen?«
Er hörte ein leises Kichern aus der Gruppe. Er sah, dass die Ohren des Blonden einen leichten Rotton annahmen. Die hellgrünen Augen verengten sich zu Schlitzen. Hätte Flo weiter zurückweichen können, hätte er es getan. Fast rechnete er mit einem Schlag. Bebend beobachtete er die Fäuste seines Gegners, die in schäbigen Handschuhen steckten.
Aber der Idiot wirbelte herum.
»Wer hat gelacht?«, rief er. Niemand antwortete. Alle starrten ihn an.
Was für ein Psychopath, dachte Flo.
Er zuckte zusammen, als der Trottel sich ihm wieder zuwandte. Er deutete auf Flos 450-Euro-Skijacke, als könnte sein Zeigefinger Laserstrahlen darauf abschießen.
»Dich mach ich fertig«, knurrte der Blonde.
»Was?« Flo sah sich panisch nach ihrem Trainer um. Aber der stand noch vor der Hütte und besprach die letzten Kleinigkeiten mit seinem Praktikanten. Flo begann zu bereuen, dass er sich für diesen Workshop angemeldet hatte.
»Mann, guck nicht so blöd.« Der Idiot verzog das Gesicht. »Ich hau dich doch nicht. Meinst du, ich hab’s nötig, Schwächlinge zu verprügeln? Ne, da draußen mach ich dich fertig. Auf dem Board. Deine teure Ausrüstung wird dir ’nen Scheiß bringen.«
Wut brodelte in Flo hoch.
»Was ist dein Problem? Ich hab dir nichts getan. Ich … ich kenne dich doch gar nicht.«
»Wirst du aber. Mich kennenlernen, meine ich.« Der blonde Trottel grinste breit. Spitze Eckzähne funkelten. »Auf der Piste bin ich der King. Wirst schon sehen.«
»Werd ich nicht«, sagte Flo, weil ihm nichts Besseres einfiel. Dann hatte er einen Geistesblitz, endlich. »Weil … ich dich so weit hinter mir zurücklasse, dass ich dich gar nicht sehen kann.«
»Ach ja?« Das Grinsen wurde breiter. »Das finden wir gleich raus.«
»Ja. Finden wir.«
Und jetzt? Flo war keinen Streit gewohnt. Er war schließlich ein Einzelkind, verdammt! Glücklicherweise schien es das gewesen zu sein. Der Blonde drehte sich um, stapfte auf die entgegengesetzte Seite des Raums und ließ sich zwischen zwei anderen Jungs auf eine der Holzbänke fallen. Die klatschten ihn ab, als hätte er gerade irgendetwas gewonnen.
»Idiotisch«, murmelte Flo. Er kannte sich so gar nicht. Sonst war er viel zu unsicher, um sich zu zanken. Was hatte dieser Proll an sich, das ihn so wütend machte?
»Es liegt nicht an dir«, sagte ein dunkelhaariges Mädel neben ihm. Allerdings so leise, dass der Blonde sie nicht hören konnte. »Der ist immer so. Ein Volltrottel.«
»W-wer ist das überhaupt?«, fragte Flo.
»Marc Winter.«
Oh. Ja, von Familie Winter hatte er gehört. Das ließ sich in einer Kleinstadt mit Dorfcharakter nicht vermeiden, selbst, wenn man die Privatschule am anderen Ende der Stadt besuchte. Marc musste in einem der ärmeren Viertel zur Schule gehen, an einem Ort, an dem einem offensichtlich keine Manieren beigebracht wurden.
Flo schwor sich, Marc Winter Schnee fressen zu lassen, wenn er an ihm vorbeizog. Er würde ihn schlagen, ganz fair. Da draußen. Der Kerl würde nicht wissen, was ihn erwischt hatte.
Leider kam es anders. Marc Winter, der arrogante Angeber in den ärmlichen Klamotten, war der beste Snowboarder, den Flo je erlebt hatte. Es dauerte Jahre, bis er ihn einholte. Und noch länger, bis sie zum ersten Mal ein freundliches Wort miteinander wechselten.

Fünf Jahre später

2. Ein Scheißjob

»Ich würde mich so gern wieder verlieben«, seufzte seine Mutter und stützte den Kopf in die Hände.
Sie lehnte an dem mit Brotkrumen übersäten Tisch wie eine jungfräuliche Prinzessin, die gleich ein Lied über die wahre Liebe anstimmen würde, zusammen mit einem Chor aus Vögeln, Mäusen und Kaninchen. Nun, Mäuse hatten sie hier tatsächlich ab und zu. Abgesehen von denen würde sie mit Lebensmittelmotten vorliebnehmen müssen.
Gerade waren die einzigen Geräusche allerdings das Knarzen des alten Hauses und das Klappern des Geschirrs. Der Geruch von Kaffee und frischem Brot lag noch in der heizungswarmen Luft.
»Richtig verlieben, wisst ihr?«
Marc und Josh sahen sie ungläubig an. Shirley fuhr damit fort, den Tisch abzuräumen, während sie ein Buch auf dem Unterarm balancierte, in das sie vollkommen vertieft war.
»Warum?«, fragte Josh, der Spätzünder. Marc bezweifelte, dass der mit fünfzehn schon herausgefunden hatte, was Mädchen waren. »Du warst doch schon verliebt.«
»Einmal ist nicht genug«, sagte ihre Mutter und seufzte erneut. Noch prinzessinnenhafter. »Selbst zweimal nicht.«
»Wie oft denn dann?«, fragte Marc misstrauisch. »Ne, warum lässt du es nicht einfach? Nachher kriegst du dann noch so eine nervige Blage, um die ich mich kümmern muss.«
»Du kümmerst dich überhaupt nicht!«, motzte Josh. Sein sommersprossiges Gesicht drückte Unmut aus. »Die Wohnung ist ein Saustall und kochen kannst du auch nicht. Seit Nils in Köln ist, geht hier alles den Bach runter.«
»Koch du halt«, sagte Marc. »Wenn du so darauf stehst.«
»Bitte nicht«, riefen seine Mutter und Shirley im Chor.
»Ich koche super«, behauptete Josh. Marc schnaubte.
»Stimmt, die Honigzwiebeln in Marmeladensauce gestern waren scheiß-delikat.« Er würgte.
»Ich versuch’s wenigstens!«, rief Josh. Er warf die Hände in die Luft. »Und ich erledige meine Aufgaben. Du schwänzt den Putztag dauernd für dein blödes Training!«
»Hey, ich bin so knapp davor, Profi zu werden.« Marc hielt Daumen und Zeigefinger Millimeter voneinander entfernt. »Ich hab keine Zeit für …«
»Ich sagte, ich würde mich gern wieder verlieben«, drängte seine Mutter sich dazwischen. Sie räusperte sich vernehmlich. »Immer nur zuhause hocken und mich um euch zu kümmern, das ist nichts für mich. Ich bin eine leidenschaftliche Frau.«
Josh sah sie entsetzt an.
»Romantische Liebe endet stets im Desaster«, behauptete Shirley, die davon noch weniger verstand als Josh. Niemand außer Marc verstand etwas davon. Er war bestimmt der Einzige im Raum, der in diesem Jahr schon jemanden flachgelegt hatte. Hoffentlich. Er hatte keine Ahnung, was seine Mutter so mit ihren erwachsenen Skischülern trieb.
»Ach, davon verstehst du nichts, Shirley«, sagte Jennifer Winter und verdrehte die Augen. »Ich meine, natürlich stimmt das, aber … lass deiner alten Mutter doch die Hoffnung auf etwas Romantik. Auf etwas Abwechslung.«
»Du bist nicht alt«, sagten die Zwillinge pflichtschuldig. Marc schwieg. Seine Mutter war vierzig, das war schließlich uralt!
»Und wozu soll dieses Verlieben gut sein?«, fragte Marc.
Sie schnaubte leise. »Das verstehst du nicht, Kleiner. Dafür bist du viel zu egozentrisch. Sich zu verlieben, das … Also dieser Moment, wo es passiert, der Moment, in dem man seinem Traummann in die Augen sieht, das ist …« Sie überlegte. »Das ist, als würde eine Konfettibombe in einem explodieren. Boom!« Sie warf die Arme in die Luft.
»Boom!«, rief Josh, der immer für Explosionen zu haben war.
»Konfettibomben gibt’s nicht«, murrte Marc.
Seine Familie war so bescheuert. Er schüttelte den Kopf und marschierte aus der Küche. Im Bad hatte er endlich Ruhe. Unter der funzligen Deckenlampe stylte er sich die Haare, bis er noch besser aussah als sonst. Als Einziger seiner Geschwister hatte er Mamas gutes Aussehen geerbt. Nils war ein Schrank, Josh ein Bubi und Shirley hätte selbst ohne Brille wie ein Bücherwurm ausgesehen. Aber Marc war der schönste Mann von Ebernau. Mindestens.
Und er wurde immer schöner. Mit achtzehn hatte er auch den letzten Rest Babyspeck verloren und seine Wangenknochen traten klar hervor. Zufrieden betrachtete er die harte Linie des Kiefers und seine breiten Schultern. Er grinste sich in dem halbblinden Spiegel an, bis er rüde von Shirley unterbrochen wurde, die an die Tür hämmerte.
»Geh endlich zu deinem blöden Job! Ich muss aufs Klo!«
Marc ließ sich extra lange Zeit dabei, die Tür zu öffnen, und dachte sehnsüchtig an den Tag, an dem er eine eigene Wohnung haben würde. Bald. Nach dem Ebernau-Cup in zwei Wochen war alles möglich. Wenn er den gewann, waren all seine Träume in Reichweite.
»Na endlich!« Shirley schubste ihn grob zur Seite. Erstaunlich kräftig für so ein mageres Vögelchen.
»Nerv nicht, Streberschlange«, motzte er.
»Bist ja nur neidisch, Hohlkopf.« Die Tür fiel krachend ins Schloss. Der Schlüssel drehte sich quietschend.
»Auf dich?« Marc lachte höhnisch. »Ich bin bald der beste Snowboarder der Welt und du kannst froh sein, wenn ich dann noch mit dir rede!«
»Infantil bist du!«, rief sie, was immer das heißen sollte.
Marc schüttelte den Kopf und ging zurück in die Küche. Sie sah wirklich saumäßig aus. Die Wandbords, Kerzenständer und Tonfiguren waren von einer dicken Staubschicht bedeckt und die Mülleimer quollen über. Er spürte Steinchen und Brotkrumen unter den Fußsohlen. Aber wann sollten sie auch putzen? Sie alle hatten Jobs, die Zwillinge zusätzlich Schule und Marc steckte mitten im härtesten Training seines Lebens. Und im absolut dämlichsten Job, den er je gehabt hatte. Wenn der nicht erstaunlich gut bezahlt gewesen wäre, hätte er sich nie dazu herabgelassen.
»Ich hau ab«, verkündete er und winkte Josh und seiner Mutter zu, die gerade den Tisch putzten.
»Was?« Josh fuhr hoch. »Hilf gefälligst mit! Du bist mit Spülen dran!«
»Keine Zeit. Mach ich heute Abend.«
»Machst du nicht!« Joshs Gesicht war rot vor Wut. »Machst du nie!«
»Wenn du so sicher bist, kannst du dich ja drum kümmern.« Marc zuckte mit den Achseln.
»Marc Anselm Winter!« Seine Mutter stützte die Hände in die Hüften. »Du spülst, oder es gibt Ärger!«
Marc knurrte leise. »Aber der Meirle feuert mich, wenn ich zu spät komme. Willst du, dass ich meinen Job verliere?«
Ihre Miene war eine wütende Fratze unter dem roten Schopf. So würde sich bestimmt niemand in sie verlieben.
»Dann halt heute Abend«, blaffte sie. »Aber dann wirklich!«
»Ja, klar.« Marc schlenderte in den Flur und zog sich die Schuhe an.
»Marc!«
»Ja, verdammt! Dann mach ich das halt!« Würde er nicht. Heute Abend war eine Party auf dem Hang und er würde direkt nach dem Training dort hingehen. Auch wenn er nicht lange bleiben und kaum etwas trinken konnte. Training war Training und seine Karriere ging vor.
Schwungvoll warf er die Tür hinter sich zu. Nicht nur, weil er genervt war, sondern auch, weil das blöde Teil sonst nicht im Schloss blieb. Ihr Haus wurde mit jedem Jahr baufälliger. Er sah zurück auf das windschiefe, zweistöckige Gebäude. Sein Zuhause, seit er denken konnte. Und doch hätte er alles dafür gegeben, auszuziehen. Irgendwohin, wo man abends ein Mädel mitnehmen konnte. Ein schickes Apartment vielleicht. Ein Loft, ein Chalet. Weiter oben am Hang wimmelte es von den Dingern. Aber die gehörten den reichen Touristen und den paar Ebernauern, die genug Kohle dafür hatten. Flos Mutter zum Beispiel.
Marc schwang sich auf sein Fahrrad und sauste los. Der eisige Wind schlug ihm ins Gesicht. Es prickelte wie Nadelstiche. Ekelhaft. Warum zur Hölle musste er sich dazu herablassen, diesen idiotischen Job zu machen? Flo arbeitete nicht. Der hatte, genau wie er, im Sommer sein Abi gemacht. Aber soweit Marc das aus der Ferne beurteilen konnte, tat er nichts. Na, außer snowboarden. Sonst wäre er nicht so gefährlich nah an Marc herangekommen.
Wie kam das überhaupt? Seit einem Jahr waren sie plötzlich ernsthafte Konkurrenten. Wie hatte Flo soviel besser werden können, obwohl Marc ihn sonst immer besiegt hatte? Er hatte sogar den Tetramin Plus-Cup gewonnen und Marc war nur Zweiter geworden.
Leise brummelte er in seinen Schal hinein. Wut stieg in ihm auf, als er daran dachte. Heiße Wut. Dieser reiche Nichtsnutz! Alles, was der besaß, hatten seine Eltern bezahlt. Die Klamotten, die Snowboards, die Privatschule … Alles. Der musste nie durch die Kälte radeln, kaum, dass die Sonne aufgegangen war, um einen total erniedrigenden Job zu machen. Nur, damit seine Familie durch den Winter kam, ohne, dass ihnen die Heizung abgedreht wurde.
Marc kreuzte die Hauptstraße, wich zwei Porsches aus, die empört hupten und riss das Lenkrad hoch, um auf dem Bürgersteig weiterzufahren. War eh kaum einer unterwegs um die Zeit. Schwächliche Morgensonnenstrahlen brachten die vereisten Straßenlaternen zum Glitzern. Bunte Banner flatterten über ihm.
»Ebernau-Cup« stand darauf geschrieben. So ein Glück, dass der erste wichtige Wettbewerb in diesem Jahr in seiner Heimat stattfand. Nur die Qualifikation würde in Greilbergen sein, warum auch immer. Egal. Bald. Bald würde er ein Profi sein. Sein Trainer meinte, wenn er hier gewann, würden die großen Sponsoren nicht auf sich warten lassen.
Er wich drei Mülleimern aus und raste um die Ecke. Fast wäre er gegen einen gigantischen Blumenkübel gestoßen, der um diese Jahreszeit nur mit Plastiklilien gefüllt war. »Skibekleidung Hohenheim« stand in goldenen Buchstaben darauf. Er war im Touristengebiet angekommen. Abgase und teures Parfüm verpesteten die Luft. Edle Sonnenbrillen funkelten auf den Nasen der Frühaufsteher, die jetzt schon zum Lift schlenderten. Er fuhr ein wenig vorsichtiger. Jeder, den er hier umnietete, würde ihn verklagen. Hundertprozentig.
Über ihm erhob sich die schneebedeckte Bergkette. Winzige Punkte rasten herunter: Skifahrer und Snowboarder. Der gigantische Skilift sah von hier aus wie ein Spielzeug. Später würde er auch da hoch fahren. Sein Herz schlug schneller, sobald er daran dachte. Wenn er nur jetzt schon … Aber er hatte etwas zu erledigen.
Schwungvoll bog er in die Gasse neben dem Rathaus ein. Er pfefferte sein Rad in den Fahrradständer, schloss es ab, obwohl niemand das Schrottding klauen würde, und öffnete die messingverzierte Tür des Nebeneingangs. Zwei Stufen auf einmal nehmend, rannte er die rot ausgelegte Treppe hoch. Er roch altes Holz, staubigen Teppich und frischgedruckte Plakate.
»Du bist zu spät!«, begrüßte Bianca ihn, als er durch die Tür kam. Aber sie lächelte. Natürlich. Frauen lächelten immer, wenn sie ihn sahen. »Der Meirle wird ganz schön sauer auf dich sein.«
»Wegen fünf Minuten?«, fragte er und marschierte zum Spind der Schande. »Wenn ich meinen Charme spielen lasse, kann ich demnächst ’ne Viertelstunde zu spät kommen.«
»Probier’s mal.« Sie lachte glockenhell. Mary fiel ein.
Sie waren zu dritt in dem fensterlosen Raum, der mit »Ebernau-Cup«-Wimpeln, Postern und Fähnchen vollgestopft war. Die beiden würden heute die letzten Plakate anbringen. Ein Job, den Marc auch gemacht hätte, wenn er nicht einen besser bezahlten gehabt hätte.
Er spürte ihre Blicke, als er sich die Klamotten vom Leib riss. Als er nur noch im Slip dastand, drehte er sich zu ihnen um. Lächelnd spannte er den Bizeps an.
»Das gefällt euch, was?« Er grinste.
Mary lief rot an, aber Bianca nickte kichernd. Die beiden waren nur ein Jahr älter als er, oder? Würden sie heute Abend auf der Party sein? Vielleicht hatte eine von denen eine eigene Bude. Einen Ort, den er nicht mit Josh teilen musste. Seine letzte Freundin hatte ihn immer in ihr Zimmer schmuggeln müssen und das war mehr als einmal schiefgelaufen.
Marc atmete tief ein und öffnete den Spind. Sofort sank seine Laune ins Bodenlose.
»Na dann«, knurrte er leise. Er vernahm schon wieder Kichern und diesmal nervte es gewaltig.
»Viel Erfolg, Hamsterbäckchen«, sagte Bianca.

Zehn Minuten später hätte er die ganze Welt erwürgen können. Schwitzend stand er in der Fußgängerzone, und versuchte, reichen Touristen Flyer anzudrehen. Flyer, die den Ebernau-Cup ankündigten. Der Cup, der ihn zum Star machen würde. Warum zur Hölle musste er dafür Flyer verteilen? Und warum musste er dieses idiotische Kostüm tragen, wenn er über ein ausgesprochen attraktives Gesicht verfügte, das bestimmt viel mehr Touris angelockt hätte? Na, zumindest Touristinnen.
»Schau mal, Annabelle«, sagte eine blondgesträhnte, braungebrannte Dame zu ihrer rosagekleideten Tochter. »Ein Biber.«
»Hamster«, brummte Marc durch das winzige Loch im Hals des Kostüms.
»Hässlicher Hamster«, sagte Annabelle und beäugte ihn misstrauisch. »Dicker Hamster.«
Selber dick, du Zwergmoppel, wollte Marc sagen. Aber er brauchte den Job. Also hielt er den beiden einen knallbunten Flyer hin. Die Frau schüttelte den Kopf, als wäre der dumme Zettel ein unanständiges Angebot und zog Annabelle weiter.
Marc schwankte weiter. In dem Kostüm bewegte er sich so schwerfällig, als wäre er morbid übergewichtig. Immer wieder drückte er Leuten Flyer in die Hand, nur, um zu sehen, wie sie sie wenige Meter weiter achtlos fallen ließen. Das Kopfsteinpflaster um ihn herum war übersät mit den Dingern.
»Ah!« Ein graumelierter Mann schrak zusammen, als Marcs pelzig-dicker Hamsterarm plötzlich in seinem Blickfeld auftauchte. »Was … Oh.«
Der Typ lachte beschämt und nahm ihm den Flyer aus der Hand. Das war das einzig Lustige an dem Job. Wenn sich jemand vor dem Horrorhamster erschreckte. Die Designer, die das mistige Maskottchen entworfen hatten, hätten die Prügelstrafe verdient gehabt. Stattdessen hatten sie einen fünfstelligen Betrag kassiert, wenn man seinem Chef glauben durfte. Super.
Marc sah seine Spiegelung im Schaufenster der Parfümerie gegenüber und unterdrückte ein Stöhnen. Ein Scheusal sah ihm entgegen: ein kugelförmiges, flauschiges Vieh mit irren Augen, einem wahnsinnigen, einzahnigen Grinsen, einem »Ebernau-Cup«-Shirt und selbstverständlich ohne Hosen. Sein Bruder Josh hatte alle Hamster-Poster, die in ihrem Viertel aushingen, mit Penissen verziert. Immerhin einmal hatte er Marc so zum Lachen gebracht.
So ein Scheiß.
»He! Hamster!«, rief eine bebrillte Frau, die ihn an seine Grundschullehrerin erinnerte. Sie winkte ihn zu ihren Freundinnen hinüber, die ihr glichen wie ein Ei dem anderen. Kurze, praktische Frisuren, Jack Wolfskin-Jacken und »fesche« bunte Riesenohrringe. Marc hätte sich am liebsten geweigert. Ging aber nicht. Er trottete zu ihnen und fand sich sofort in einer Umarmung wieder, die ihn fast zu Fall gebracht hätte.
»Los, mach ein Foto, Mechthild!«, rief die Bebrillte. Kreischen und Kichern gellten in Marcs Ohren. Zwei Frauen umarmten ihn, während die andere ein Foto machte, obwohl sie sich vor Gackern kaum halten konnte.
»Mensch, ist der aber behaart«, kreischte Mechthild und die anderen beiden knickten ein vor Lachen. Endlich ließen sie ihn los, um sich das dämliche Foto anzusehen.
»Bitte, gern geschehen«, murmelte Marc und wandte sich ab. Wie lange noch? Ach ja: dreieinhalb Stunden. Von vier. Die Zeit schlich, wenn man als Icy Joe, der lustige Snowboard-Hamster, verkleidet war.
»Netter Arsch, Hamster!«, brüllte ihm eine der Frauen hinterher. Lautes Kichern ertönte.
»Das Kompliment kann ich nicht zurückgeben«, rief er und sie waren endlich still. Hoffentlich beschwerten sie sich nicht bei Herrn Meirle.
Warum musste er diesen erniedrigenden Job machen? Warum er und nicht … Flo zum Beispiel? Der hätte sich bestimmt gefreut, wenn er sich in dem viel zu heißen Kostüm hätte verstecken können. Flo wirkte immer, als wollte er sich verstecken. Vor was auch immer. Der hatte doch alles, was er brauchte, warum schaute der trotzdem immer, als würde er gleich in Tränen ausbrechen? Na, außer, wenn er mit Marc stritt. Allerdings … Seit einem Jahr hatte Flo sich verändert. Ein wenig. Er ging aufrechter und gewann Rennen. Leider. Ob das an diesem Paul lag? Mit dem hatte Marc ihn damals gesehen. Ob …
Marc schreckte hoch. Oh! Als hätten seine Gedanken ihn herbeigerufen, schritt Flo über das Kopfsteinpflaster auf ihn zu. Wie immer hatte er den Kopf bis zur Nase in dem Schal vergraben, den er über seinem grauen Kaschmirmantel trug. Seine Wangen waren gerötet und er sah die anderen Passanten an, als befürchtete er, dass sie sich ihm böswillig in den Weg werfen würden. Aber seine Schritte waren zielstrebig. Ja, der hatte sich verändert. Die schwarzen Haare flatterten hinter ihm her, so schnell marschierte er. Dabei war die wellige Milchbubifrisur, die er trug, eigentlich zu kurz zum Flattern. Über der Schulter trug er einen dunkelblauen Rucksack.
Das war ja klar. Während Marc in seinem miesen Nebenjob litt, fuhr der feine Herr Flo in den Urlaub. Dabei war die Quali in ein paar Tagen! Ärger brodelte in Marc hoch.
»Hast du’s eilig, Muttersöhnchen?«, rief er.
Flo stolperte und konnte sich gerade noch fangen. Knapp vor Marc blieb er stehen und riss die Augen auf.
»Marc?«, fragte er ungläubig. »Warum bist du ein Hamster?«

Geblogge

Heute habe ich exakt null Wörter geschrieben. Ich sagte ja, dass ich ein paar Nebenprojekte habe. Und ich habe heute versucht, die so weit wie möglich zu bringen, bevor ich morgen nach Köln fahre. Eins ist das Nachfolgebild zu diesem hübschen Werk hier:
Das habe ich für meinen Autorenkollegen Andreas Suchanek gemalt. Es zeigt Jen und Alex aus seiner Serie „Das Erbe der Macht“, die anscheinend eine etwas turbulente Beziehung haben. Mag ich. 🙂 Er verlost auf seiner facebook-Seite gerade ein von ihm und mir signiertes Exemplar. Wer mitmachen will, hat noch Sonntag die Möglichkeit. Einfach hier klicken.

Wordcount heute: 0 Wörter
Wordcount insgesamt: 3.950 Wörter

Geblogge

Okay, das Schreiben wird in den nächsten Tagen ein wenig leiden. Nicht nur habe ich drei verschiedene Nebenprojekte (Illu und Design), ich bin auch gestern zum zweiten Mal Tante geworden. 🙂 Nächste Woche helfe ich erstmal beim Wickeln und Erstgeborenen-Bespaßen, dann sehe ich weiter. Wie sehr man da zum Schreiben kommt, wird sich zeigen. Eine gute Übung für die Zukunft ist es allemal. Und ein paar Wörter habe ich heute trotz Zeichnen und Flyerbasteln und Messeplanen geschafft.

Ach ja, die Messe! Die Uferlosen werden einen Stand auf der Queer Book Fair im Rahmen der BuchBerlin haben. Und ich bin natürlich dabei! 🙂 Ich freu mich schon so aufs Leser kennnlernen und Flyer verteilen und Kram verschenken und Bücher verkaufen und, und, und … Hach, das wird super! Ooooh, und wenn die BuchBerlin ist, ist Shirley schon veröffentlicht und Josh fast fertig. Laut meiner Planung zumindest. 🙂 Gerade ist Shirley noch ganz, ganz am Anfang. Aber ich mag den Anfang. Sehr.

Wordcount heute: 2.813 Wörter
Wordcount insgesamt: 3.950 Wörter

Lieblingsstelle heute:
»Wurde wirklich alles gut für Magellan?«, bohrte Wuller weiter. Gwen überlegte fieberhaft. Nachdenklichkeit stand ihr gut, so wie eigentlich alles. Leise Panik huschte über ihr Engelsgesicht.
»Nein, also, er …« Sie sah in die Klasse, auf der Suche nach Rettung. Es gab keine. »Natürlich war er nicht immer glücklich. Er, äh, also seine Ehe ist in die Brüche gegangen, weil er immer so viel unterwegs war?« Sie sah Wuller fragend an.
Der verdrehte die Augen. »Nein.«
»Er war immer sehr traurig, weil er eine Glatze hatte? Ich meine, der Hut kaschiert das ganz gut, aber …«
»Nein.«
»Die anderen Matrosen haben ihn geärgert, weil er Ferdinand hieß? Ich weiß auch nicht, was seine Eltern sich dabei gedacht haben …« Ihre Stimme verklang.
»Nein.« Wuller seufzte. »Kann jemand Frau von Rieke-Rothaus erklären, warum Magellans Weltumseglung kein Happy End hatte?«

Geblogge

Heute habe ich mit einem Tag Verspätung das neue Buch angefangen. Eine Lesbenromanze, weil ich mal wieder was anderes schreiben wollte. Hoffentlich beschwert sich niemand. Ich bin es heute ziemlich gemütlich angegangen.
Irgendwie bin ich so entspannt in letzter Zeit. Zu entspannt? Na, das Buch wird schon fertig werden, so wie alle anderen auch. Mir ist mal wieder klar geworden, wie toll der Job „Autor“ eigentlich ist. Und dann habe ich nur Sachen, die ich absolut liebe, in den Plot gepackt, egal, wie oft die schon in meinen Büchern vorkommen und egal, wie unrealistisch und kitschig die sind. Im Grunde schreibe ich doch nur für mich, bzw. so, dass all meine Bücher meien Lieblingsbücher werden können. Und Shirleys Geschichte lässt sich schon mal ganz gut an. 🙂 Inzwischen denke ich eh, dass das das Geheimnis einer langen Autorenkarriere ist: das schreiben, was man wirklich schreiben will. Das, woran man Spaß hat, egal, was die kritischen Stimmen im Hinterkopf flüstern. Einfach alles in die Story packen, was man möchte, als würde man einen Triple-Schoko-Erdnussbutter-Sahne-Kuchen mit Zuckerglasur backen.

„Diagnose: Depp“ ist übrigens fast vollständig erschienen. Heute kam Teil 3 raus, morgen dann der letzte, Teil 4. Die Rezis sind spärlich, aber durchweg positiv und ich bin zufrieden. Schon das nächste, zu 95% fertige Buch in der Hinterhand zu haben, beruhigt auch ungemein und lässt mich „Shirley“ entspannt angehen. Eigentlich habe ich erst einen Mini-Prolog, den ich gar nicht veröffentlichen werde. So eine Art Testlauf, in dem die Charaktere mir ihre Gedanken und ihre Sichtweisen verraten, indem ich sie einfach labern lasse. Funktioniert.

Wordcount heute: 1.137 Wörter
Wordcount insgesamt: 1.137 Wörter

Lieblingsstelle heute:
Aber sie hatte ja noch ein paar Jahre Zeit. Vor zweiundzwanzig musste niemand heiraten. Und Auswahl gab es schließlich genug. Hm … ob diese Shirley auch von einer Märchenhochzeit träumte? Ob sie, genau wie Gwen schon seit Jahren ihr Kleid plante und sich ständig umentschied?
Gwen warf einen Blick nach links. Shirley kritzelte verbissen auf ihrem Collegeblock herum. Nein. Nein, vermutlich nicht. Wovon Shirley wohl träumte? Von noch mehr Einsern? Aber die hatte sie schon. Mehr Büchern vielleicht. Shirley hatte eigentlich immer ein Buch in der Hand, in jeder freien Minute. Sie hatte Marten mit der Herr-der-Ringe-Gesamtausgabe auf die Nase gehauen, weil er Dom sein Essen in den Schoß geschüttet hatte. Blut war gespritzt, Schreie waren ertönt und Marten hatte gebrüllt, dass er sie verklagen würde. Am Ende hatte Shirley nur zwei Wochen Schulverweis bekommen. Nun war sie wieder da.
Vielleicht sollte Gwen ihr erzählen, dass sie auch viel las. Sie hatte daheim ein ganzes Regal voller Bücher. Nur steckte in der Mitte jedes einzelnen Buches ein Lesezeichen, denn sie hatte seit Jahren keins mehr zu Ende gelesen. Irgendwie verlor sie vorher immer die Lust und fing ein neues an. Hm. Warum wollte sie überhaupt mit Shirley sprechen? Die war schließlich die Einzige, die es schaffte, Gwen böse zu sein. Aber … na ja, vielleicht gerade deshalb? Zurückweisung war Gwen nun wirklich nicht gewohnt. Es war beinahe erfrischend. Und ein wenig beunruhigend.